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Autor:Cocaine&schon ´nen ei?

Disclaimer: Wie bereits im Untertitel angedeutet, dienten TH nur als Inspiration für die folgende Geschichte. Die Charaktere spiegeln größtenteils nicht die Wirklichkeit wider und die Ereignisse sollen auch nicht als Unterstellungen ausgelegt werden.

Rating: PG-16

Warnung: Sex, Drugs & Rock`n`Roll, Kraftausdrücke und Gewalt

Story: 3 Jahre nach der Traumkarriere. Die Dinge haben sich verändert, Bill und Tom sind mittlerweile 19 Jahre alt. Tokio Hotel gibt es nicht mehr – doch Bill will immer noch hoch hinaus. Bloß warum wird es ihm so schwer gemacht? Weshalb kann er nicht wieder da ansetzen, wo er aufgehört hat? Turbulente Zeiten sind angebrochen, denn nicht nur beruflich will es so gar nicht mehr klappen, auch privat steht für Bill die Welt Kopf…..

Genre: (Bi)shônen Ai

Pairing: Bill x Tom x Andi



~Prolog~



Leere Versprechen

Autopiloten

Spektakelbeginn

Lauter Applaus

So ist es eben

Ganz egal wer du wirklich bist

So sind eben diese

Experimente



Alles hat ein Ende

Und aufrichtige Liebe passiert nicht einfach so

Vom Winde verweht, vom Staub eingehüllt

Doch ich allein werde auf ewig bleiben

Denn ich bin das Standardmodell



~



Chapter 1: Game Over



„Es tut mir sehr leid, aber es ist schlicht und einfach nicht möglich! Ich kann nichts mehr für Sie tun, auf Wie….“ RUMMS!! Mit voller Wucht flog das Schnurlostelefon gegen die Wand und zerschellte. „Dieser verdammte Wichser!!!!!! Aaaah!!!! Das darf doch nicht wahr sein!!!“, Bill trat gegen das Sofa immer und immer wieder. Er nahm eine Blumenvase samt dem verwelkten Inhalt vom Tisch und schmiss sie gegen die Zimmertür. Es klirrte und man vernahm eine ärgerliche Stimme aus der Nachbarwohnung. „Wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank“, brummte es von nebenan und ein paar dumpfe Klopfer an die Wand folgten.



Bill sackte auf das Sofa und in sich zusammen. Er vergrub das Gesicht in seine Handflächen und hielt einen kurzen Augenblick inne. „Ich hab es schon immer gewusst. Ich wusste es doch von Anfang an. Wie konnte ich nur so naiv sein.“, flüsterte er und strich sich durchs rabenschwarze Haar. Für ein paar Minuten starrte er ins Leere, erhob sich dann und ging ins Bad.



Dort angekommen, stütze er sich an der Waschmuschel ab und betrachtete sein Spiegelbild. Der unschuldige kleine Junge von früher war verschwunden. Es schaute ihn ein entrüsteter junger Mann an, der Blick kalt und schwer, die schwarzen Strähnen dicht über den Augen.



Drei Jahre waren inzwischen vergangen. Drei Jahre war es her, dass er am Höhepunkt seiner Karriere gestanden hatte. Die verzweifelten Schreie tausender verliebter Mädchen begleiteten ihn immer noch Tag und Nacht.



Das zweite Album war auf Anhieb wieder in die Poleposition gegangen – „Frei im Freien Fall“ blieb sechs Wochen lang die unbestrittene Nummer Eins in den Singlecharts. Die „Freier Fall“-Tour 2006/2007 war ebenso restlos ausverkauft gewesen wie die „Schrei“-Tour das Jahr zuvor. Langsam aber sicher hatten auch die härtesten Kritiker Respekt vor der Leistung der jungen Band bekommen und Tokio Hotel konnten den Ruf als Eintagsfliege endgültig hinter sich lassen. Alles schien einfach perfekt, und Bill steigerte sich noch viel mehr in die Studioarbeit hinein. Er hatte täglich tausende neue Ideen und zögerte nicht, sie dem Produzententeam vorzulegen. Schließlich war es an der Zeit gewesen, sich dem dritten Album zu widmen. „Also dann Junge, leg dich noch mal richtig ins Zeug, vor dem Finale.“ David hatte dies mit einem ironischen Unterton gesagt und Bill überhörte die Wahrheit dahinter nur zu gerne. Natürlich würde der Vertrag verlängert werden, jetzt ging es doch erst richtig los….. Seine Band würde sich endgültig etablieren und sie könnten auf ewig zusammen Musik machen. Als sie erst angefangen hatten, konnte schließlich auch keiner den Hype voraussagen… Sowas weiß man vorher nie, und das Ziel ist ja auch nicht, Herzschmerz am laufenden Band zu produzieren, sondern sich musikalisch weiterzuentwickeln und die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen, ihr etwas mitzuteilen. Dies war jedenfalls Bills Überzeugung und er wog sich in Sicherheit, dass seine Bandkollegen und das restliche Team diese Einsicht teilten. Schließlich hatte er in ihnen allen so etwas wie eine zweite Familie gefunden.



Die Arbeit wurde verdächtig schnell vorangetrieben, David mischte sich gar nicht mehr viel ein und ließ Bill drauflos texten. Die Songs wurden aber für Bills Geschmack zu lieblos abgemischt, an den Melodien wurde zu wenig gefeilt und überhaupt fehlte ihm die übliche Energie und Leidenschaft, die dem Projekt ansonsten in übervollem Maße entgegengebracht worden war. Nun gut, Patrick hatte geheiratet und David steckte mit seiner Freundin auch schon mitten in der Familienplanung, aber trotzdem…. War die Band nur für Bill allein Nummer Eins…? Er hatte ein sehr ungutes Gefühl bei der Sache. Irgendetwas stimmte ganz gewaltig nicht.

Bills Instinkt hatte ihn nicht getäuscht. Die dritte Platte floppte total. Sie schaffte es nicht einmal in die Top 100 und die üblichen Kritiker hielten es nicht einmal mehr für nötig, sich das neue Machwerk genauer anzusehen. Es war stumm geworden um Tokio Hotel.

Ihren 19. Geburtstag konnten die Zwillinge in aller Ruhe im Kreise der Familie feiern – die übliche Horde wild gewordener Fans hatte ihre Zelte vor dem kleinen Häuschen in Loitsche abgebrochen. Einerseits genossen alle diese friedliche Atmosphäre – aber andererseits hatten sies schon immer lieber lauter als leise gehabt. Doch Bill interessierte gar nicht so sehr die Hysterie an sich – er hatte es richtig mit der Angst zu tun bekommen, der Angst, nie wieder das machen zu können, was ihm Lebensmut, Hoffnung und Erlösung brachte: Musik, Musik auf höchstem Niveau.



Bill lehnte sich gegen den Duschrahmen und schloss die Augen. Seit gut einem Monat waren er, Tom, Georg und Gustav aus dem Urlaub zurückgekehrt. Sofort hatte Bill sich daran gemacht, alle seine wichtigen Beziehungen spielen zu lassen und einen weiteren Plattendeal zu ergattern.

David hatte den Flop des letzten Albums als Anlass genommen, Tokio Hotel den Vertrag zu kündigen. „Es war ohnehin nur für drei Jahre ausgemacht, wenn auch informell“, hatte er gesagt. Bill war vollkommen ausgerastet und hatte David und Patrick für die missglückte Produktion verantwortlich gemacht. Er wurde einfach das Gefühl nicht los, ausgenutzt worden zu sein. David wollte partout nicht Stellung nehmen. „Sei dankbar und komm endlich wieder in die Realität zurück. Eure Anhängerschaft interessiert sich nicht mehr für Teenie-Idole…. Sie sind erwachsen geworden. Und ihr seid es auch.“, hatte Patrick nur zum Abschied gemeint und war dann von der Bildfläche verschwunden. So einfach war es also gewesen? Sein ganzes Leben, ein Wegwerfprodukt? Bill konnte es einfach nicht glauben. „Bitte David, lass es uns mit etwas Neuem versuchen, wir haben uns doch alle weiterentwickelt!!“, hatte er seinen ehemaligen Produzenten angefleht, doch der blieb kalt. „Ich habe bereits andere Pläne. Tut mir leid, Bill. Ich würde dir raten, mir in Zukunft nicht im Weg zu stehen….. Am besten ziehst du dich aus der Showbranche zurück. Die war lange genug dein Spielplatz. Also wundere dich nicht, wenn es nicht mehr klappt, ich muss dafür sorgen, dass frischer Wind in die Musiklandschaft kommt…. Gründe ne Familie oder so…. Mit dem Geld, das du verdient hast, brauchst du nie wieder nen Finger krumm zu machen…… Und nimm mich ernst, wenn ich sage, mir nicht im Wege zu stehen.“ Mit diesen Worten hatte sich David ne neue Handynummer zugelegt und Bill im Regen stehen gelassen.



Anfangs konnte Bill mit dem Gesagten nicht viel anfangen, doch es sollte ihm schon sehr bald klar werden, was David gemeint hatte. Egal, bei welcher Plattenfirma oder Künstleragentur er anrief, sie alle hatten kein Interesse, konnten „nichts für ihn tun“. Zu TH-Zeiten hätten sich alle um ihn gerissen. Was war bloß los? Er wollte mit der Band doch so gerne wieder als Devilish durchstarten…. Oder ein Soloding machen, was auch immer. Hauptsache Singen. Gut, er hätte auch Werbedeals und Modeljobs angenommen, aber nicht einmal dort wollte man ihn haben! Es war wie verhext.

Seine Bandkollegen genossen die Auszeit noch immer und Georg und Gustav hatten sich auf eine lange Weltreise gemacht. Sein Bruder Tom war sehr damit beschäftigt, seine Jugend zu genießen und ließ es so richtig krachen. Er wohnte jetzt hier in Köln mit Bill zusammen, so wie sie es schon immer vorgehabt hatten. Es schmerzte ihn ziemlich, Bills vergebliche Versuche mitanzusehen, wieder ins Showbiz zurückkehren zu wollen. Tom tat es um Tokio Hotel zwar auch leid, aber er hatte das Ganze schon immer etwas nüchterner betrachtet. Für ihn war die Band zwar viel, sehr viel, sehr sehr sehr viel gewesen. Aber nichts alles.



Doch warum wurde es Bill überhaupt so schwer gemacht? Wieso hatte sich die gesamte Musikwelt plötzlich gegen ihn verschworen? Das war alles viel zu verdächtig. Dann, vor einigen Tagen, hatte sich in ihm ein unheimlicher Verdacht zugespitzt. David. Er steckte bestimmt dahinter. Und hatte Bill alle Beziehungen gekappt. Von Anfang an hatte er auf dem längeren Ast gesessen. „Wie eine verdammte Marionette“, flüsterte Bill vor sich hin, denn genauso fühlte er sich. Aber warum nur? Warum wollte David ihn aus dem Weg räumen? Irgendetwas braute sich da zusammen, irgendetwas, wo Bill auf keinen Fall dazwischenfunken durfte. Nur was?

„Ich muss durch den Monsun, hinter die Welt…“ – Bills Handy läutete mit dem Realton. Aus Nostalgie hatte er sich die Melodie eingestellt, doch in diesem Augenblick bereute er es sehr, denn in seiner momentanen Verfassung versetzte das Lied ihm einen Stich ins Herz. Er schnappte nach Luft und besann sich sogleich – das Handy klingelte schließlich nicht umsonst, vielleicht sollte er abheben. Zumal es die Nummer seiner Freundin war, wie er dem Display entnehmen konnte.

„Hey Nici, ja… Nein ich bin alleine…. Nichts Besonderes…. Jetzt gleich? Gut, komm vorbei….“ Ausgerechnet jetzt wollte Nicole vorbeikommen. Sie schien ihm aber etwas Wichtiges mitteilen zu wollen, von daher nahm sich Bill die Zeit.



Bill hatte Nicole ganz zu Beginn von Tokio Hotel kennen gelernt, als er und Tom sich mit ein paar Groupies vergnügten. Mit ihr konnte er nicht nur super viel Spaß im Bett haben, sondern auch über Gott und die Welt reden. Nach ein paar Treffen hatte er beschlossen, sie zu behalten und so waren sie mittlerweile drei Jahre zusammen.

Nicole hatte schulterlange schwarze Haare, eine sexy Figur und war verdammt hübsch. Die ganze Zeit über hatte Bill im O-Ton mit den anderen behauptet, solo zu sein. Aber was soll`s – die Fangemeinde wollte doch belogen werden. Und im Grunde ging es niemanden etwas an.



Leider war in letzter Zeit die Leidenschaft etwas verflogen und Bill überlegte, Schluss zu machen. Alles hat mal ein Ende, und wenn die Gefühle abflauen, hat es wohl keinen Sinn mehr……. Außerdem hatte er viel zu wenig Zeit für das Mädchen. Er und Tom mussten sich um ihre Mutter kümmern.



Das war der nächste Schicksalsschlag gewesen: Siemone war vor einigen Monaten an Brustkrebs erkrankt und befand sich seit geraumer Zeit in Therapie. Zum Glück war das Finanzielle kein Problem, ihre Jungs hatten ja genug Geld gemacht. Die Heilungschancen standen auch relativ gut, nur zog sich die Sache ganz schön dahin. Siemone hatte genug Pfleger und Sanitäter um sich, doch natürlich freute sie sich am meisten, wenn ihre Kinder ihr einen Besuch abstatteten. Und das taten Tom und Bill auch, so oft sie konnten.



DING DONG. Es läutete an der Tür und Bill eilte auch schon hin. Bevor er aufmachte, beschoss er innerlich noch mal, es für heute gut sein zu lassen und sich ganz auf seine Noch-Freundin zu konzentrieren. Immerhin hatte sie sich nervös angehört am Telefon und wer weiß, vielleicht würde jetzt die nächste Hiobsbotschaft ins Haus flattern. Nach allem was passiert war, könnte es aber eigentlich nur noch besser werden. Oder?



„Hey….“, Nici flatterte in die Wohnung und geradewegs in Bills Arme. Sie schlang ihre um seinen Hals und wollte in einem innigen Begrüßungskuss versinken. Ihre Liebe zu Bill hatte nie nachgelassen – als Groupie hätte sie alles für ihn getan, als Freundin war sie mächtig stolz und konnte ihm stets vertrauen. Anders als sein Bruder würde er eine Beziehung nicht so leichtsinnig aufs Spiel setzen. Leider wurde der Kuss nicht wirklich erwidert, Bill blieb distanziert, ließ sich aber weiterhin im Arm halten. „Na toll…. Hast du die Sache von letzter Woche immer noch nicht verkraftet.“, meinte Nici angesäuert und ließ Bill los. „Ich hatte dir doch gesagt, dass es wichtig für meine Karriere wäre, der Termin war….“ „Nein schon gut, deine zweifelhaften Methoden auf dem Weg zum Ruhm kosten mich mittlerweile nur mehr ein müdes Lächeln“, unterbrach Bill sie barsch und setzte eben dieses auf. Nicole schluckte und biss sich auf die Unterlippe. „Danke auch. Aber wie auch immer, ich werde es genauso machen, wie ich es für richtig halte.“ Man muss wissen, Nicole tüftelte schon länger an einem Modelvertrag. Allein der Agent von letzter Woche verlangte das bisher zweideutigste Material. Obwohl es zwischen ihr und Bill ein ungeschriebenes Gesetz war, dass er auf die Blicke der anderen Männer nicht eifersüchtig sein würde, hatte ihn das, was in dem Fall so verlangt wurde, doch ziemlich schockiert. Außerdem war sie in letzter Zeit immer mehr unterwegs und immer weniger für ihn da….. Wo er doch so dringend jemanden gebraucht hätte. Irgendwie fühlte er sich von allen alleine gelassen.

„…. Und der andere Typ würde dann eventuell nackt auf mir liegen….. Hallo, Bill? Hörst du mir überhaupt zu?“, Nici wurde zunehmend ungeduldiger. „Ja ähm…. Sehr gute Idee“, stotterte Bill nur, aus seiner Gedankenwelt gerissen. „So so.“ Seiner Freundin war ziemlich klar, dass er gar nicht hingehört hatte. Eine Zeit lang schwiegen sich beide einfach nur an. Dann erhob sich Nici langsam und fing an, unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. Bill schaute sie nur fragend an. „Also Bill, hör mal…… Wir hatten in letzter Zeit so einige Probleme…… Unsere Beziehung….. War immer so harmonisch gewesen, trotz der tausend Liebsbriefe deiner Fans…“, fügte sie schmunzelnd hinzu. Noch verstand Bill nicht so richtig, worauf sie eigentlich hinauswollte. Dann blieb Nicole vor ihm stehen. Er schaute zu ihr auf. „Es wird nicht leichter für uns beide….“, meinte das Mädchen. Bill dachte angestrengt nach. Huch! Würde sie jetzt gar vor ihm Schluss machen wollen? „Bill…. Ich liebte dich vom ersten Augenblick an…… Wie tausende anderer Mädchen……“, setzte Nicole fort. „Nie hatte ich auch nur einmal daran gedacht, unsere Beziehung zu beenden. Ich war so glücklich mit dir, weil du so ein liebenswürdiger, offener Mensch bist. Ein Fan konnte noch so unansehnlich sein, nie hättest du auch nur eine Miene verzogen. Tom ist da anders….“ Beide mussten etwas grinsen. „Bill…. Ich…. Wir….“, sie hielt einen Augenblick inne, wandte sich von ihm ab und schnappte nach Luft. Bill wagte es nicht, auch nur mit der Wimper zu zucken. Was würde jetzt kommen? Es war vielleicht wirklich besser, sie machte Schluss, dann würde es ihr wohl nicht so weh tun……..

Ruckartig drehte Nicole sich wieder um und fiel vor Bill auf die Knie. „Bill, mein Liebster, Einziger, willst du mich heiraten?“

Bill fiel einfach nur die Kinnlade meterweit nach unten. Das konnte doch wohl nicht ihr Ernst sein? Mit allem hätte er jetzt gerechnet, nur nicht mit einem Heiratsantrag…..! Nicole schaute ihn erwartungsvoll an, ihre Augen blickten direkt in seine. „Ähm…. Sehr modern“, brachte Bill schließlich heraus, und seine Stimme überschlug sich. Er räusperte sich und blickte dann auf den Boden. „Wie bitte? Ist das alles, was dir dazu einfällt??“, Nici entfernte sich langsam ungläubig von ihm. „Junge, ich hatte dich was gefragt!!!“ Bill merkte, dass seine Freundin langsam wütend wurde. Ihre Wutanfälle waren berühmt-berüchtigt – genauso wie seine. Mit dem Nachbarn konnte man richtig Mitleid haben, was der schon so alles mitanhören durfte. „Also Nicole, das kommt so überraschend….“, Bill versuchte sich aus der Affäre zu reden. „Na komm, nach drei Jahren ist es doch gar nicht so abwegig!“ Nicole ließ nicht locker. „Also ähm, Nici…. Ich will ehrlich zu dir sein, ich bin noch überhaupt nicht bereit für solch einen…. Großen Schritt“, hatte Bill es endlich hinter sich gebracht. Nici fühlte, wie sich in ihrem Hals ein Kloß bildete. Sie war sich so sicher gewesen….. Aber warum eigentlich? Diese Frage birgt doch ein enormes Risiko in sich! Sie war wohl zu sehr von sich und der Beziehung überzeugt gewesen. Und jetzt war sie geradewegs auf die Schnauze gefallen. Allerdings…. War da noch etwas. Sollte sie die Trumpfkarte zücken? „Bill…. Es ist nur so, ich finde, Kinder sollten in einer intakten Familie aufwachsen…..“, sagte sie leise, fast flüsternd. Nun verstand Bill wirklich nur Bahnhof. „Kinder? Welche Kinder?“ Er konnte sich nicht erinnern, ein Kind zu haben. Doch Nicole war jetzt endgültig der Geduldsfaden gerissen, mit so wenig Bereitschaft zum Mitdenken hatte sie nicht gerechnet. Was war bloß mit ihrem sonst so einfühlsamen Freund los?? „Mensch Bill, füg doch eins und eins zusammen!!! Denk einfach mal scharf nach, ja? Was könnte ich bloß meinen, was bloß???!!“ Sie war die perfekte Drama-Queen. Ungeduldig stampfte sie im Zimmer auf und ab und spießte Bill immer wieder mit Blicken auf. Dieser wurde zunächst etwas bleich. „Nein…. Du bist nicht etwa….“, natürlich hatte er es geahnt, aber trotzdem kam es so plötzlich. „Ja, ich bin schwanger. Ich erwarte ein Kind von dir, Bill.“ Endlich hatte sie es ausgesprochen. Irgendwie wurde ihr leichter ums Herz und sie konnte sich schließlich beruhigen. Sie setzte sich neben Bill. „Bist du dir sicher, dass es….“, startete Bill einen erneuten Versuch. „Ja, ich bin mir sicher. Es ist von dir, was denkst du dir eigentlich?“ Bill spürte instinktiv, wie sich wieder langsam das Tor zur Hölle öffnete. Aber nur einen klitzekleinen Spalt – wenn er jetzt nicht länger auf das Thema Kindesvater eingehen würde. „Ja ähm….. Es kommt zwar sehr plötzlich, aber ehrlich gesagt überrascht mich in letzter Zeit nichts mehr.“, fing er an. „Was meinst du denn damit?“, Nicole verstand nicht so richtig. Bill hatte sie nicht in seine Vermutung mit David eingeweiht. „Egal…. Du Nici, keine Frage, irgendwie freu ich mich natürlich…“, setzte Bill fort und augenblicklich begann Nicis Gesicht zu strahlen. „Gott sei Dank, und ich dachte schon……!“, jetzt heulte das Mädchen Freudentränen und fiel Bill um den Hals. Erneut wollte sie ihn küssen, doch er drückte sie sanft aber bestimmt von sich weg. „Was…?“, Nici war nun endgültig verwirrt. „Hör mal Nicole, ich werde auf jeden Fall für das Kind sorgen und finanziell haben wir sowieso keine Probleme, das weißt du, aber dich zu heiraten passt momentan so gar nicht in mein Leben…..“, startete er einen Erklärungsversuch. Schluss machen konnte er mit ihr jetzt ganz und gar nicht, auch wenn es das einzig Richtige gewesen wäre. Denn ihm wurde augenblicklich klar, dass sogar die Aussicht auf ein Kind die Bindung zu Nicole nicht intensiver machte. Er liebte sie nicht mehr.



Als ob sie seine Gedanken gelesen hatte, trocknete das Mädchen die Tränen, stand auf, schnappte sich ihre Sachen und verließ fluchtartig die Wohnung.



Jetzt war Bill wieder allein. Wieso kam in letzter Zeit bloß immer alles zusammen? Die Verschwörung gegen ihn, von der er mittlerweile überzeugt war, die Krankheit seiner Mutter und jetzt auch noch Nici…. Aber das wollte er jetzt einfach mal verdrängen, denn ein schlechtes Gewissen hatte er ganz und gar nicht. Er würde sie ja unterstützen. Aber bis dahin waren es neun Monate, wer weiß was noch alles passieren würde……. Schluss, Schluss mit dem Grübeln – Bill wollte den Kopf leer kriegen, er brauchte etwas Ablenkung. So schnappte er sich die Fernbedienung und schmiss sich vor die Glotze.

Dämliche Quiz-Shows…. Gerichtssendungen… Cartoons…. Was für ein Müll nur um diese Uhrzeit gesendet wurde. Dann schaltete er auf VIVA. Und wurde sofort hellhörig. In dem ihm so gut bekannten VIVA Live-Studio saßen vier äußerst extravagante Gestalten und wurden von der hübschen Moderatorin interviewt. Gebannt starrte Bill auf den Bildschirm. „… Ja und ich habe gehört, die Dreharbeiten zu eurem Nummer 1-Hit waren ganz schön anstrengend?“, richtete die Moderatorin eine Frage an eine der vier Gestalten und hielt das Mikrofon hin. Jetzt schwenkte die Kamera näher an das befragte Objekt und Bill platzierte sich direkt vor den Fernseher. In der Nahaufnahme konnte man erkennen, dass es sich um einen ca. 14-jährigen Jungen handelte – ein hübsches Kerlchen, sehr feminine Gesichtszüge, wie auch bei Bill selbst. Doch das Auffälligste waren seine langen, glatten ~blauen~ Haare. Sein Outfit war auch wie von einem anderen Stern. Weiße Rüschenbluse, dazu eine schwarze Lackhose. Sehr Glam-Rock. Der Junge ergriff sogleich das Mikro und laberte munter drauflos. „Ja also da hatten wir ja diese Kulisse, ne? Nicht wie sonst Bluebox, es war richtig schön aufgemalt tja und so hatte man den Eindruck, wirklich im Weltall zu sein…. Kennst du das Disneyland in Paris? Bei der einen Attraktion….“ Plötzlich riss ihm sein Nachbar das Mikro aus der Hand und quasselte weiter: „Manu meint das Space Gadget, der Rollercoaster im Dunkeln, wo man nur Sterne um sich hat….“ Der Achterbahn-Experte hatte schulterlange, knallrote Haare und ebenfalls wunderschöne Gesichtszüge. „Aaaaaaalles klar – eure Fans durchleben mit euch in letzter Zeit ja auch quasi eine Achterbahnfahrt, ne? Die ganzen Skandale, Alkoholexzesse….“ Die Moderatorin hatte wieder das Wort an sich gerissen. Wie bitte? Welche Exzesse? Die waren doch höchstens 15…. Bill verstand immer noch nicht so richtig, was das Ganze hier eigentlich sollte. Jetzt konnte man auch die anderen vier in Nahaufnahme sehen. Sie standen den beiden von vorhin in nichts nach. Äußerst gut aussehend – der Eine eine wilde grüne Punkfrisur, der andere rabenschwarze Dreadlocks. Wie Tom! Bill riss es plötzlich in die Höhe. Sein Bruder Tom hatte sich vor einiger Zeit die Haare auch schwarz gefärbt – als Mutter Siemone erkrankt war. Obwohl es ein Zeichen der Trauer werden sollte, stand es ihm ausgezeichnet – und er war seinem Zwillingsbruder auf Anhieb ein kleines Stückchen ähnlicher. Wie sich das anhörte! Zwillinge sehen doch fast gleich aus….. Mit einem Mal fügte Bill eins und eins zusammen. Diese vier aufgeweckten Gestalten da vor ihm auf dem Bildschirm, die alle locker lustig durcheinander redeten (die Moderatorin hatte so ihre Mühe), sahen alle wie geklont aus! Doppelte Zwillinge? Was ging denn da ab?? Bill musterte die Shooting Stars immer und immer wieder, soweit es die Kameraeinstellungen eben erlaubten. „So…. Und hiermit gehen wir in die Werbung! Bleibt dran, es geht nämlich weiter mit Kinetic Power!“ Aha, so also der Arbeitstitel. Bill schaltete den TV aus und ließ sich nach hinten auf das Sofa fallen. Und er hatte gedacht, ihn konnte nichts mehr überraschen. Hier waren sie also, die neuen Teenie-Idole. Ersatz für Tokio Hotel. Ziemlich originell, das musste er zugeben. Und trotzdem…. Bill wurde nostalgisch. Die ganzen Erinnerungen an seine eigene Zeit als Jungstar kamen auf und trieben ihm Tränen in die Augen….. Er hatte damals jede einzelne Sekunde genossen. Bill wusste, was ihm in solchen Momenten half. Er schwang sich vom Sofa, schnappte sich seinen Schlüsselbund und lief in die Küche. Dort angekommen, öffnete er die Tür der Abstellkammer. Er betrat allerdings nicht etwa ein Vorratslager, nein, Bill stieg in eine völlig andere Welt – eine Welt voller bunter Schachteln, unterschiedlichster Kuscheltiere und viel, viel geschmücktem Papier. Es roch nach Blumen und Parfüm. Hie und da rankte ein BH oder Höschen aus dem Gerümpel. Alles Geschenke und Liebesbriefe seiner Fans. Ehemaligen Fans? Wie viele der Liebesbriefe waren heute noch gültig? Wie viele waren jemals ernst gemeint gewesen? Bill fischte sich willkürlich einen raus. Er schluckte und öffnete den Brief. Nach der ersten Zeile trieb es ihm fast Tränen in die Augen. „…. Was auch immer passiert, ich werde immer zu dir halten, ich liebe dich Bill, für immer und ewig…. Ruf mich an, Bill, ich werde Tag und Nacht für dich da sein, wenn es dir mal nicht so gut geht….. Marlene, 1-54-578….“ Bill legte den Brief wieder weg. Oder vielleicht…. Sollte er anrufen? Einfach so, aus Neugier….? Während Tokio Hotel Zeiten wäre so etwas unmöglich gewesen. Telefonischer Kontakt zu Fans war strikt verboten. Bill verstand auch ganz genau warum, und überhaupt hätte er es nie gewagt, seine Karriere aufs Spiel zu setzen. Tom fühlte sich allerdings geradezu provoziert…. Bill und er hatten mal richtig Streit gehabt, weil Bill seinen Bruder beschuldigt hatte, immer nur an sich und seinen Schwanz zu denken und Bills künstlerischen Selbstverwirklichungsdrang so gar nicht nachvollziehen zu können…. Tom…. Irgendwie war er um so vieles unverwundbarer als Bill – vor, während und nach Tokio Hotel. Er war furchtloser und abgebrühter, von Regeln hatte er nie viel gehalten. Vielleicht ging es ihm ja genau deshalb jetzt nicht so dreckig wie Bill. Irgendwie bewunderte Bill diese Coolness an Tom sehr. Ja er wünschte sich regelrecht, Tom würde ihm etwas davon abgeben… Oder zumindest…. Ihn etwas beschützen, abschirmen, für ihn da sein…. Bill hatte die Idee mit dem Brief verworfen, sperrte die Abstellkammer wieder zu und starrte aus dem Fenster. Ihm wurde plötzlich bewusst, dass ihm eigentlich niemand jemals so nahe gestanden hatte wie sein Zwillingsbruder. Auch Nicole hatte es niemals geschafft – ob sie es ahnte? Eigentlich hatte Bill immer gedacht, etwas weniger Muttersöhnchen geworden zu sein, seit er eine feste Freundin hatte. Doch es hatte ihn selbst schockiert, wie plötzlich er sich entliebt hatte. Doch so sehr er seine Mutter liebte….. Wenn es jemanden gab, dem er mehr als Nicole anvertraut hatte, dann war es Tom gewesen. Und auch jetzt wurde Bill bewusst, dass es nur einen geben würde, der ihm etwas Trost spenden könnte. Er wollte keine Nicole, keine Kumpels, keine Mama….. Er wollte zu Tom, seinem Bruder, seinem besten und vielleicht einzigen richtigen Freund. Die Sehnsucht überkam ihn so stark, dass Bill wie in Trance nach seinem Handy griff und Toms Nummer wählte. Nach einigen Tütsignalen ging der auch ran. „Ja hi Bruderherz…. Wo treibst du dich denn so rum….? Ja ich bin zu Hause… Ja den ganzen Tag schon… Ja dies und das… Vermiss dich…. Ja im Ernst! Was ist so unglaublich daran….?! Mensch Tom, würde mich einfach mal freuen, wenn du nach Hause kämst…! Ja mach hinne Alter!“, damit war das Telefonat beendet. Bald würde Tom heim kommen. Bald…. Das hieß wohl wieder erst um 2, 3 Uhr morgens…. Bills Bruder trieb sich in letzter Zeit so viel rum, das was einfach unglaublich! Er hatte eine eingeschworene Clique, mit denen er um die Häuser zog. Er hatte sich seine Freunde sorgfältig ausgesucht – Bill verstand sich auch ganz gut mit ihnen, und wäre er nicht in so einer depressiven Phase, wäre er wohl auch viel unterwegs mit ihnen gewesen. Er selbst hatte nie viel Zeit gehabt, sich einen großen Freundeskreis aufzubauen…. Entweder war da die Musik oder die Freundin. Toms Single-Dasein brachte eben so einige Vorteile mit sich. Vor allem viel Abwechslung. Kaum waren die Zwillinge nach Hamburg gezogen, hatten sich „Tommy Deluxe und Co.“ einen Namen in der Szene gemacht. Mittlerweile kamen sie in alle Clubs ohne Anstehen und Eintritt zahlen, hatten Rabatte in den Striplokalen und den ein- oder anderen Trip geschoben. Tom teilte Bill immer alles in allen Einzelheiten mit. Bill war immer sehr kritisch, was Toms Dealer anging – abhalten konnte er ihn von seinen Spielereien wohl nicht mehr, und er hatte auch selbst mal hie und da was probiert – wenn man sich unter Kontrolle hatte, musste es ja nicht zwangsläufig böse enden. Nur in einer miesen Laune sollte man die Finger lieber von dem Zeug lassen. Da Tom aber immer bestens gelaunt war, drohte ihm wohl kaum ein gröberes Unheil……

WUMMS! Die Tür flog auf. „Bin da, mein Sensibelchen!!“ Tom polterte in die Wohnung und kam geradewegs auf Bill zugestürmt.

„Waah…“ , Bill hielt sich die Hände schützend vors Gesicht und trat einen Schritt zurück – doch es nützte nichts, Tom hatte sich ihn geschnappt und durch die Gegend gewirbelt. Er hatte in den letzten Jahren aufgeholt und war genauso groß wie Bill geworden – sogar ein klitzekleines Stückchen größer. „Lass den Unfug, lass…. Mmm…“

Doch Bill konnte gar nicht zu Ende reden, Tom hatte sich ihn über die Schulter geschmissen und war zum Sofa marschiert. Dort angekommen, lieferte er seinen Zwilling ziemlich unsanft ab – und kassierte sogleich einen Polster ins Gesicht. „Deine Unarten in letzter Zeit, wirklich….“, schimpfte Bill gekünstelt und richtete sich auf. Ihm war schon viel leichter ums Herz – nur Tom schaffte es, ihn von seinem Trübsinn abzubringen. Und dabei so natürlich! Es war einfach Toms Art, gute Laune zu verbreiten, er musste sich dazu gar nicht so sehr anstrengen….

Beneidenswert!, dachte Bill. Wenn er selbst wo reingeschneit kam, breitete sich gleich ein Hauch des Mysteriösen aus und er erntete bewundernde Blicke – aber viele hatten so ihre Hemmungen, auf ihn zuzugehen. Egal wo Tom auftauchte, herrschte Partystimmung. Dieser Junge hatte es in dieser Hinsicht einfach drauf. „Sag mal, was musterst du mich so genau? Hab ich was im Gesicht?“, Tom lief sofort zum Spiegel. Was Eitelkeit anbelangte, stand er Bill in nichts nach. „Nein Brüderchen, ich war nur verdammt froh, dass du endlich nach Hause gekommen bist….“, meinte Bill, ging Tom nach und lehnte sich von hinten an seine Schulter. „Ja, ne? Schau mal auf die Uhr, es ist erst 10 und ich bin schon zurück… Die anderen wollten mich noch ins „Strobe“ mitschleppen, aber da du dich so verzweifelt angehört hast, hab ich mir Sorgen gemacht….“ Wie süß! Bill knuddelte Tom richtig durch. „Dankeschööööön, das werde ich dir nie nie nie nie vergessen!“ Bill strahlte richtig.

Mit einem Mal schienen seine Sorgen ein klitzeklein wenig besorgniserregender. „Was war denn nun los?“, erkundigte Tom sich. „Ach nichts, das Übliche…. Kein Glück bei den Agenturen, Stress mit Nici….“, fing Bill an zu erzählen. „So so. Hast du mit der Alten immer noch nicht Schluss gemacht?“, ließ Tom einen seiner typischen Machosprüche los, „Billy Billy, schieß sie endlich in den Wind und schließe dich mir und den anderen an… Hey im „Chucks“ gibt`s ne Neue, ich sag dir, die hat vielleicht Moves an der Stange drauf….“ Bill raufte sich die Haare. „Aaaah! Tom!! Das hört sich ja echt toll an, aber vermutlich werde ich bald nen Kinderwagen durch die Gegend schieben, anstatt mich mit Stripperinnen zu vergnügen….“ Tom fiel die Kinnlade runter. „Nein Alter, hastes geschafft Nic zu schwängern??“ „Ja stell dir vor, war auch gar nicht so schwer!“, fuhr Bill ironisch fort. „Aber das Geilste war ja: Sie hat mir nen Heiratsantrag gemacht!“ „Sie hat WAS?!“, Tom fand das alles tierisch amüsant. Obwohl Bill noch die Dramatik der Lage sehr gut in Erinnerung hatte, konnte er es auf einmal auch etwas nüchterner betrachten.

Und sogar ein bisschen darüber schmunzeln. Auch wenn es Nici gegenüber nicht gerade fair war… Sie hatte es ernst gemeint. Aber naja, jetzt konnte Bill ein paar Lacher gut gebrauchen. Nur mit Tom konnte er so offen reden….. Es war unheimlich befreiend. „Und, haste angenommen? Darf ich Trauzeuge sein?“, bohrte Tom nach. „Yep, nächste Woche ist die Hochzeit.“, meinte Bill. Tom riss die Augen meterweit auf. Bill schaute ihn weiterhin lässig an. Doch dann konnte er ein weites Grinsen nicht mehr unterdrücken. „Puuuh…. Das wäre ja auch zu viel für meine Nerven gewesen…“, Tom war erleichtert, dass es nur auf die Schippe genommen worden war und fing augenblicklich damit an, von der Heirats- und Scheidungserfahrung einer seiner Kumpels zu erzählen……



Nach gut einer Stunde Redens und Lachens und Ausdiskutierens der aktuellen Tagesereignisse (Tom hatte immer sehr viel zu erzählen von seinen Abenteuern), hatten sich die Brüder schlafen gelegt. Morgen würden sie ihrer Mutter einen Besuch abstatten. Der Weg nach Magdeburg würde sie eine lange Autofahrt kosten…. Dazu sollten sie lieber ausgeruht sein.

Beide lagen schon in ihren Betten, da fiel Bill noch etwas ein. „Du, Tom?“ „Hm?“ „Kennst du Kinetic Power?“ Ein paar Schweigesekunden folgten, in denen Tom nur etwas vor sich hinmurmelte. „Ach sooooo…. Diese neue Teenie-Band! Werden als unsere Nachfolger gehandelt! Ja, lustige Kerlchen!“, fiel es ihm urplötzlich wieder ein. Bill versetzte es einen kleinen Stich. Wie konnte Tom es nur so locker sehen? Er wollte keine Nachfolger haben… Er wollte selbst noch das Teenie-Idol sein! Aber naja, vielleicht war er auch echt zu sensibel für diese Welt….. „Nächste Woche geben sie eh ein Konzert hier in Hamburg! Könnten ja hingehen, nur so zum Spaß…. Deren Tour ist auch ausverkauft, wie bei uns damals.“, meinte Tom noch. Doch Bill war schon eingeschlafen……. Er hatte eindeutig genug für heute.

Chapter 2: Home, sweet home

„Nothing can stop us, not now I love you…. They not gonna get us, they not gonna get us!” – zu ihrem absoluten Lieblingslied brausten die Twins durch Hamburg, Richtung Autobahnauffahrt. Tom am Steuer seines Hummers, Bill relaxed daneben. Wie sehr er diese wilden Autofahrten liebte! Tom war ein exzellenter Fahrer – neben ihm fühlte Bill sich immer sehr sicher, egal wie knapp die gekratzten Kurven auch waren.

Allerdings wusste Bill von der ein- oder anderen äußerst brenzligen Situation gar nicht. Bereits das ein- oder andere Mal hatte Tom an seinen Schutzengel geglaubt. Er liebte es schnell und gefährlich und gestaltete am liebsten sein ganzes Leben nach diesem Prinzip….. Da war so ne Spritztour das wohl naheliegendste Ventil. Natürlich legte er meist nur dann richtig los, wenn er alleine im Wagen war…. Schließlich wollte er keinen anderen in Gefahr bringen, und schon gar nicht seinen Zwillingsbruder. Also kam es Bill wild vor, obwohl sich Tom eigentlich für seine Verhältnisse sehr zurücknahm. „Zum Glück weiß Mama nicht, auf welche Art und Weise wir bei ihr angecruised kommen hehe….“, scherzte Bill und schickte dem erzürnten Lastwagenfahrer rechts, den sie gerade geschnitten hatten, ein Luftbussi. „Es täte ihr überhaupt besser, nicht dahinterzukommen, welchem Lebensstil wir in Hamburg so frönen…“, meinte Tom grinsend.

„Welchem Lebensstil DU frönst, Tom, DU bist derjenige mit dem One Way Ticket zur Hölle….“, fiel ihm Bill ins Wort. „Papperlapp, du wirst ab jetzt auch wieder öfters mitziehen, ich verstehe gar nicht, was mit dir los ist in letzter Zeit? Wieso jagst du irgendwelchen nichtvorhandenen Aufträgen hinterher? Wir können tun und lassen was wir wollen, wir schwimmen in Kohle, wir haben unseren Teil erledigt – wann wirst du das endlich kapieren?“, redete Tom auf Bill ein. „Nein, Tom, ich kann das nicht…. Ich will wieder dahin, wo ich hingehöre – in den Starhimmel.“ Tom musste laut loslachen. „Wie eingebildet bist du eigentlich?“ „Ich vermisse die Studioarbeit, die Auftritte, den ganzen Rummel….“, fing Bill an zu erklären. „Workaholic!“, meinte Tom nur kopfschüttelnd. „Mag sein…. Ich bin irgendwie noch nicht fertig mit der ganzen Szene….“, setzte Bill fort. „… Aber sie anscheinend mit dir.“, unterbrach ihn Tom ziemlich unsanft. Kurz überlegte Bill, ob er schmollen sollte. War doch eigentlich eine ziemlich fiese Meldung gewesen, zumal Bill ja an eine Verschwörung gegen sich glaubte. „Du Tom…. Ich hatte es dir noch nicht erzählt, aber ich vermute David dahinter.“, ließ Bill die Bombe platzen.

Tom verstand nicht so richtig. „Hä? Unseren David? Wohinter?“, fragte er verwirrt. „Na…. Dass ich nirgends genommen werde. Dass er mir alle Aufträge sabotiert. Weißt du noch, Lukas Hilbert? Der hatte gemeint, er würde jederzeit was mit mir machen wollen und ich solle mich doch mal melden, wenn es mit Tokio Hotel nicht mehr so klappt…. Jetzt hat er aber plötzlich überhaupt kein Interesse mehr.“, erklärte Bill. „Verstehe…..“ Es herrschte eine kurze Schweigeminute. „Willst du ihn zur Rede stellen?“, meinte Tom schließlich. „Ja wie denn? Er ist komplett untergetaucht, weder bei der Auskunft noch sonst wo krieg ich Nummer, geschweige denn Adresse. Und unsere ehemaligen Kontaktpersonen sind wohl sowieso alle vorgewarnt…..Von denen erreiche ich auch keinen mehr“, seufzte Bill nur. Die Stimmung im Auto wurde düster und jetzt fing es auch noch zu nieseln an. „Toll…. Regen….“, brummte Tom missmutig. Es war eigentlich ein sonniger Frühlingstag gewesen, und nun braute sich ein Gewitter zusammen. „Yep, zum Glück sind wir bald da.“, stimmte Bill seinen Bruder wieder etwas positiver.



Nach einer weiteren Stunde waren sie schließlich in Magdeburg angekommen.

Auf dem Weg zum Krankenhaus zeigte sich wieder einmal, wie verschieden die beiden Brüder waren. Während Bill kein Wort sprach und wie ein Häufchen Elend dasaß, brabbelte Tom die ganze Zeit irgendein belangloses Zeug. Tom wusste genau, dass Bill nicht zuhörte und ihn das Reden doch ablenkte. Vor allem aber lenkte es Tom selbst auch ab.

Bill hasste Krankenhäuser und machte am liebsten einen großen Bogen um sie. Für die Mutter hatten sie einen Platz in einer Luxusklinik besorgt. Dort glich alles mehr einem Nobelhotel, aber dennoch wurde es Bill flau im Magen, als sie nun auf den großen Parkplatz einbogen.

"Vergiss die Blumen nicht", mahnte er Tom.
"Und wenn schon. Hier gibt es doch eh jeden Tag neue Blumen auf den Zimmern", antwortete Tom gelassen.
"Willst du etwa mit leeren Händen kommen?", schnauzte Bill ihn an, dem man nun die Nervosität deutlich anmerkte.
"Ist ja schon gut", beschwichtigte Tom und nahm den Strauß vom Rücksitz. "Wollen wir zuerst mit dem Arzt reden? Ich meine nur, damit wir wissen, was los ist. Mutti sagt uns doch bestimmt nicht die Wahrheit, wie es ihr geht."

Bill verzog das Gesicht und fasste sich theatralisch an die Schläfen. "Tom, ich kann das nicht hören. Verstehst du? Ich ertrag das einfach nicht. Also, wenn du das vielleicht …"
"Schon klar, ich mach das."
"Ich warte solange im Park, auf der Bank da drüben."

Die Minuten wurden für Bill zur Qual. Nervös kaute er auf den Fingernägeln und blickte auf den Eingang der Klinik, in dem Tom vor einer halben Stunde verschwunden war. Er malte sich in düsteren Farben aus, was der Arzt wohl sagen würde. Und je länger es dauerte, desto sicherer war Bill sich, dass es nicht gut um ihre Mutter stehen würde. Am liebsten hätte er losgeheult.

Schließlich kam Tom aus der Tür und winkte Bill zu sich.

"Was ist? Was hat er gesagt?", fragte Bill, der vom Laufen und der Aufregung außer Atem war.
"Also ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich alles verstanden habe. Aber soweit ich es mitbekommen habe, läuft bei der Behandlung alles nach Plan, aber ein Risiko bleibt. So genau wollte er sich halt nicht festlegen. Klang aber optimistisch."
"Das ist typisch. Die wollen einen doch nur beruhigen", schimpfte Bill.
"Er meinte das sei alles Routine und die Heilungschancen sehr gut. Was hast du denn erwartet?"

Bill wusste selbst keine Antwort auf diese Frage. Die Nachricht von einer Wunderheilung wäre ihm natürlich am liebsten gewesen. Aber das war ziemlich naiv, wie er zugeben musste.

"Ich hasse das alles hier – das Krankenhaus, die Ärzte, selbst die verfickten Vögel im Park. Das riecht alles nach Krankheit und Tod. Scheiße!", fluchte Bill.
"Eh, nun krieg dich mal wieder ein. Die kümmern sich hier alle prima."

Aber Bill wollte sich nicht beruhigen lassen. Er schlug die Hände vors Gesicht und fing an zu schluchzen. So sehr er sich auch mühte, er konnte die Tränen nicht unterdrücken. Tom fasste ihn zärtlich am Arm und zog ihn an sich.

Aber Bill wollte sich nicht beruhigen lassen. Er schlug die Hände vors Gesicht und fing an zu schluchzen. So sehr er sich auch mühte, er konnte die Tränen nicht unterdrücken. Tom fasste ihn zärtlich am Arm und zog ihn an sich.

"Das wird schon alles gut werden. Mach dir nicht so viele Gedanken. Die Ärzte wissen, was sie tun", sagte er mit beruhigender Stimme, während er Bill fester an sich drückte.
Bill genoss die Berührungen seines Bruders. Er legte den Kopf auf Toms Schulter und presste sich an ihn. Ein wohliger Schauer durchzuckte ihn, als Tom begann, sanft seinen Rücken zu streicheln.
"Nun hör auf zu weinen", bettelte Tom flüsternd.

Aber Bill dachte gar nicht daran. Mit seinen Tränen erkaufte er sich die ersehnten Zärtlichkeiten des Bruders und so war er im Himmel, während er herzzerreißend heulte. Bill schmiegte seinen Kopf an Tom, spürte dessen Wange an der seinen. Langsam schaltete er einen Gang zurück und Tom nahm Bills Gesicht in seine Hände.

"Nun sieh dich an, du Trauerkloß. Dein Kajal ist ganz verschmiert."
"Schau dich mal lieber an, dein T-Shirt ist ganz nass", erwiderte Bill mit immer noch tränenerstickter Stimme, wobei er aber zu lächeln versuchte. Tom hatte einen großen Tränenfleck auf seiner Schulter.
"Na toll. Wie sehen wir denn jetzt aus. Da hat Mutti ja schön was zu nörgeln", sagte Tom, ohne aber wirklich sauer zu sein.
"Quatsch, wir gehen erstmal aufs Klo und beheben die Schäden."

Während Bill seine Augen nachzog, machte Tom Verrenkungen unter der Heißluftdusche, worüber Bill so lachen musste, dass er mit dem Kajal quer übers Gesicht rutschte. Nun kugelte sich Tom vor Schadenfreude.

Als sie ins Zimmer der Mutter traten, lag diese auf einer Liege und las in einem Buch.
"Da seid ihr ja. Ich hatte euch eigentlich früher erwartet."
Ohne darauf einzugehen, fielen ihr die Brüder um den Hals. Bill musste sich beherrschen, nicht wieder zu weinen. Aber er wollte die Mutter nicht spüren lassen, welche großen Sorgen er sich machte.
"Wie geht es dir?", fragte Tom vorsichtig.
"Ihr seht ja selbst. Das hier ist mehr eine Wellnessfarm als ein Krankenhaus. Ich habe keinen Grund zur Klage."
"Und gesundheitlich?", hakte Tom nach, "Was macht der … Krebs?" Dieses Wort hasste er – es klang so sehr nach Tod.
"Die Behandlung schlaucht schon ein bisschen. Aber ich mach mich ganz gut."

Bill sagte kein Wort. Er musste sich darauf konzentrieren, keinen Weinkrampf zu bekommen. Er sah die Mutter mit großen Augen an und in seinem Kopf liefen wie ein Film Erinnerungen ab. Ihre Mutter hatte die beiden immer in allem unterstützt, ihnen große Freiräume gegeben und unendliches Vertrauen entgegengebracht. Bei Ärger in der Schule hatte sie ihnen immer beigestanden – auch wenn die Streiche der Brüder noch so böse gewesen waren.
Und nun war sie hier, mit der Diagnose Krebs, dabei war sie noch so jung. Bill war so voller Verzweiflung und Wut.

Die Brüder und ihre Mutter gingen noch etwas im Park spazieren und verabschiedeten sich danach, da die Mutter noch zu einer Behandlung musste.

Auf dem Parkplatz brach es dann erneut aus Bill heraus und jetzt gab er sich keinerlei Mühe mehr, das Weinen zurückzuhalten. Tom tat das, was Bill sich so sehr erhofft hatte und gab seinem Bruder zärtlich ein paar Streicheleinheiten. In Bills Bauch flogen Schmetterlinge.

Um ihre Mutter nicht aufzuregen, erwähnte Bill also die aufrüttelnden Ereignisse der letzten Tage mit keinem Wort. Überhaupt musste Siemone den Eindruck haben, ihre Jungs hatten sich zu frommen Mönchen entwickelt und in ein Kloster zurückgezogen. Sowohl Tom als auch Bill schoben es auf die Krankheit ihrer Mutter, aber die Wahrheit war die, dass sie ihr auch nach der Genesung nie wieder alles so offen anvertrauen würden, wie sie es als Kinder getan hatten. Die Zeiten hatten sich einfach geändert, sie hatten sich endgültig abgenabelt. Mit ihrem Vater, Stiefvater und dem Rest der Familie hatten sie noch viel weniger Kontakt.

Nach der Besuchszeit wollten die Zwillinge natürlich nicht sogleich wieder nach Hause fahren – jedes Mal, wenn sie in Magdeburg waren, besuchten sie ihre Stammlokale und sorgten für etwas Aufruhr. Wenn überhaupt, dann erinnerte man sich genau hier noch ziemlich gut an sie. Um den Flair der vergangenen Tage etwas aufleben zu lassen, mussten sie nur das „Le Frog“ betreten. Allerdings hatten sie natürlich nicht nur Fans hier – ein paar hartnäckige Antis ließen immer noch keine Gelegenheit aus, ihren Frust an Tom und Bill auszulassen. Jetzt konnten sie ihrer Schadenfreude wohl so richtig freien Lauf lassen, wo es mit der Karriere nicht mehr so klappen wollte. Tom stand da noch mehr drüber als zuvor, doch Bill traf es jetzt erst recht. Auch wenn er es nicht zugeben wollte. Früher hatte er es nicht an sich herangelassen und sich immer wieder vorgesagt, dass er trotz allem Erfolg hatte mit dem, was er machte. Jetzt war er sich dessen nicht mehr so sicher und dementsprechend verwundbarer.



Lässig marschierten die Jungs in ihr Lieblingslokal und wurden sogleich herzlich vom Besitzer empfangen. „Bill, Tom!“, meinte der alte Herr fröhlich und lief auf die beiden zu. „Mal wieder in der Stadt, was? Und was darf`s denn sein? Nein, halt, stopp: Lasst mich raten, das Übliche: Vodka Bull?“ „Für mich bitte puren Bullensaft…. Bin Autofahrer“, meinte Tom gespielt enttäuscht und zwinkerte dem Barbesitzer zu. Bill ließ derweil seinen Blick durch das Lokal schweifen. Ein paar Typen schauten in ihre Richtung, tuschelten etwas und machten Fotos mit ihren Handys. Bill musste schmunzeln. Er kam sich dämlich vor, aber er hatte dies tatsächlich vermisst. Schön langsam begann er an seinem eigenen Charakter zu zweifeln, denn hatte er diese ganze Promi-Sache wirklich nötig? Hatte er am Schluss Komplexe entwickelt oder was war da mit ihm los….? „Yo Bill, wollen wir heute über Nacht bleiben? Könnten ja zu Hause pennen, oder bei Andi….“, riss Tom ihn mal wieder aus seiner Traumwelt. Stimmt ja, Andi…. Bei dem hatte sich Bill auch übelst lang nicht mehr gemeldet. Wie es dem wohl ging? Er wählte Andis Nummer….. Leider ging da keiner ran. Seltsam, dass Andi für seinen besten Freund keine Zeit hatte…….



„So… Und was machen wir jetzt?“ Nach dem Leeren seiner Red Bull-Dose war Tom auch schon wieder langweilig geworden. Er war ein Mann von großen Taten – stillsitzen und chillen war erst nach einem gröberen Abenteuer angesagt. Und für heute war für seinen Geschmack die Action-Ration noch lange nicht ausgeschöpft….. „Hm weiß nicht, willste dich ein bisschen rumtreiben, wie immer….?“, Bill verspürte eigentlich auch Lust etwas zu unternehmen. Zumal die Nacht noch jung war. „Ja dann los, schauen wir uns um was in der Magdeburger Szene so abgeht! Vielleicht gibt`s ja neue Läden – man weiß ja nie!“, Tom war sofort voller Tatendrang. Die Jungs zahlten und schlenderten aus dem Lokal.



„Sieh mal einer an, wer uns da mit ihrer glanzvollen Anwesenheit erfreut – die Tokio Schwuchteln!“ Ein lautes, derbes Gelächter folgte und Bill blieb wie versteinert stehen. Sein Herz fing augenblicklich an, schneller zu schlagen und er drehte sich zögerlich in die Richtung, aus der die Meldung gekommen war. Auf sie kam eine Gruppe eher penner- mäßig angezogener Mittzwanziger zu, mit je einer Flasche Bier in der Hand. Ständig spuckte einer von ihnen auf die Seite und sie grinsten und lachten immer wieder aufs Übelste. Bill schnappte nach Luft und drängte sich ganz unbewusst näher an seinen Bruder. Tom zündete sich eine Zigarette an. Mittlerweile standen die Antis den Zwillingen gegenüber. Einer von ihnen ging direkt auf Bill zu. „Oooch… Immer noch so ein wunderhübsches Bubi, hm? Na, von euch hört man aber auch nicht mehr viel, was? Wohl endlich in der Versenkung, wo ihr längst hingehört habt…?“ Ein zustimmendes Gelächter seiner Kumpanen folgte. „Komm Tom, wir gehen!“, machte Bill einen auf cool und wollte seitwärts vorbei. „Hey hey, nicht so schnell…. Bleib doch noch etwas da, wir hätten dich so viel zu fragen, Billy Boy….“ Der Anführer der Gang rückte Bill immer näher auf die Pelle. „Ich muss durch den Monsun, hinter die Welt…“ Zu allem Übel läutete gerade jetzt Bills Handy. Ein gefundenes Fressen für die Antis, die augenblicklich „Krüppel und schwul“ anstimmten. Bill unterdrückte den Anrufer, ohne auch nur zu schauen, wer es eigentlich war. Er hatte momentan andere Sorgen. Mittlerweile waren die Twins umzingelt. Einer der Typen schnellte vor und schnappte sich Bill am Jackenkragen…. „Ey Alter hast du sie noch alle?? Lass ihn sofort los!!!“ WUMMS!! So schnell konnte der Übeltäter gar nicht schauen, da hatte er eine gebrochene Nase. Tom hatte ihn zu Boden geschlagen und beugte sich nun wutentbrannt über ihn. „Scheiße… Woher hat die Bohnenstange plötzlich an Kraft gewonnen?!“, wimmerte ein anderer Anti und die anderen machten instinktiv einen Schritt zur Seite.

Bill stand immer noch wie gelähmt da. Im Moment empfand er große Dankbarkeit für seinen Bruder – so viel Einsatz war er von ihm überhaupt nicht gewohnt. Früher hatte er immer den Obercoolen gegeben – aber gut, früher war Bill auch kein Antifan so nahe gerückt. Trotzdem, Bill wurde von einer Welle von Zärtlichkeit für seinen Bruder durchflutet. Nie hatte er sich jemals so beschützt gefühlt – dabei war es genau das gewesen, was er so lange dringend gebraucht hatte. Das Gefühl, unterstützt zu werden in einer schweren Zeit. Die Situation, in der sich beide gerade befanden, kam ihm wie eine Metapher der vergangenen Monate vor – er war wie ausgeliefert. Mit dem einzigen Unterschied, dass sich jetzt gerade jemand für ihn einsetzte. Und für diesen jemand empfand er in genau diesem Augenblick die stärksten Gefühle, die er in seinem ganzen Leben je für jemand anderen empfunden hatte. Für Bill war es wie eine Erleuchtung – und doch zugleich eine Erschütterung.



„Nun komm schon, verschwenden wir nicht länger Zeit mit diesen Gehirnamputierten“, riss ihn die Stimme seines Zwillingsbruders aus seiner Gedankenwelt. Er ergriff Toms Hand und weg waren sie.



„Puuuh…. Welch aufregender Start in die Nacht“, meinte Tom und qualmte an seiner Zigarette. Die beiden marschierten die Magdeburger Hauptstraße entlang. Bill hatte die ganze Zeit über geschwiegen – schließlich war er mehr als verwirrt. „Nun komm schon Bruderherz – stehst du immer noch unter Schock? So schlimm war`s doch gar nicht… Aber ehrlich, musst dich nicht gleich so dermaßen zurückziehen, wehr dich einmal… Damit die sehen, dass du nicht komplett emo bist“, textete Tom seiner Bruder weiterhin zu. „Ähm ja hm… Stimmt….“, stotterte Bill nur. Wenn Tom bloß wüsste, dass er sich mittlerweile mit ganz anderen Gedanken herumschlug! Und diese Gedanken bereiteten ihm tausend Mal mehr Sorgen als alle Antis dieser Welt…..



„Nocturnal Paradise“, las Tom laut vor. Die Jungs standen vor einem abgedunkelten Laden. Über der Tür prangte eben jenes Schild. „Willst du da rein….?“, fragte Bill und versuchte, durch die Fensterscheibe etwas zu erkennen. „Klar, warum nicht… Klingt interessant.“, Tom rieb sich schon die Hände. Bill kam näher an die Scheibe ran und es riss ihn sogleich zurück. „Was denn?“, neugierig beugte sich Tom zu ihm runter. Da hatte er auch schon den Grund für Bills Reaktion gefunden. Beim näheren Hinschauen konnte man erkennen, dass sich ein paar Mädchen in der „Auslage“ räkelten. „Ähm Tom, das kommt mir doch sehr billig vor… Und die armen Mädels… Voll die Fleischbeschau…“, Bill drehte sich auf dem Absatz um und wollte gehen. „Doch Bill, ich will da rein. Ich steh auf so was“, meinte Tom nur knapp und blieb mit verschränkten Armen vor dem Club stehen. Plötzlich fühlte sich Bill wie von einer höheren Macht dazu gedrängt, seinem Bruder diesen Gefallen zu tun. Nicht bloß aus Dankbarkeit für den Einsatz von vorhin, nein…. Es war fast so, als würde man sich mit seinem Partner auf ein Experiment einlassen… Ein sexuelles Experiment… Was Tom Freude bereitete, wollte Bill ihm erfüllen. Er nickte nur kurz und schritt wie in Trance über die Türschwelle und an seinem Bruder vorbei. „Hoppla, und du wolltest mir einreden, dir gefällt das nicht, hehe….“, witzelte Tom und dackelte ihm hinterher.

Kaum im Vorzimmer angelangt, spürten die Jungs, wie ein dumpfer Bass durch ihren Körper vibrierte. Die Musik – eine Mischung aus anregenden und schummrigen Klängen – stieg vom Boden in den Kopf aufwärts und passte sich dem Herzrhythmus an. Zumindest hatte Bill dieses Gefühl. Links und rechts räkelten sich spärlich bekleidete Schönheiten an ihren Stangen und die meisten von ihnen fanden den Besuch der Zwillinge äußerst interessant, wie man an ihren lüsternen Blicken erkennen konnte. An den Tischen saßen Männer jedes Alters, und auch ein paar Frauen. Tom und Bill waren an der Bar angekommen und bestellten sich Whiskey. Tom checkte die Tänzerinnen ab. „Die Maus gefällt mir!“, meinte er schließlich und deutete auf ein Mädchen rechts von ihnen. Sie hatte schulterlange blonde Haare, trug weiße Unterwäsche aus Lack, hohe weiße Stiefel und hatte weiße Engelsflügel am Rücken befestigt. Sinnlich tanzte sie um ihre Stange. Toms Blick war ihr nicht entgangen.

Schüchtern lächelte sie zurück. „Hast du das gesehen? Die Braut steht auf mich!“, war Tom sogleich aus dem Häuschen und kurz davor, seinen Bruder zuzutexten. „Ja und wenn schon, das ist ne Professionelle…. Die steht doch auf alle….“, winkte Bill ab. Er musste feststellen, dass er keiner der Mädchen was abgewinnen konnte. Obwohl besonders Toms Wahl ausgesprochen sexy war – er fühlte absolut kein sexuelles Interesse. Die Jungs bekamen ihren Whiskey serviert und Tom schüttete seinen sogleich runter. Dann schickte er dem Engel rechts ein Küsschen. Sie lächelte nur verlegen und tanzte weiter – aber diesmal mit besonderem Ausdruck. „Also echt ey, das ist zwar alles schön und gut, aber normalerweise kommen die doch angekrochen….“, Tom konnte den Macho in sich nicht mehr zügeln, „Schließlich will ich bedient werden in dem Laden, würde ja noch fehlen, dass am Ende ICH sie anquatschen muss….“ Bill schüttelte nur den Kopf und nippte an seinem Whiskey. Im Gegensatz zu Tom war es ihm gerade recht so. Insgeheim wünschte er, dass Tom bald gelangweilt war und sie abzischen konnten. Toms Geilheit auf die Mädchen hier war ihm so was von unangenehm…. Er wollte am liebsten mit ihm allein sein…..



„Hey ihr Süßen, na was geht? Eine Sondervorstellung gefällig?“, Tom und Bill drehten sich gleichzeitig in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Vor ihnen stand eine grazile Rothaarige und lächelte verführerisch. Toms Augen wurden riesengroß. „Na und ob….“, piepste er nur. „Ausgezeichnet…. Süße Jungs wie euch trifft man hier nur selten, ich habe mit meinen Kolleginnen schon auslosen müssen, wer sich euch schnappt!“, hauchte das Mädchen. „Da ist der blonde Engel aber wohl anderer Meinung….“, dachte Tom bei sich. So sexy die Rothaarige war, so sehr hatte er sich gewünscht, dass das eigentliche Objekt seiner Begierde ihn angesprochen hätte. „Folgt mir doch….“, säuselte die Stripperin.



Die Jungs fanden sich in einem abgedunkelten Raum wieder und platzierten sich auf dem gemütlichen Samtsofa. „500 Mäuse für einen Tanz“, erklärte die Rothaarige und umfasste die Stange in der Mitte. „Gebongt“, ging Tom darauf ein und lehnte sich zurück. Was folgte, war eine Show der Spitzenklasse – das Mädchen hatte es echt drauf. Die Regeln waren klar – die Jungs durften zusehen, aber niemals anfassen. Tom hatte sich nach vor gebeugt und verfolgte gebannt den wilden Tanz und musste stark schlucken, jedes Mal wenn ein Kleidungsstück den Luxuskörper verließ. Bill saß weiterhin zurückgelehnt und beobachtete Tom aus dem Augenwinkel heraus. So genau wie sein Bruder die Stripperin mit Blicken verschlang, so inbrünstig inspizierte Bill seinen Zwilling. Jedes Mal, wenn Toms Atem schneller wurde und er nach Luft schnappte, lief es Bill kalt den Rücken runter. Er hatte überhaupt keine Augen für die Tänzerin – nur Toms Reaktion auf sie war für Bill relevant. Wie sehr wünschte er sich, dass ER es wäre, der Tom solch anregende Gefühle bereiten durfte………..



„Geile Sache war das!“, lobte Tom das Gesehene und zündete sich eine Zigarette an. Die Jungs waren wieder aus dem Laden gegangen und vertraten sich draußen die Beine. „Hm“, brachte Bill nur raus. „Jaja, bist ja auch noch so aufgegeilt…“, stichelte Tom und grinste seinen Bruder an. Bill wurde es sofort ganz flau im Magen. Wenn Tom bloß wüsste…. Bill hatte immer noch Toms schweren Atem in den Ohren, der ihn so verrückt gemacht hatte…..

Plötzlich marschierte jemand hinter ihnen aus dem Laden – und Tom fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Das ist sie…. Mein Engel!“, stotterte er nur. Jetzt war er nicht mehr zu bremsen. „Hey Süße… Hast du mal Feuer?“ Das Mädchen blieb stehen und schenkte Tom einen ihrer schüchternen Blicke, die ihn so schwach machten. Tom schmolz sofort dahin. „Ähm ja sorry, wenn du dir vorher da drin so angemacht vorgekommen bist, aber ich ähm…..“, Tom fehlten plötzlich die Worte, was sonst äußerst selten vorkam. Doch das Mädchen brach in schallendes Gelächter aus. „Junge Junge, was glaubst du, was ich da drin mache? Hätte ich ja auch als persönliche Niederlage empfunden, wenn ich nicht angemacht worden wäre!“, gluckste sie. „Hä… ? Und ich dachte, du bist anders als die anderen…. Ein Engel eben!“, quasselte Tom drauflos. Bill musste grinsen. Was für einen Quatsch erzählte sein Bruder da? Das Mädchen lachte wieder. „Wie süß von dir, aber soll ich dir was sagen? Ich bin nicht zu euch hin, weil ich euch für ein schwules Pärchen halte…. Und ich bin schon einmal auf einen vom anderen Ufer reingefallen, das tat verdammt weh – also lass ich es gleich bleiben. Möchte nicht wieder erleben, wegen eines Typen zu kurz zu kommen. Da läuft auch beruflich nichts.“

Bills Augen leuchteten auf. Er und Tom hatten wie ein Pärchen gewirkt! Diese Vorstellung machte ihn glücklich und auch stutzig zugleich. Wie krank war er eigentlich?! Tom fiel einfach nur die Kinnlade runter. „Bitte was?!? Das ist mein ZWILLINGSBRUDER!!“, deklarierte er und schaute die Stripperin ungläubig an. „Oh!“, meinte diese verdutzt und musterte die beiden Jungs noch mal genau. „Tja, jetzt, wo du es sagst…. Aber euer Styling ist so verschieden! Im Dunkeln merkt man überhaupt nicht, dass ihr Zwillinge seid!“…

…. Der Small Talk führte unweigerlich in Sammys Wohnung – so der Künstlername des Mädchens – und endete schließlich in ihrem Schlafzimmer. „Ein Dreier mit Zwillingen…. Hatte ich schon lange nicht…“, säuselte Sammy und füllte die Sektgläser mit perlendem Champagner. Bill war eher widerwillig mitgekommen. Das Mädchen wollte wirklich ernst machen… Ja klar, warum auch nicht…. Das einzige, was ihn angetrieben hatte, mitzumachen, war die Aussicht auf Toms nackten Körper. Und vielleicht, in der Extase des Liebesspiels… Würde er die Gelegenheit ergreifen und….. „Deine Augen leuchten ja richtig, mein Kleiner!“, Sammy hatte Bill an der Kinnspitze geschnappt und gab ihm ein Küsschen auf den Mund. „Hey hey, und was ist mit mir?“, mischte sich Tom ein. „Kannste sie auch allein haben…“, dachte Bill bei sich und wischte sich in einem unbeobachteten Moment hastig über die Lippen.



Sammy rückte näher an Tom ran und beehrte auch diesen mit einem Kuss. „Mmm…!“, Tom hatte die Augen noch geschlossen, als sich das Mädchen – seiner Meinung nach viel zu schnell – wieder von ihm entfernt hatte. Doch jetzt war ihm noch etwas eingefallen und er saß von einem Moment auf den anderen kerzengerade auf dem Sofa. Sammy schaute ihn neugierig an, Bill eher etwas verwirrt. „Yeah Leute, fast hätte ich es vergessen – ich hab noch was Feines für euch!“, machte Tom es besonders spannend und kramte in einer seiner zahlreichen Hosentaschen. „Mist… Wo ist das Zeug nur…. Ah, hier..“, zufrieden zog er ein Päckchen mit weißem Pulver hervor. Sammy klatschte vor Begeisterung in die Hände – Bill schaute sie leicht entgeistert und überrascht an. Dies war normalerweise seine Geste, wenn er etwas für besonders amüsant und gelungen befand.

Er für seinen Teil hatte so was in die Richtung ja schon erwartet… Wenn schon Sex, dann nicht ohne Drugs. So Toms Devise… „Und den Rock`n`Roll werde ich dir auch noch besorgen“, grinste Bill in sich hinein. Sammy hatte bereits einen Taschenspiegel auf dem Glastischchen platziert und Tom richtete darauf sorgfältig drei Lines an. Beide beugten sich sehr konzentriert über die Angelegenheit – als wäre es das wichtigste Projekt der Welt. „Wie ein eingespieltes Team“, musste Bill in Gedanken zugeben und fühlte sogleich eine gewisse Verärgerung. Sowas, Tom und ER waren das Dream Team, immer und überall!! Niemand ergänzte sich gegenseitig so perfekt wie sie beide!! „Hey hey hey….. Nicht so stürmisch, ist ja genug da….!“, raunzte Tom, weil sich Bill von einem Moment auf den anderen auf seine Line gestürzt und das Koks blitzschnell eingesogen hatte. „So, jetzt geht`s mir besser“, meinte dieser aber nur mit einem zufriedenen Seufzer.

Sammy und Tom schauten ihn ein paar Sekunden schief an, zuckten dann aber mit den Schultern und machten sich über ihre Lines her. Sammy hatte ihre schneller vernichtet und sich auf die Couch zurückfallen lassen. Tom war der Genießer. So langsam er es mit der Droge angehen ließ, so flink war er darin, Mädels ihrer Kleider zu entledigen. So schnell konnte sie gar nicht schauen, da war Sammy auch schon wieder in ihrem Arbeitsoutfit – also nur in der lackierten Unterwäsche. „Das steht dir ja doch am besten“, flüsterte Tom ihr mit einem dreckigen Grinsen zu. Er beugte sich über das Mädchen und begann sie halsabwärts zu küssen. Als er am Bauchnabel angekommen war, entglitt sie ihm aber plötzlich. „Wir wollen doch niemanden vergessen“, hauchte Sammy und steuerte geradewegs auf Bill zu, der sich bereits über die zweite Line hergemacht hatte. Er ertrug das nicht länger – er wollte Tom so sehr, aber andererseits wollte er es geschickt angehen, nicht gleich alles versauen und seine Absichten allzu schnell offenbaren, also musste er sich erst auf die Gastgeberin einlassen….

Und ja, zugegeben, mit all dem Stoff in der Blutbahn war er gar nicht mehr so abgeneigt……. „Wie süß, du bist wohl eher von der schüchternen Sorte…. War mir sogleich aufgefallen!“, redetet Sammy auf ihn ein. „Och bitte, nur keine Analysen hier“, dachte Bill genervt und ergriff die Initiative, um die Sache etwas zu beschleunigen. Er kam Sammy entgegen und platzierte sie mit einem innigen Kuss zurück auf die Couch. Jetzt hatten sich beide Jungs über das Mädchen gebeugt und betrachteten das „Opfer“. Jaja, sie wirkte schon sehr verletzlich und ausgeliefert…. Das törnte Tom maßlos an. Er setzte augenblicklich seine orale Erkundungsreise auf Sammys makellosem Leib fort. Diese war begeistert und wand sich nach kürzester Zeit heftig atmend auf dem Bett. Gerade wollte ihr ein ekstatischer Seufzer über die Lippen gleiten, da wurde er auch schon von Bills Zungenpiercing abgefangen. Dieser hatte sich mittlerweile die dritte Line gegeben und war so zugedröhnt, dass er völlig aus der Rolle fiel. Nici hätte ihrerzeit von so viel Einsatz nur träumen können. „Einfach vorstellen, dass es Tom ist, Tom, mein liebster Bruder, mein einziger Freund, mein Geliebter…..“, rasten die Gedanken in Bills Kopf wie wild umher.

Er hatte seine Hände schon überall – und letztendlich auch an Toms Kopf, der es sich gerade an Sammys unterer Hälfte bequem gemacht hatte. Bill durchzuckte es und er fing augenblicklich damit an, die heiß geliebten Dreads heftig und zärtlich zugleich durchzuwühlen. „Oh ja, Sammy Baby, eine geile Kopfmassage….“, konnte man von Tom vernehmen. „Mhn mhm mm?!“, war alles, was von Sammy kam – deren Mund war ja immer noch von Bills hemmungsloser Knutschattacke verbarrikadiert. Ganz instinktiv war dieser strategisch geschickt vorgegangen…. Schließlich stupste das Mädchen ihn aber sanft zur Seite und holte auch Tom näher an ihr Gesicht ran. Erwartungsvoll blickte er sie an. Sammy sah lasziv von einem zum anderen. Tom wusste, jetzt würde es ans Eingemachte gehen. „Scheiße, ich will nur Tom“, war alles, was Bill denken konnte. Langsam zog das Mädchen Tom nach links und drehte sich zu ihm. Bill warf sie über die Schulter einen auffordernden Blick zu. Tom hatte längst verstanden und war mit einer Hand in Sammys Slip gelandet, während er sie mit der anderen des BHs entledigte.



Ein paar Augenblicke später waren Tom und Sammy voll zugange, Bill lag etwas irritiert hinter dem Mädchen. Dieses schaute ihn immer wieder über die Schulter auffordernd an – erst lasziv, dann immer ungeduldiger. Klar hatte er allein vom Zuschauen schon einen Mordsständer – aber den würde er bestimmt nicht in Sammys Allerwertestem versenken. Genauer gesagt wurde er langsam aber sicher ziemlich aggressiv, was das Mädchen betraf – sie war einfach so was von überflüssig!! In diesem Augenblick hatte Sammy Tom angepackt und sich auf ihm platziert. Munter ritt sie drauflos – und warf Bill dabei immer wieder ungläubige Blicke zu. Sie wurde einfach nicht schlau aus diesem Kerl – der war doch so was von geil, warum ging er nicht ran?? Sie ergriff Bills Hand und legte sie auf eine ihrer Brüste. Bill war nun endgültig der Kragen geplatzt. Ruckartig knipste er das Nachttischlämpchen aus, sodass es stockdunkel wurde. Dann ging alles ganz schnell. Bill schubste sachte aber bestimmt die wilde Reiterin auf die Seite und beugte sich gierig über seinen Bruder.

„Aaaah…!“, laut polternd landete das Mädchen auf dem Boden. „Was….?!“, war das Einzige, was Tom herausbrachte, ehe er mit einem leidenschaftlichen Kuss zum Schweigen gebracht wurde. „Mmmm….“, reagierte er zustimmend. Dass der Wahnsinnskuss aber nicht von der holden Amazone sondern seinem eigenen Zwilling kam, hatte er nicht mitbekommen….. Bills Körper wurde von einer Flut Glückshormone durchflutet – er war endlich am Ziel angelangt!! Es fühlte sich so perfekt an, seinen Liebsten zu küssen!! So richtig, dass jegliche Zweifel wie weggewischt erschienen….. Tom genoss den Kuss so inbrünstig, dass seine Hände reflexartig in den Nacken seines Beglückers griffen. Doch was war das?! Wieso waren die Haare plötzlich so viel kürzer…..? Hääää? Toms Blut war von einem Moment auf den anderen wieder Richtung Norden geflossen. Wieso war es überhaupt plötzlich so dunkel…..? Er fing an, nach dem Lichtschalter zu fummeln, wurde jedoch von einer Hand davon abgehalten…. Von einer ziemlich…. Unweiblichen…. Hand….. Bill Schlug Alarm!

Doch Tom war leider der Stärkere von beiden und wenige Sekunden nach dem kurzen Zweikampf ward es Licht………. Ungläubig starrte Tom in das zugedröhnte Antlitz seines Bruders. Erst fiel ihm die Kinnlade runter. Dann wurden seine Augen immer größer. Schließlich blickte er sich um, stellte fest, dass sein splitternackter Zwilling über sein splitternacktes Selbst gebeugt lag und beide einen Megaständer hatten. Wie von der Tarantel gestochen sprang Tom auf, krabbelte in Panik samt Decke vom Bett und zischte kreidebleich in die hinterste Ecke des Zimmers. Keuchend und mit weit aufgerissenen Augen starrte er Bill an, der ihn vom Bett aus verlegen ansah und sich am Kopf kratzte. „Eeeyy Alter… Krasse Verwirrung…. Bbbiinnn nicht die Braut ähm…. Maaann du bist ja noch zugedröhnter als ich…! Himmel hilf“, stieß Tom schließlich hervor. Alles klar, so war das also…. Er dachte, Bill hatte ihn mit Sammy verwechselt…. War ja auch nahe liegend, zumindest nahe liegender, als ne Nummer mit dem eigenen Zwillingsbruder schieben zu wollen……. Und überhaupt, bei so nem Dreier liegen sich alle ziemlich nahe, also………….

Bill war sich nicht sicher, ob er erleichtert oder enttäuscht war. Aber apropos…. Wo war Sammy eigentlich? Die Twins schienen denselben Gedanken gehabt zu haben, denn beide fingen augenblicklich an, nach dem Mädchen zu suchen. Bill wusste genau, dass er sie ziemlich unsanft vom Bett verdängt hatte… Aber wo war sie denn gelandet? Sie war doch letztendlich nicht ohnmächtig geworden…? Oh nein….?! Doch Fehlanzeige, sie war gar nicht mehr im Zimmer.



„Raus hier, beide, aber sofort!“, die Tür wurde plötzlich weit aufgerissen und die Gastgeberin stand im Türrahmen. „Ich hätte meinem Instinkt vertrauen sollen, als ich euch für ein Pärchen hielt….. Aber das sprengt ja wohl alle Rekorde, Brüder…. Zwillinge…! Verlasst augenblicklich meine Wohnung!!“ Gar nicht dumm das Mädel, sie hatte Bill wohl doch noch durchschaut. „Aaaber mein Engel, das war doch alles nur ein Missverständnis….?!“, stammelte Tom, begann jedoch, genauso wie Bill, sich hastig anzuziehen. Die ganze Angelegenheit war zu peinlich ausgeartet. Schweigend und mit hochrotem Kopf huschte er an Sammy vorbei Richtung Wohnungstür. Als Bill dasselbe tat, hielt Sammy ihn sachte am Arm fest und flüsterte ihm ins Ohr: „Du solltest vielleicht einen Psychologen zu Rate ziehen.“

Herzlich willkommen flowerkiller! Vielen Dank für Ihre Anmeldung. Status: Administrator

Routinemäßig sah Andi zunächst in seinem PN-Fach nach, obwohl dieses schon seit Monaten verwaist war. Wer hätte ihm auch eine Nachricht schreiben sollen? Das Tokio-Hotel-Board war jetzt nur eine von den vielen toten Seiten in den Weiten des Internets.

Nichts deutete mehr auf den Trubel hin, der hier in den vergangenen Jahren geherrscht hatte. War es wirklich schon drei Jahre her, dass der Rummel um Tokio Hotel begann? Andi konnte es kaum glauben.

Damals wurden seine besten Freunde, es waren auch seine einzigen, über Nacht zu Stars. Die Zwillinge Bill und Tom, die er schon von klein auf kannte, lösten plötzlich allerorten Massenhysterien aus. Andi hatte sofort die Gunst der Stunde erkannt und zusammen mit einigen anderen einen Fanclub gegründet. Ein Forum im Internet war auch schnell eingerichtet – ein Klacks, denn immerhin war Andi bereits damals ein totaler Computerfreak.

Schon bald setzte der Sturm auf die Seite ein und nahm immer weiter zu, nachdem sämtliche Konkurrenzseiten in die Knie gegangen waren. Andi hatte alles kaum fassen können. Wie Bill und Tom war auch er jahrelang der Außenseiter gewesen, ein Spinner, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. Aber sie waren keine schüchternen Duckmäuser, sondern sahen sich den anderen schon immer als überlegen, wenn diese im mainstream schwammen.

Andi spürte wieder, wie happy und zufrieden er sich damals gefühlt hatte. Ihr Erfolg war auch sein Erfolg – zuerst zumindest. Auch konnte er kaum einen Hehl aus seiner Arroganz machen, mit der er viele der Fans betrachtete, die genau in jene Kategorie gehörten, welche sie früher zu Außenseitern gestempelt hatte. Die Genugtuung hatte er nun als Administrator des Forums voll auskosten können.

Wieder einmal klickte sich Andi durch das Archiv.
Hat Bill eine Freundin? – 10 Seiten Antworten in nur einer halben Stunde.
Tokio Hotel Tag bei VIVA – 45 Seiten lang Begeisterungsposts.
Wie findet ihr das neue Album "Frei im freien Fall"? – es folgte geschätzte 10.000-mal das Wort "geil".

Andi hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht, kurz fühlte er sich in die Zeit zurück versetzt. Er hatte nie herausposaunt, dass er jener Andreas war, den Bill in den Interviews oft als ihren besten Freund bezeichnet hatte. Aber er verstand es doch, diese Information so durchsickern zu lassen, dass es bald jeder im Fanclub wusste. Entsprechend groß waren der Respekt und die Schleimspur vieler Fans, wie Andi bald belustigt feststellte.

Als flowerkiller liebe er das Spiel von Zuckerbrot und Peitsche. Mal gab es lieb eine kleine Insiderinfo, mal wurde mit bösen Worten ein Kreischie zurechtgewiesen. Im direkten Kontakt mit den Fans gab er sich gerne zugeknöpft – PNs wurden beantwortet, aber jeder allzu persönliche Ton vermieden. Er war hier Administrator und damit fertig.
Am meisten Spaß machte die Vollstreckung der Höchststrafe – die Löschung eines Accounts. "Das Bild ist so süß" – sollst du im Pic-bereich Kommentare schreiben? Nein! Also ratz fatz, raus mein Schatz. Nichts war dann amüsanter als die Anfragen "Warum wurde ich gelöscht?" – vielleicht, weil du zu blöd warst.
Andi musste lachen.

Andi hatte Bill und Tom dann mal gefragt, ob sie nicht auch etwas im Forum posten wollen, aber beide hatten keine rechte Lust gezeigt.
"Ich könnte ja etwas für euch schreiben", hatte er daraufhin eigentlich nur im Scherz gesagt, aber von Bill war sofort ein "OK" gekommen.
"Aber nur, wenn du mir nicht irgendwelche Sexstories andichtest", hatte Tom noch lachend hinzugefügt.
Also eröffnete Andi einen passwortgeschützten Thread, in dem er von Zeit zu Zeit kleine belanglose Nachrichten der Jungs reinstellte. Niemand würde herausbekommen, dass es nur ein Fake war. Die Fans waren ohnehin von jedem Wort begeistert und freuten sich wie Schneekönige über die banalsten Mitteilungen.

Bald hatte das Board 30.000 User, nachdem das Album "Frei im freien Fall" seinen Vorgänger Schrei" sogar noch übertroffen hatte. Ständig war das Ende von Tokio Hotel vorausgesagt worden, aber der Hype war erstaunlich zählebig. Geschickt verstand es das Management, die Band im Gespräch zu halten – ein Skandälchen hier, eine Styleveränderung da. BRAVO und VIVA waren immer zur Stelle, wenn es auch nur das Geringste zu berichten gab. Fast hatte man den Eindruck, dass es wirklich ewig so weitergehen würde. Auch im Forum wurden die Fans nicht müde, die selben Themen mit Begeisterung immer wieder neu zu erörtern. Frisur, Klamotten, Stimme, Freundin – alles wurde zigmal durchgekaut, um irgendwann erneut hochgewürgt zu werden.

Doch dann kam das dritte Album, das eigentlich mit Spannung erwartet worden war. Die Lieder waren anders, weniger poppig, weniger hitparadentauglich und teenagergerecht. Prompt blieb die Begleitmusik der einschlägigen Presse und des Fernsehens aus. Wie sehr die Band auf diese Unterstützung angewiesen war, zeigten bald die Verkaufszahlen der CD – sie waren mehr als schlecht und so zog die Plattenfirma sehr schnell die Notbremse.

Im Forum flogen kurze Zeit noch einmal so richtig die Fetzen. Einige fanden die neue Musik schlichtweg Scheiße und machten sich entsprechend Luft. Da gab es aber andere, die sich für wahre Fans hielten und auf die Kritiker einprügelten. Die Accountlöschungen wegen Beleidigung erreichten einen Höhepunkt. Im Gegensatz zu früher meldeten sich die gekickten User aber meistens nicht wieder neu an.

Bald gab es nichts mehr, worüber man überhaupt diskutieren konnte, da Tokio Hotel völlig aus den Medien verschwunden war. Und so nahm die Zahl der täglichen Posts stetig ab, bis irgendwann gänzlich Funkstille eintrat.
Der Patient war tot, die öffentliche Leichenschau beendet.

Alle Treueschwüre der Fans waren vergessen.
"Solange sie Musik machen, werde ich ihre Cds kaufen" - *Schnepfe*,
"Ein wahrer Fan bleibt den Jungs immer treu!" - *blöde Kuh*,
"Ich werde ein Leben lang Fan bleiben." - *dumme Gans*.
Andi empfand nur Verachtung.

Komischerweise waren die meisten Fans mit dem Ende von Tokio Hotel besser zurechtgekommen, als viele der Hater, die sich doch eigentlich hätten freuen müssen. Aber als sich schon kaum noch Fans im Forum blicken ließen, waren die Hater immer noch regelmäßig hier und streiften wie hungrige Wölfe durch die letzten Threads. Ihnen hatte Tokio Hotel kurz Sinn und Abwechslung in ihr sonst so langweiliges Leben gebracht. Nun mussten sie zurück in ihre Löcher und taten sich sehr schwer damit. Die Hater ödeten sich schnell gegenseitig an und verschwanden dann auch nach und nach.

Jedes Mal, wenn Andi in das Forum hineinsah, tat er dies mit sehr gemischten Gefühlen. Natürlich war er wirklich traurig, dass der Erfolg von Tokio Hotel vorbei war. Zum einen hatte er seinen Freunden den Erfolg gegönnt, zum anderen hatte er in dem Board viel Spaß gehabt. Er wünschte dann, die Zeit zurückdrehen zu können.
Auf der anderen Seite hatten sich Bill und Tom doch sehr weit von ihm entfernt und manchmal hatte er sich schon gefragt, ob man überhaupt noch von Freundschaft sprechen könne. Der Kontakt war immer mehr verflacht und wenn sie sich mal trafen, gab es kaum Themen zu besprechen, die nicht irgendwas mit der Band Tokio Hotel zu tun hatten. Andi kam sich dann wie ein x-beliebiger Fan vor und das schmerzte ihn sehr.

.. Der Kontakt war immer mehr verflacht und wenn sie sich mal trafen, gab es kaum Themen zu besprechen, die nicht irgendwas mit der Band Tokio Hotel zu tun hatten. Andi kam sich dann wie ein x-beliebiger Fan vor und das schmerzte ihn sehr.

Mit eben jenen Gedanken riss er sich los und schloss die Seite. Er überlegte, ob er nicht mal einfach bei den Zwillingen anrufen sollte. Als er das Telefon schon in der Hand hielt, fiel sein Blick auf die Uhr und er erschrak.
"Scheiße, schon so spät?", rief er verwundert.
Andi wollte unbedingt noch zum MediaMarkt, um sich die neuste Scheibe der Ärzte zu holen, die heute erschienen war. Wenn er dies verpassen sollte, hätte er ein Wochenende voller Qualen vor sich, denn er hätte bis Montag warten müssen.
"Nichts wie los!"

Bis er endlich die CD in Händen hielt, war er wie in Trance durch das Geschäft gelaufen. Er hatte sich derart beeilt, dass er nun noch Zeit hatte, sich ein bisschen umzusehen.

"Kinetic Power?", verwundert betrachtete sich Andi die ganzen Plakate und Aufsteller. "Seit wann macht der MediaMarkt Werbung für Energydrinks?", fuhr es ihm durch den Kopf.

"He, Tokio Hotel für nur 99 Cent. Die mochtest du doch so gerne." Andi drehte sich um und sah, wie eine Frau einem etwa zehnjährigen Mädchen eine CD hinhielt, die sie offensichtlich gerade der Krabbelkiste mit gesenkter Ware entnommen hatte.
"Nee, die will ich nicht mehr. Die sind doof und außerdem schwul."
Andi hätte dem Balg am liebsten eine geklatscht.
"Ich hol mir lieber die Cd von Kinetic Power darf ich?", fragte die Kleine.

Andi besah sich einen Aufsteller nun genauer. Kinetic Power war also eine Band und diese merkwürdigen Figuren waren wirkliche Menschen. Die Jungs sahen interessant aus und wie Andi sich eingestehen musste, sie waren sehr hübsch. Sofort visierte er die nächste CD-Anspielstation an. Rüde schubste er einen Typen weg, der vor ihm rangehen wollte.

´Wir wollen unsre Träume leben und nicht nach guten Noten streben. Lasst uns einfach Party machen und über alle Streber lachen …´ – die Stimme erinnerte Andi an den jungen Bill und der ganze Song hätte gut von Tokio Hotel stammen können. Als Andi dann im Booklet die Namen der Produzenten las, wurde ihm einiges klar. Er empfand unbändige Wut, als hätte er gerade einen Riesenbetrug an seinen besten Freunden entdeckt.

"Hallo Andreas!"
Andi erschrak. Vor ihm stand Christine, ein Mädel aus seiner Klasse, besser: aus seiner Ex-Klasse, denn im Sommer hatten sie das Abitur abgelegt und die Schule beendet.
"Hast du die richtige CD gefunden?", fragte sie.
Schnell ließ Andi die Kinetic-Power-CD zurück ins Regal gleiten.
"Ja, hier. Die Ärzte. Die werde ich nun das Wochenende nonstop hören."

Christine war ein nettes Mädchen, keine Schönheit, aber ein Kumpeltyp.
"Oh, dann muss ich jetzt aber zur Kasse. Die machen ja gleich dicht.", wollte sich Andi verabschieden.
"Kommst du nachher auch zu Ralf?", fragte Christine.
"Zu Ralf?"
"Ja, der hat sturmfrei und fast alle aus der Klasse werden da sein."
"Ich weiß nicht …", meinte Andi, dem so schnell keine Ausrede einfiel. Er wollte nicht zu der Party, er wollte die Ärzte hören, verdammt noch mal.
"Eh, nun komm schon. Ist bestimmt das letzte Mal, dass wir alle zusammenkommen. Bald verschwinden alle in sämtliche Himmelsrichtungen zum Studium. Wird bestimmt lustig."
"Äh, klar. Wann geht’s denn los?"

Zwei Stunden später klingelte Andi an der Wohnungstür, hinter der es bereits lautstark zur Sache zu gehen schien. Er hatte ein Sixpack Bier unterm Arm und irgendeinen Likör in der Hand, den er wahllos an der Tanke gegriffen hatte. Mit Alkohol hatte Andi nicht viel am Hut.
"Komm rein und nimm dir was zu trinken", begrüßte ihn Ralf, der schon mächtig angeheitert wirkte.
Er war als Partyhengst berühmt und berüchtigt. Andi beschloss, sich mal kurz in der Runde umzusehen und dann schnellstmöglich die Fliege zu machen. Ihn würde hier ohnehin niemand vermissen, denn eigentlich hatte er mit niemandem aus der Klasse näheren Kontakt. Kein, Wunder, dass er zu der Party gar nicht eingeladen war – er war nur hier, weil ihm Christine zufällig über den Weg gelaufen war.

Andi wollte sich gerade ein Bier nehmen, als Ralf ihm ein Glas hinhielt.
"Probier mal. Ist eine Spezialmischung."
Da Andi nicht scharf darauf war, heute noch ins Koma zu fallen, versuchte er, höflich abzulehnen.
"Nein danke. Ich muss morgen früh raus. Kann heute nicht so viel trinken", log er.
"Ein Glas. Nun hab dich nicht so. bist doch ein Kerl, oder nicht", ließ Ralf nicht locker.
"Na OK, aber nur ein Glas", willigte Andi schließlich ein.
"Hopp und weg", forderte Ralf und kippte selbst auch ein Glas in einem Zug hinunter. Andi tat es ihm widerwillig nach. Bäh, was für ein Scheißzeug! Mindestens die Hälfte davon war irgendwas sehr Hochprozentiges und der Rest eklig süß. Hätte nicht gefehlt und Andi hätte sich auf der Stelle übergeben müssen. Ihm wurde heiß und auch duselig. Kein Wunder, hatte er doch seit dem Mittag nichts mehr gegessen. Also suchte er sich schleunigst eine ruhige Ecke.

Anwesend waren etwa 20 Personen, die meisten von ihnen waren Klassenkameraden. Im recht großen Wohnzimmer hatte man Platz geschaffen, um tanzen zu können. Die Musik war das übliche Hitparadenzeug – also nicht nach Andis Geschmack.

"Ach hier bist du."
Christine stand mit einem Glas Weißwein in der Hand neben ihm.
"Ist da noch frei?"
"Klar", sagte Andi verwundert.
Sie begann sofort, ihm erbarmungslos ein Ohr abzukauen, schwärmte von der Schulzeit, als hätten sie nicht vor einigen Tagen noch alle darauf gekotzt.

Dann kam ein Schwung neuer Gäste an. Andi bemerkte ein Mädchen, das kurz an ihnen vorbeihuschte und Christine flüchtig grüßte.
´Ein Gesicht, wie ein Porzellanpüppchen`, dachte Andi sofort, obwohl er es nur für einen kurzen Augenblick gesehen hatte.
Sie war mit dem Rücken zu ihnen stehen geblieben und führte nun eine Unterhaltung. Andi betrachtete ihr kinnlanges dunkelblondes Haar und den grazilen, langen Hals. Das gefiel ihm sehr und ebenso der kleine, knackig runde Po, der sich in der engen Jeans abzeichnete. ´Wahrscheinlich macht sie Ballett´, dachte er bei sich.
"Kennst du die näher?", fragte er schließlich Christine.
"Wen?"
"Das Mädchen in dem schwarzen Shirt und der Jeans."
"Das Mädchen?", Christine lachte, "Das ist Sascha und ein Er."
"Nee, ein Kerl?", fragte Andi ungläubig und starrte weiter auf Saschas Körper.
"Du siehst aus, als wenn du dich gerade verliebt hast", meinte Christine und fing an zu kichern.
"Ha, ha. Sehr witzig", versuchte Andi die Situation zu überspielen und ging erstmal in die Küche, um sich etwas zu essen zu holen. Das Stück Pizza war trocken und der Teller Chilli con Carne dermaßen scharf, dass Andi sich nach diesem zweifelhaften Mahl schnell ein Bier schnappte und mangels anderer Alternativen schließlich wieder neben Christine Platz nahm.

Eigentlich hätte er jetzt auch verschwinden können, ohne dass es irgendjemandem aufgefallen wäre. Aber irgendetwas hielt ihn hier. Er ließ den Blick schweifen und sah Sascha nun in einer anderen Ecke stehen, wiederum in angeregter Unterhaltung. Andi konnte nicht anders, als ihn gebannt anzustarren.

Eigentlich hätte er jetzt auch verschwinden können, ohne dass es irgendjemandem aufgefallen wäre. Aber irgendetwas hielt ihn hier. Er ließ den Blick schweifen und sah Sascha nun in einer anderen Ecke stehen, wiederum in angeregter Unterhaltung. Andi konnte nicht anders, als ihn gebannt anzustarren.

*Das ist also ein Junge? OK, eine schlanke Erscheinung mit längeren Haaren und femininen Zügen – aber ein Junge. Kein Grund also für das Herzrasen und den Schweißausbruch, wenn du ihn betrachtest. Andi, krieg dich wieder ein – er ist ein Junge!!!*

"Bist du eigentlich schwul?" Die Frage von Christine überraschte Andi dermaßen, dass er den gerade genommenen Schluck Bier in großem Bogen ausspuckte.
Zum Glück bemerkte das niemand außer Christine.
"Wie kommst du denn darauf?", fragte Andi irritiert und hätte sich dafür ohrfeigen können, eben so gedankenversunken Sascha betrachtet zu haben.
Sicher hatte sie ihn dabei beobachtet.
"Nur so", gab Christine lakonisch zur Antwort, "du hattest während der ganzen Schulzeit keine Freundin, hast auch nie rumgemacht oder so. Hab ich dich jetzt beleidigt?"
Was war nun eigentlich peinlicher: die Tatsache, dass er sich offenbar gerade in einen Jungen verknallt hatte oder dass er mit seinen knapp 19 Jahren immer noch Jungfrau war?
"Klar hatte ich ´ne Freundin", log Andi, "Die war nur nicht aus unserer Schule. Wir waren sogar ziemlich lange zusammen. Ich bin halt nicht so der Partytyp und sie war das auch nicht. Passte ganz gut."
"Ach so. Und nun wieder solo?"
"Jepp."
"Schon was Neues im Auge?", fragte Christine und wirkte auf einmal sehr interessiert.
"Vielleicht", antwortete er und versuchte, ihr ein verführerisches Lächeln zu schicken, doch davon verstand er nun gar nichts.
"Hast du Schmerzen?", fragte sie dann auch sofort lachend.

"Komm, lass uns tanzen", forderte sie nach einer Weile.
Am liebsten hätte Andi natürlich abgelehnt, aber ihm fiel gerade noch rechtzeitig ein, dass er ja jetzt den Herzensbrecher mimen musste, um Christine diese blöden Verdächtigungen aus dem Hirn zu treiben. Also nickte er kurz und kippte sein Bier auf Ex, bevor er sich erhob.
*Was spielen die eigentlich für eine komische Mukke? Irgend so ein Brit-Pop-Verschnitt – na da reichen dann ja einige Verrenkungen und ein, zwei Titel werde ich schon durchhalten*, dachte Andi.

Doch gerade als sie loslegen wollten, war der Song zu Ende und es wurde eine neue CD eingelegt.
*Kuschelrock? Ach du Scheiße!*
Aber schon hing ihm Christine am Hals.
"Eigentlich bist du ja ein ganz Hübscher", flüsterte sie ihm ins Ohr und lehnte den Kopf an seine Schulter.
Eine ihrer Hände kraulte ihm den Nacken, die andere tätschelte seinen Hintern.
*Oh man, was hat die denn schon alles getrunken?*, fragte sich Andi und wusste nicht so recht, wo er eine Hände eigentlich lassen sollte. *Streichle ihr einfach die Schultern und den Rücken ein bisschen – das mögen die Mädels doch gerne.*

Nach einer Weile aber griff sie seine Hände, führte sie an ihren Po und stieß gleichzeitig ihr Becken ziemlich offensiv nach vorn in eine empfindlichste Zone.
*Notgeil ist nichts dagegen*, dachte Andi und verdrückte sich nach dem dritten Song unter dem Vorwand, noch etwas essen zu wollen, in die Küche.
Auf dem Weg dorthin bemerkte er noch, dass Sascha gerade an einige Leute irgendwelche Zettel verteilte. Andi griff eine Wodkaflasche aus dem Kühlschrank, schüttete ein Glas voll und anschließend noch etwas Cola dazu.
*Hopp und weg!* - Boah war das scheußlich, aber genau das hatte er jetzt gebraucht.

Jemand tippte ihm auf die Schulter und als Andi sich umdrehte, stand Sascha genau vor ihm.
"Haa!", erschrak sich Andi und ließ das leere Glas zu Boden fallen, das klirrend zerschepperte.
"Bist du immer so schreckhaft?"
"Sascha!"
"Du kennst mich?"
"Ja, Christine, äh …"
"Christine?"
*OK, vor dir steht das geilste Wesen, was es auf Erden geben dürft, aber versuch trotzdem, das Sprachzentrum zu aktivieren und dich nicht total zum Deppen zu machen!*
"Christine hat mir gesagt, dass du Sascha heißt. Ich bin mit ihr zusammen …"
"Ach, Christine! Und du bist mit ihr zusammen? Also ihr Freund, sag das doch gleich. Alles klar."
"Na ja, eigentlich …", fing Andi schon wieder an zu stammeln.
"Ich will dich auch nicht lange aufhalten", meinte Sascha und hielt ihm einen Zettel hin.
"Jugendtheater Magdeburg", las Andi.
"Also beim Jugendtheater gibt es eine Ballett- und Tanzgruppe und da haben wir jetzt gerade ein neues Stück eingeübt, was morgen anläuft. Über Besucher freuen wir uns natürlich immer riesig, das war in letzter Zeit leider nämlich nicht so dolle. Und da wir kaum Geld für richtige Werbung haben, mach ich das mal eben hier", erklärte Sascha mit einem süßen Lächeln, für das man einen Mord begehen würde.
*Bingo – dein Knackarsch hast du also wirklich vom Ballett*, dachte Andi, während er mit seinem Blick Saschas hübsches Gesicht verschlang.
Hellblaue Augen über einer Stupsnase und volle, rote Lippen, hinter denen beim Sprechen eine flinke Zunge zum Vorschein kam – alles eingerahmt von kinnlangem, leicht gewelltem, dunkelblondem Haar. Ein Engel war herabgestiegen und stand nun hier.
"Alles klar bei dir?", fragte Sascha.
"Ja, natürlich. Ich werde mal bei euch vorbeischauen. Ganz sicher. Versprochen."
"Na bestens", meinte Sascha und war schon wieder entschwunden.

Andi konnte es kaum fassen. Sascha sah von dichtem noch leckerer aus und er hatte mit IHM gesprochen. Er besah sich den Zettel wie eine Reliquie, faltete ihn geradezu zärtlich und verstaute ihn schließlich sorgsam in seiner Gesäßtasche.

Nun war es Zeit, hier unauffällig die Fliege zu machen. Nur gut, dass die Küche einen zweiten Ausgang zum Flur hatte. Schnell noch die Jacke gegriffen und dann …

"Eh, Andi warte mal", vernahm er Christines Stimme, "du bist doch sicherlich Kavalier und bringst mich noch nach Hause, oder?"
"Klar. Ist doch wohl nicht weit?"

Scheiße. Hätte er nicht sagen können, dass er nur Zigaretten holen wollte. Aber zum einen wäre das bei einem ausgewiesenen Nichtraucher kaum glaubhaft, zum anderen war Andi sicher, dass sie dann auch noch geblieben wäre. Also freundliche Miene aufgesetzt, das Hirn auf belanglosen Smalltalk geschaltet und auf einen kurzen Weg gehofft.

Christine hatte offenbar doch etwas mehr getrunken. Hin und wieder stolperte sie über ihre eigenen Füße. Aber sie konnte nicht fallen, da sie sich fest bei Andi eingehakt hatte.
Sie laberte die ganze Zeit von irgendwelchen früheren Beziehungen, beschrieb all ihre Ex-Lover und was das doch für Schweine waren. Andi schaltete einfach auf Durchzug – nichts interessierte ihn jetzt weniger.

Sie laberte die ganze Zeit von irgendwelchen früheren Beziehungen, beschrieb all ihre Ex-Lover und was das doch für Schweine waren. Andi schaltete einfach auf Durchzug – nichts interessierte ihn jetzt weniger.

"Und du?", fragte sie plötzlich und rüttelte an seinem Arm, als er nicht gleich reagierte.
"Ich, was?"
Andi verstand nicht, was sie wollte.
"Wie lange bist du schon solo?"
"Ähm," er überlegte kurz, "ein halbes Jahr, so ungefähr."
"Halt!", rief sie laut und Andi dachte schon, er hätte etwas Falsches gesagt. "Hier wohne ich", erklärte Christine und wies auf einen Hauseingang.
"Ach so. Na dann gute Nacht …", wollte sich Andi verabschieden.
"Nicht so schnell, du Kavalier."
Sie zupfte ihn am Ärmel.
"Wie wäre es mit einem kleinen Käffchen, könnt ich jetzt jedenfalls gut gebrauchen. Ich lad dich ein."
Sie zog ihn sanft etwas mit sich.
"Ein Kaffee, jetzt noch? Dann kann ich immer so schlecht schlafen. Ist ja nett gemeint, aber…"
"Eh Andi, was ist mit dir los? Muss ich echt deutlicher werden? Wir sind doch erwachsene Leute, beide solo und haben so unsere Bedürfnisse. Nun tu nicht wie ein Heiliger. Ein halbes Jahr Handbetrieb kann es doch auch nicht bringen …"
*Mit Fräulein Faust war ich noch immer zufrieden*, dachte Andi.
"Ich glaub, mit dir stimmt wirklich etwas nicht", ließ sie nicht locker.
*Dann beweis ihr doch, dass mit dir alles in Ordnung ist. Junge, wann hat dich ein Mädel das letzte Mal angefleht, mit ihr zu pennen – oder besser: wann hat ein Mädel das überhaupt je getan? Nie! Willst du das Studentenleben als Jungfrau beginnen? Nun hab dich nicht so und pack die Gelegenheit beim Schopfe.*
Andis Gedanken kreisten, doch schließlich gab er sich einen Ruck.
"Alles klar, wenn du willst. Ich wollte die Situation nicht ausnutzen. Du verstehst …"
"Voll der Gentleman, wa?"

Sie bewohnte das Dachgeschoß des elterlichen Hauses. Ihr Schlafzimmer war eine Ansammlung von Kitsch – viel Plüsch, alles rot-rosa und überall irgendwelche Herzchen.

Kaum angekommen stürzte sich auf ihn und begann ihn wie ausgehungert zu küssen. Andi wusste gar nicht so schnell, wie ihm geschah und so hielt er einfach seine Lippen hin.
"Kannst du nicht richtig küssen?", fragte sie genervt.
"Richtig?"
"Ja, mit Zunge. Nun stell dich nicht so an."
Andi fehlte es total an Praxis. Ihm fiel ein, dass er den einzigen Zungenkuss seines bisherigen Lebens mit Bill ausgetauscht hatte – aus einer Blödelei heraus war es für beide eine sehr geile Erfahrung gewesen. Ungeschickt stieß er ihr die Zunge in den Schlund. Sie zog den Kopf zurück.
"Pass doch auf. Ich hab heut schon gekotzt"
*Danke für die Info.* Andi würgte.

Sie begann nun, sich auszuziehen.
"Wäre hilfreich, wenn du dich auch ein bisschen frei machen könntest. Oder zieht dich zu Hause Mutti aus?"

Den letzten Satz fand Andi nun alles andere als anregend. Etwas verlegen streifte er seine Hose ab. Christine stand nackt vor ihm, während er noch wie in Zeitlupe an seinen Klamotten zupfte.

"Scheiße. Ich muss erstmal gucken, ob ich nicht schon meine Tage habe."
Andi war etwas geschockt, als er sah, wie sie sich im Schritt rumfummelte und irgendwas untersuchte.
"Nee, alles klar", sagte sie schließlich.

"Nimmst du eigentlich die Pille?", fragte er, während er ein neuerliches Würgen mühsam unterdrückte.
"Ich vertrag das Zeug nicht. Du wirst dir hübsch ein Mützchen überziehen. Ich hab auch was Besonderes."
Aus einer Schublade holte sie ein Päckchen hervor. Sie löschte das Licht und das Teil leuchtete grünlich-gelb.
"Nu komm schon", drängte sie "lass mich dein Lichtschwert sehen."
"Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich mir das Teil überziehe", sagte Andi entgeistert, "ist das radioaktiv oder so?"
"Quatsch, ganz natürlich."
"Siehst du nicht, wie das strahlt? Da kann man ja im Dunkeln Zeitung bei lesen. Das kommt mir nicht in die Nähe von meinen …äh … vielleicht will ich mal später Kinder haben. Weg damit!"
"Nun reg dich nicht auf – dann kriegst du halt ein stinknormales Kondom, du Spießer. Ich hab alles da, arbeite schließlich manchmal als Aushilfe im Sexshop."

Sie schaltete das Licht wieder an.
"Aber deinen Kleinen solltest du vorher schon noch aufwecken", meinte Christine und wies auf seine Körpermitte. "Warte, ich kümmere mich darum", sagte sie und machte sich sogleich an die Arbeit.
Andi zuckte zusammen.
*Wie kann ein Mensch, der noch am Leben ist, nur so kalte Hände haben?*
Es wurde nichts – Andis Erregungszustand war auf dem Nullpunkt und auch eine Viertelstunde später tat sich nichts.

"Das wird schon noch was. Bei mir hat noch jeder seinen Mann gestanden", sagte sie und zog ihn aufs Bett.
*Prima, den Druck kann ich jetzt gut gebrauchen*, dachte Andi und folgte ihr widerwillig.
Sie legte sich breitbeinig von ihm hin und drückte seinen Kopf sanft zwischen ihre Schenkel. "Dort kannst du deine Zunge ruhig richtig gehen lassen", forderte sie ihn auf.
Er schaute eine Weile völlig irritierte, bis er sein Gesicht dem Ziel annäherte. Da fiel ihm der zotige Spruch eines Englischreferendars wieder ein: "There are two things in the world that smell like fish. And one of them is fish." Der Duft durchzog heftig seine Nase – er hasste Fisch und musste sich schnell aufrichten, um nicht zu kotzen.
"Was ist?", fragte Christine enttäuscht.
"Du ich glaub, das wird nichts. Ist wohl besser, wenn ich gehe. Vielleicht liegt es am Alkohol. Ist mir noch nie passiert", stammelte Andi verlegen.
"Vielleicht bist du ja doch schwul."
"Ich? Nein! Wie kommst du darauf?"
"War nur Spaß, nun reg dich nicht auf."
Sie versuchte ihn zu trösten und führte eine Brust an seinen Mund. Instinktiv und völlig in Gedanken begann er zu nuckeln und zu saugen.
"So ist schön. Komm zu Mutti", sagte sie, während sie ihm über den Kopf streichelte.
*MUTTI???!!!*
Andi sprang auf, zog sich in Lichtgeschwindigkeit an und stürmte zur Tür.
"Eh und was wird aus mir?", rief Christine.
"Wenn du im Sexshop arbeitest, wirst du doch sicher irgendeinen fucking Dildo haben, mit dem du es dir besorgen kannst. Da kannst du auch gerne radioaktive Kondome drüberziehen, bis du selbst im Dunkeln leuchtest."
"Das ist DIE Idee", rief Christine, die plötzlich wirklich einen Vibrator in der Hand hielt, "ich hab gehört, dass manche Kerle eine viel bessere Erektion kriegen, wenn sie so ein Teil im Popöchen haben. Nun komm, ein letzter Versuch", bettelte sie.
*Oh Gott, die Alte ist ja völlig wahnsinnig. Nur raus aus diesem Irrenhaus*

Zu Hause angekommen sah Andi die Anruferliste des Telefons durch. "Fuck! Shit!" Ein Anruf von Bill und Tom, wie er an der Nummer erkannte.

Chapter 3: Hold me, touch me



Die Scheibenwischer des Hummers rasten wild hin und her und klatschten Unmengen von Wasser von der Windschutzscheibe. Es goss wie aus Eimern. Tom starrte ausdrucksleer auf die Straße und machte einen höchstkonzentrierten Eindruck. Natürlich verlangten die Straßenverhältnisse vollsten Einsatz, aber in diesem Fall waren sie auch eine willkommene Ablenkung beziehungsweise Verdrängungsmaßnahme. Bill hatte sich mit angewinkelten Beinen auf dem Beifahrersitz zusammengekauert und war so weit nach rechts gerutscht wie nur möglich. Seit einer geschlagenen Viertelstunde untersuchte er nun schon seine Fingernägel. Seit nunmehr 15 Minuten hatten die Zwillinge kein Wort miteinander gewechselt.

„I`m losing my mind….….”, schallte es aus dem CD-Player. Die Mädels von t.A.T.u sprachen Bill gerade wie aus der Seele. Es wurde ihm abwechselnd kalt und heiß, die Erinnerungen an die vergangenen Stunden erzeugten die gemischtesten Gefühle in ihm. War es ihm peinlich? Unangenehm? Auf gar keinen Fall, es war genau das gewesen, was er gewollt hatte…….. „Die Bräute heutzutage echt, dass die auch so zickig sein müssen, kann doch passieren so was, schließlich waren wir alle drei zu…..“, quasselte Tom plötzlich lauthals drauflos, sodass sich seine Stimme überschlug und er sich verhaspelte. Bill war erschrocken und hatte blitzartig nach links geschaut. Mit weit aufgerissenen Augen fixierte er seinen Bruder und hielt die Luft an. Irgendwie hatte er Angst davor, was jetzt noch kommen würde…. „Ich meine hey, was denkt die von uns? Ja klar, voll krass, und ja auch eklig irgendwie, nee Bill du hattest eindeutig zu viel erwischt……“, sprudelte es weiter aus Tom. Bill musste stark schlucken.

Eklig? Aua! Aber was hatte er auch anderes erwartet…. Plötzlich fühlte er etwas Warmes auf seiner Oberlippe. Er fuhr sich schnell drüber. Blut! Na toll, jetzt hatte er Nasenbluten bekommen! So sehr hatten ihn die immer wieder kehrenden Erinnerungen aufgegeilt…. Oder waren`s viel eher die Nachwirkungen des Drogenkonsums? „Da haben wir`s ja, viel zu viel erwischt!!!“, Tom hatte es auch bemerkt. „Warte… Ich hab… Hier… Noch irgendwo… Taschentücher….“ Er beugte sich zu Bill nach rechts und kramte in der ausklappbaren Lade vor dem Beifahrersitz. Dabei warf er immer wieder kleine Blicke zurück auf die Straße. Beim Kramen kam er öfters an Bills Bein an – bei diesem setzte jedes Mal das Herz einen Schlag aus. Schließlich waren die Taschentücher aufgetaucht und Bill konnte die Misere beseitigen. „Ich meine….. Wie kommt die drauf, dass du das mit Absicht gemacht hattest??! Du bist mein Zwilling, wir sind Brüder…. Also echt, so krank kann man doch gar nicht sein!!!“, streute Tom so richtig viel Salz in die Wunden.

Bill biss sich so fest auf die Unterlippe, dass nun auch diese anfing zu bluten. Erst die Nase, dann die Lippe…. Aber am meisten und schmerzhaftesten…. Sein Herz…. ER war so krank! Niemand liebte Tom so sehr wie er es tat!! Alles war pure Absicht gewesen!! Ging es Tom denn ganz und gar nicht so….? Gar kein bisschen….? „Hey Brüderchen, was wird denn DAS jetzt wieder? Heulen brauchste deswegen nun auch wieder nicht!“, drangen plötzlich Toms Worte zu ihm vor. Er hatte gar nicht bemerkt, dass ihm die Tränen in Strömen über das Gesicht liefen…. „Machst ja dem Regen da draußen direkt Konkurrenz!“, sorgte Tom sich weiter, „Nun komm schon mein Mimöschen, Schwamm drüber…. Streich die Sache schnellstmöglich aus deinem Gedächtnis – wie ich“ Wie bitte?! Es vergessen? Für Bill war es seit langem wieder einer der glücklichsten Momente gewesen… Wenngleich kurz…. Doch so berauschend…. Er würde und könnte es auch gar nicht vergessen. Und er würde weiterheulen, solange Tom nicht dasselbe fühlte. Nun ja, zumindest innerlich…..



Als die Twins wieder in Magdeburg angekommen waren, war es bereits stockfinster. Sie schleppten sich in die Wohnung und Tom ließ sich sogleich auf sein Bett fallen. „Gute Nacht Bruderherz, ich begebe mich erstmal in ein zwölfstündiges Koma……“, nuschelte er und war sogleich ins Traumland entschwunden. Bill konnte beim besten Willen nicht schlafen. Körperlich war er zwar fix und fertig, aber in seinem Kopf rasten die Gedanken um die Wette und ließen ihm keine Ruhe. So schleppte er sich ans Küchenfenster und drehte sich einen Joint. Fuck fuck fuck…… Die Angelegenheit wuchs ihm langsam aber sicher über den Kopf. Aber warum machte er sich gerade jetzt so einen Stress….? Immerhin… War Tom ja bei ihm… Sie waren alleine in der Wohnung…

Bill kniete sich vors Bett und betrachtete Tom, wie er dahindöste. Er lag auf dem Bauch und die weiße Decke verhüllte gerade mal das Allernötigste. Die rabenschwarzen Dreads waren gelöst und fielen ihm sanft über die Schultern. Das Mondlicht verwandelte das Engelsgesicht in reinstes Porzellan. „Der Wahnsinn!“, durchzuckte es Bill. Nervös zog er an seinem Joint, ohne Tom aus den Augen zu lassen.

Dieser hatte allerdings den typischen Geruch erkannt, rümpfte im Schlaf ein paar Mal die Nase, fing an zu blinzeln und öffnete langsam die Augen. Bill war wie versteinert. Sonst konnte Tom ja auch nichts so leicht wecken! Alter Süchtler…! „… Lass mich auch ma ziehn…..“, murmelte Tom und streckte das Pfötchen nach dem Objekt seiner Begierde aus. Leider nicht das, was Bill ihn darunter zu verstehen wünschte….. „Hier“, antwortete er nur knapp und hielt Tom den Joint hin. Dieser hatte sich im Bett aufgerichtet und saß Bill genau gegenüber. Der beobachtete wie gebannt jede kleinste Bewegung Toms. Er war wie hypnotisiert und konnte den Blick einfach nicht abwenden..!! „Was schaust denn so komisch?“, fragte Tom und musterte seinen Bruder misstrauisch. Und plötzlich wurde es Bill klar……. Jetzt oder nie…. Es war die perfekte Gelegenheit….. Es musste raus, er wollte, dass es rauskam, er wollte eine Reaktion…..! Scheiß drauf, sag es Bill, sag es einfach……. „Tom?“, setzte er mit zittriger Stimme an.

„Ja?“ „Tom, das war kein Missverständnis.“ Tom zog die Augenbrauen hoch und blies den Rauch aus. „Wovon redest du?“ „Das weißt du genau“, ließ Bill nicht locker. Er würde das jetzt durchziehen, jawohl. „Ähm nein… Du musst mir das genauer erörtern!“ Warum stellte Tom sich nur so an?! Er musste doch genau wissen, worum es ging….. Oder? Ruhig Blut Bill, die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass du gerade von einer sehr einseitigen Liebe heimgesucht wirst. „Tom, ich hatte Sammy mit Absicht vom Bett geschubst. Tom, ich wollte dich spüren. Ich liebe dich – und das nicht nur brüderlich.“ So, nun war es heraußen. Er hatte es tatsächlich geschafft, er hatte es gesagt!! Bill fühlte sich schon viel besser – doch was würde jetzt kommen? Aber egal was, den schwierigsten Part hatte er hinter sich.

Zu Hause angekommen sah Andi die Anruferliste des Telefons durch. "Fuck! Shit!" Ein Anruf von Bill und Tom, wie er an der Nummer erkannte.

Sofort versuchte er einen Rückruf, aber vergebens.
Er trat wütend gegen die Tür. Nur gut, dass er sturmfrei hatte – die Eltern waren verreist. Aber er wusste, dass Bill und Tom sich stets meldeten, wenn sie in Magdeburg waren. Also würde er mal die bekannten Orte nach ihnen abgrasen.

Doch zuvor wollte er noch ein wenig schlafen. Er legte das neue Ärztealbum in den Player, drehte voll auf und ließ sich aufs Bett fallen. Nach wenigen Minuten war er eingeschlafen und hörte weder Musik noch das wütende Klopfen der Nachbarn.

Als Andi nach wenigen Stunden aufsprang, schaute er zuerst aufs Telefon – aber dort war kein neuer Anruf verzeichnet. Er duschte schnell und schwang sich dann auf sein Rad. So genau wusste er nicht, wo Bill und Tom steckten – er hatte aber eine Ahnung, wo er suchen musste. Natürlich hatte er sich noch die Ärzte auf seinen iPod geladen. Er würde das Album in den nächsten Tagen exzessiv und nahezu ohne Pause seinen Gehörgängen zuführen, wie er es immer mit Neuerscheinungen seiner Lieblingsband tat. Dabei könnte er die Ohren jetzt gut anderweitig gebrauchen – der Straßenverkehr war wieder mörderisch.

Andi trat wie besessen in die Pedale und erst nach einer Weile ging ihm auf, dass er sich wohl in der Richtung geirrt haben musste. Aber dann fand er doch eine plausible Erklärung dafür: er las das Schild "Jugendtheater Magdeburg" und ihm wurde klar, dass ihn sein Unterbewusstsein hierher geführt hatte.
*Wow. Der Kerl muss es dir ja wirklich angetan haben - bringt dich doch glatt vom rechten Weg ab.*

Andi nahm die Ohrstecker raus und ging auf das Gebäude zu. Schließlich lehnte er sein Rad an die Wand und betrat das offene Foyer. Er blickte sich neugierig um und blieb wie erstarrt stehen. Da hing ein Plakat mit Sascha in Lebensgröße direkt vor ihm. Er sah sich um, befingerte das Plakat und stellte fest, dass es am oberen und unteren Rand geklebt war. Was interessierte ihn der Rand? Mit schnellen Schnitten seines Taschenmessers war das Papier durchtrennt und anschließend zusammengefaltet in der Jacke verstaut. Andi fühlte sich so aufgeregt, als habe er gerade eine ganz große Rarität erobert. Dabei war es nur das künstlerisch mittelmäßige Plakat eines Provinztheaters. Doch Andi musste sich beherrschen, das verstaute Papier nicht sofort wieder hervorzuholen – er spürte den Drang, es jetzt unbedingt betrachten zu wollen. Als er aber Schritte hörte, entfernte er sich schnell von der Stelle mit den verräterischen Spuren an der Wand.

Jetzt erst bekam er einen wirklichen Schreck. Da war ein Kassenschalter, hinter dem tatsächlich jemand saß. Die Frau blätterte in einer Zeitschrift und hatte daher nichts bemerkt. Andi musste erstmal tief durchatmen. Dann sah sie ihn an und öffnete den Schlitz dieses altmodischen Fensterladens.

"Äh … für dieses Ballett … äh … Tanztheater, gibt’s da noch Karten?"
"Klar", war die gelangweilte Antwort, "Wo wollen Sie denn sitzen."
"Äh … wo man am besten was sieht."
Die Frau rollte mit den Augen.
"Also ganz vorne", und damit legte sie bereits eine Karte hin, "Heute 20:00 Uhr erste Reihe, richtig so?"

Andi war überrascht, aber er zahlte schnell und ging dann zu seinem Rad. Da fiel ihm ein, dass er ja eigentlich nach Bill und Tom suchte und dann sicher mit ihnen den Abend verbringen würde. Aber die Karte umzutauschen traute er sich auch nicht. Vielleicht konnte man das auch später noch machen, immerhin mussten die hier doch froh sein, überhaupt Besucher zu haben.

Zwei Straßenecken weiter blieb Andi mit seinem Rad stehen und holte das Plakat heraus. Oh Gott, sah Sascha gut darauf aus. In irgendein Kostüm gekleidet blickte er den Betrachter direkt an. Andi konnte sich kaum satt sehen an den funkelnden Augen, den lebhaft geschwungenen Lippen und dem locker gewellten Blondschopf. Saschas Gesichtsausdruck war ernst, fast ein wenig arrogant – irgendwie provozierend und herausfordernd.

Andi konnte sich nicht erinnern, schon einmal solch starke Gefühle für jemanden empfunden zu haben. War er verliebt? Quatsch! Er war doch nicht schwul! Aber warum hatte er dann so eine verdammte Sehnsucht nach diesem Kerl und empfand dieses heiße Kribbeln im Bauch beim Betrachten des Bildes? Wahrscheinlich sprach ihn das Feminine an Sascha an, redete er sich nun selbst ein. Andi hatte noch nie engeren Kontakt, eine Beziehung mit einem Mädchen gehabt und da war nun Saschas Erscheinung etwas verwirrend für ihn. Vielleicht lag es nur an der fehlenden Erfahrung, war nur so eine Art Phase, die vorüberging.

Andi musste an Bill denken, der es mit seinem Äußeren auch geschafft hatte, eingefleischte Heteros ins Wanken zu bringen. Diese weichen, weiblichen Gesichtszüge, diese zarte, ebenmäßige Physiognomie, der alles Harte, Männliche fehlte, übten ihren Reiz auf beide Geschlechter aus. Hier waren sich Bill und Sascha ziemlich ähnlich und dennoch waren sie im Grunde sehr verschieden. Bill weckte mit seiner Zartheit, seiner vermeintlichen Verletzlichkeit die Beschützerinstinkte – dass er zudem oft nachdenklich oder gar traurig aussah, verstärkte dies noch. Sascha wirkte dagegen extrovertiert, war sich seines Eindrucks auf andere voll bewusst und nutzte dies offensiv aus, ließ sich nicht still bewundern. Bill war eine Eroberung, Sascha ein Eroberer.

Natürlich musste Andi vom Verstand her zugeben, dass er Sascha eigentlich gar nicht so genau kannte. Aber sein Gefühl schien ihm alles von diesem Jungen zu verraten – beim Blick auf dessen Bild las er wie in einem offen Buch. Unglaublich, wie sehr er ihn begehrte – sein ganzes übriges Leben schien ihm zur Nebensache zu werden.

Als sich Stimmen näherten, schrak Andi auf, wie aus einem Traum. Er packte das Plakat zusammen und steckte es wieder vorsichtig ein. Eigentlich wollte er doch nach Bill und Tom suchen – nun also dann, auf in Magdeburger Gegenden, die eigentlich nicht sein zu Hause waren. Zuerst zum "Le Frog", dem erklärten Lieblingslokal der Twins.

Andi trat in die Pedale und bald waren seine Gedanken wieder weit weg – bei Sascha. Gerade hatte er eine Straße an einer Kreuzung halb überquert, als ihn das Geräusch eines auf ihn zurasenden Autos in die Gegenwart zurückholte. Schon war der Wagen heran und verfehlte ihn nur um Haaresbreite. Andi hätte schwören können, dass ihn das Fahrzeug noch leicht touchiert hatte.

"Du dumme Sau, kannst du nicht …!", brüllte er hinterher, vor Schreck am ganzen Körper zitternd. *Moment mal, ein Humvee? Mit Hamburger Kennzeichen? Das können doch nur … das SIND …*

"Eh, wartet mal!", schrie Andi und legte sich mächtig ins Zeug, den Wagen einzuholen.
Er kannte Toms Fahrstil und hätte sich eine Verfolgung gleich sparen können, wenn er nicht auf die Mithilfe der vielen Innenstadtampeln hoffen könnte. Rot - schon war er heran, kam an der Beifahrerseite zum Stehen. Er sah Bill – der mal wieder diesen Tagträumerblick draufhatte, mit dem er durch alles und jeden hindurchsah. Es hätte sich der Papst direkt vor ihm auf die Motorhaube setzen können – Bill hätte es trotz offener Augen nicht bemerkt.

Kaum war ein Anflug von Gelb zu sehen, als Tom auch schon Vollgas gab. *Scheiße!*
Zum Glück war die nächste Kreuzung nicht weit und diesmal fuhr Andi zur Fahrerseite. Schon wollte er an die Scheibe klopfen, doch er zuckte zurück. *Wer ist das?* Wegen der schwarzen Haare hatte er Tom nicht gleich erkannt.

"Tom!", rief Andi und hämmerte mit der Faust gegen die Tür.

"Tom!", rief Andi und hämmerte mit der Faust gegen die Tür.
Ihn traf ein wütender Blick, der sich erst einen Augenblick später in ein Lachen verwandelte.

"Gibt’s denn das?!" Tom hatte die Tür aufgerissen und dabei Andi fast vom Rad geschmissen. "Eh, Bill! Schau mal wer hier ist! Bill! Bihill!"
"Lass uns mal da rüber fahren", schlug Andi vor, "Hier mitten auf der Kreuzung stehen wir bisschen blöd."

Andi war so froh, seine Freunde in die Arme schließen zu können. Kein Gedanken mehr daran, dass Tom ihn gerade fast über den Haufen gefahren hätte. Wie lange hatten sie sich nicht gesehen? Wohl Ewigkeiten – auf jeden Fall viel zu lange.

"Komm steig ein", meinte Tom und wies auf den großen Schlitten, "Wir wollten gerade irgendwo etwas zu Essen einwerfen."
"Klar", stimmte Andi freudig zu, "mein Rad dürfte ja ohne Schwierigkeiten hinten rein passen. Was´n Panzer!"
Tom stutzte. "Sorry, aber da ist alles mit feinem Leder ausgekleidet. Würde unschöne Kratzer machen. Außerdem ist da die Musikanlage drin. Du verstehst."
"Na das ist jetzt dumm", sagte Andi, "Wenn ich mein Fahrrad hier stehen lasse, dann ist es in einer halben Stunde weg – spätestens. Schlimme Gegend - hier werden Schlösser in Nullkommanichts geknackt."
"So what? Kauf dir ein neues."
"Eh, das ist nicht irgendein Billigrad aus China! Das hat 1.200 EUR gekostet. Weißt du, wie lange ich darauf gespart habe. Mein ganzes Geld …"
"Komm, hör auf zu nerven", meinte Tom trocken und kramte in seiner Hosentasche, "Ich gebe dir drei Riesen und davon kannst dir dann einen neuen Drahtesel holen, falls er wirklich weg sein sollte. Ansonsten mach dir mal ´nen schönen Abend davon. Und nu steig ein."

Andi wich vor Toms ausgestreckter Hand, in der sich drei 500 EUR Scheine befanden, zurück, wie vor glühenden Kohlen.

"Biste bekloppt? Ich nehm doch kein Geld von euch!"
Er kannte Toms Art, mit Geld um sich zuwerfen und hasste das. Natürlich meinte Tom es nur gut, aber das kam so überheblich rüber und war so demütigend, dass Andi hätte aus der Haut fahren können. Er musste sich auf die Zunge beißen, um nun nicht in den ersten Minuten des Wiedersehens in Streit zu geraten.

"Wo wolltet ihr denn essen gehen?", fragte er und ließ Toms Geld unbeachtet.
"Bei unserem alten Freund Don Micchele. Ist nur zwei Straßen weiter. Da gibt’s die beste Pasta und herrliche Pizza", sagte Bill, der bisher erstaunlich still war.
"Dieser Edel-Italiener? Der ist aber mächtig …" *mächtig teuer*, dachte sich Andi den Satz zu Ende und zugleich war ihm klar, dass dies kein Problem für Bill und Tom darstellte.
"Du bist natürlich eingeladen", sagte Tom sogleich, als habe er die Gedanken erraten.
"Also dann treffen wir uns dort", willigte Andi ein.

Die Herren Kaulitz wurden natürlich sofort in einen separaten Raum geführt.
"Ein weiteres Gedeck bitte", orderte Tom, "Wir haben einen Gast."
Überfreundlich erfüllte das Personal, das beim Besuch der Twins immer auf großzügiges Trinkgeld hoffen konnte, diesen Wunsch.

"Hier gibt es den besten Wein in ganz Magdeburg – interessiert?", fragte Tom.
"Nehmt es mir nicht übel, aber ihr wisst ja, dass ich es mit Alk nicht so habe. Und ehrlich gesagt brummt mir noch der Schädel von gestern Abend. Ein paar Klassenkameraden hatten eine kleine Feier organisiert. Also mir reicht im Moment eine Cola, schön kalt bitte."
"Eine große Cola mit Extra Eis", gab Tom sogleich weiter.

"Dich hätte ich vorhin fast nicht erkannt", sagte Andi zu Tom, nachdem der aufdringlich bemühte Kellner endlich verschwunden war, "Die schwarzen Haare – aber steht dir gut, nur etwas ungewohnt."
"Er hat das wegen unserer Mutter getan", sagte Bill und streichelte Tom über die Schulter.
"Ach ja. Wie geht es ihr denn. Sicher seid ihr ihretwegen hier."
"Alles bestens", sagte Tom überlaut und konnte seine Verlegenheit nur schlecht überspielen. Bills Miene wurde traurig und Andi wurde nun klar, warum er die ganze Zeit so schweigsam gewesen war. Er wusste, wie viel den Jungs ihre Mutter bedeutete.

"Wir haben ja die besten Ärzte, prima Unterbringung und so. Kein Problem, das wird schon wieder", erklärte Tom.
"Tom kümmert sich da um alles. Ich hätte gar keine Nerven dafür", meinte Bill, "Und nebenbei tröstet er mich noch so lieb. Weißt ja, ich bin ´ne alte Heulsuse."
Bill lächelte gequält und schmiegte sich dann etwas bei Tom an.
*Komisch, man könnte meinen, er sei in Tom verliebt*, dachte Andi angesichts von Bills Blicken zu seinem Bruder. Er kannte die Zwillinge nur allzu genau und registrierte sofort jede Kleinigkeit und Veränderung. *Vielleicht hat sie das Schicksal der Mutter einfach noch enger zusammengeschweißt*, gab Andi sich selbst zur Erklärung.

Tom rief den Kellner und bestellte eine Flasche Wein. "Den Besten", wie er ausdrücklich anwies. Schließlich kam eine unscheinbare Allerweltsbuddel auf den Tisch, jedenfalls nach Andis Empfinden. "500 EUR kostet das Schätzchen", verkündete Tom und Bill grinste ihn breit an, als sei ihm gerade ein herrlicher Witz gelungen.

"Für mich bitte nicht", sagte Andi.
Tom goss sich ein Glas halb voll, nippte daran und verzog das Gesicht. "Man ist der sauer!"
"Extra trocken, Signore", erklärte der Kellner.
Tom reichte ihm die noch fast volle Fasche. "Da, sollst auch mal was Anständiges zum Saufen haben." Zu seinem Wein kippte er Red Bull. "Jetzt ist das auch genießbar."
Andi hasste diese arrogante Art und Geldprotzerei. Am liebsten hätte er Tom ordentlich die Meinung gesagt, aber er wollte keinen Streit.

"Und was macht die Musik?", fragte er schließlich. *Ups, Mist! Von einen Scheißthema zum nächsten!*, dachte Andi und beschloss, um Gottes Willen nicht die Band Kinetic Power zu erwähnen.
Tom zog einen Bündel Geldscheine aus der Tasche und rieb diesen in seiner Hand. "Das ist jetzt meine Musik, Alter. Der geilste Sound überhaupt."

Bill nahm Toms Glas und trank einen Schluck daraus, wobei er es zuvor extra so hindrehte, dass sein Mund an dieselbe Stelle kam, die auch Tom genutzt hatte. Andi entging dies nicht.
"Wir machen jetzt nur eine Pause", erklärte Bill schließlich und suchte Toms zustimmendes Nicken, "Es gibt genug Anfragen, da kommen wir jederzeit wieder ins Geschäft. Aber jetzt wollen wir erstmal etwas entspannen, ein bisschen Spaß und so. Verstehst schon."

*Ich kenne dich leider zu gut, Bill, als dass ich die Lüge nicht bemerken würde.* Er betrachtete Bills hübsches Gesicht und hätte zu gerne etwas Tröstliches gesagt, seinen Freund in die Arme geschlossen. Andi wusste, wie sehr Bill an der Musik hing und die Auftritte, die Fans und den Jubel brauchte. Sicher litt er sehr unter der momentanen Leere – und dann auch noch die Sache mit der Mutter. Andi konnte seinen Blick kaum von Bill losreißen: die schönen braunen Augen in dem schmalen, mädchenhaften Gesicht übten nun plötzlich einen Reiz auf ihn aus, den er so früher nie verspürt hatte. Das waren keine rein freundschaftlichen Gefühle mehr – es war ein Begehren, ein Verlangen, das Andi da warm durchströmte.

"Und bei dir", fragte Tom, "Wie geht es mit deiner Karriere weiter? Schule ist ja nun rum." Das Wort "Karriere" betonte er besonders, sollte wohl komisch wirken.
"Ich geh zum Studium nach Berlin", antwortete Andi, "Informatik – ihr wisst ja, dass ich schon immer ein Computerfreak war. Das werde ich jetzt auf eine solidere Basis stellen."
"Oh Gott, Studium", stöhnte Tom und Bill lachte, "Vorlesungen, Prüfungen – darauf hätte ich jetzt so viel Bock wie auf einen Schuss ins Knie, echt!"
"Hat ja nicht jeder das Glück, schon als Teenie fürs Leben ausgesorgt zu haben", meinte Andi, der den Spott nicht mochte.
"Das Glück und das Talent", ergänzte Tom.
"Meine Eltern werden mich finanziell voll unterstützen. Ich muss also nebenher nicht jobben oder so. Dann hält sich der Stress hoffentlich auch in Grenzen."

"Signores, Telefone!", der Kellner kam hinein und hatte Andis Jacke in der Hand, aus der Handyklingeln zu vernehmen war.
"Danke", sagte Andi, fummelte das Handy heraus und warf die Jacke über einen freien Stuhl. "Hallo", aber niemand meldete sich. Andi betrachtete die Nummer, die ihm aber gänzlich unbekannt war. Verwählt?

"Was ist das denn?", fragte Tom und als Andi sich umdrehte, bekam er einen Riesenschreck. Tom hatte das Plakat in der Hand, sauber auseinandergefaltet. Es musste aus der Jacke gerutscht aus. "Wie schwul der guckt, schau mal Bill. Bäh, ein Tänzer, trägt bestimmt auch Ballettröckchen." Bill guckte interessiert, sagte aber nichts.
"Gib das her, Tom!", forderte Andi, "Und lass die dummen Sprüche!" Ihn hatten Toms Worte wie Schläge in den Magen getroffen.
Aber Tom hielt das Plakat von Andi weg. "Ich will nur mal gucken – aber ich muss, glaub ich, gleich kotzen. Wie sich diese Schwulette in Pose wirft, das ist widerlich."

"Genug!" Andi sprang auf Tom zu, aber der wich zurück, wobei er durch die hektische Bewegung das Plakat stark einriss. In fassungsloser Wut schnappte sich Andi das Weinglas und schüttete es Tom mit voller Wucht ins Gesicht.

Einen kurzen Augenblick schaute der klitschnasse Tom irritiert, aber dann warf er sich auf Andi, drückte ihn zu Boden und holte mit der Faust weit aus.
*Adieu Vorderzähne*, dachte Andi, der in Toms Augen sah, dass dieser blind vor Zorn war. "Nicht Tom!" Bills Worte holten Tom in die Gegenwart zurück.
Beide standen wieder auf. Wie unter Schock zitternd kramte Andi seine Geldbörse heraus und schüttet das Geld heraus - es waren nur einige Münzen. "Das reicht für die Cola, hoffe ich", sagte er leise.
"Du bist doch eingeladen", meinte Tom in unterkühltem Ton, während er sich mit einigen Servietten das Gesicht abtrocknete.
"Tut mir leid", erwiderte Andi, "ich lass mich nur von Freunden einladen."
Er sah zu Bill. *Bitte sag etwas. Mit Tom bin ich durch. Aber du, Bill, bitte!* Doch Bill hatte nur Augen für seinen Bruder, schien offenbar besorgt, dass ihm die Wein-Red-Bull-Mischung den Teint versauen könnte. Also schnappte sich Andi das lädierte Plakat und ging schnell hinaus. Seine Tränen sollten sie nicht sehen.

Zu Hause brach Andi erstmal heulend zusammen. Ihm war hundeelend und er wusste gar nicht, was er genau empfand – war es Trauer oder Wut? Er hatte nicht einmal Lust, die Ärzte zu hören. Wann hatte er sich das letzte Mal so schlecht gefühlt?

Er schluchzte und schniefte und sah immer wieder Bill und Tom vor sich – er erinnerte sich an die vergangenen Zeiten, die er mit den Zwillingen verbracht hatte, als sie drei die Außenseiter waren und es ihnen am Arsch vorbei ging. Diese Zeit hatte sie zusammengeschweißt – so jedenfalls hatte Andi bis heute gedacht. Und dann sah er wieder Toms hasserfülltes Gesicht, wie er zum Schlag ausholt.

Andi wusste nicht, ob es richtig gewesen war, einfach abzuhauen. Hätten sie die Sache nicht klären können oder sogar müssen? Wann würde er die beiden wieder sehen?
Aber dann fiel ihm wieder ein, wie Tom über Sascha gelästert hatte. Nein! Da gab es nichts zu verzeihen!

„Fuck, hilf HUST HUST mir…. Aaaaa HUUUUUUUUST…!“ Bill war in seinem ganzen Leben noch nie so schnell gerannt wie jetzt, als er ein Glas Wasser für Tom holte. Dieser hatte sich in der Schrecksekunde am Rauch so derbe verkutzt, dass er jetzt fast keine Luft mehr bekam. „Hier…!“, stammelte Bill und hielt ihm das Wasser hin. Sein Herzallerliebster sollte nicht gerade jetzt abkratzen, wo er ihm seine Liebe gestanden hatte….! Und sobald Tom das Glas geleert hatte, wurde der Husten auch schon besser. „Aaaaaaaaalter…… Du solltest das echt lassen mit dem Stoff, ganz offensichtlich verträgst du`s einfach nicht! Wenn schon ein einfacher Joint dich dazu bringt, diesen Unsinn zu quasseln und mir solch eine Angst einzujagen………“

Waaaas? Bill sackte in sich zusammen. Wollte oder konnte Tom nicht begreifen? Er versuchte es noch mal. „Nein Tom, hör zu. Ich meine das ernst…. Es ist mir bis vor kurzem klar geworden…. Niemandem habe ich je so nahe gestanden…. Niemanden werde ich je so nahe an mich heranlassen können wie dich….“ „Ja schon klar, Brüderchen, das nennt sich Bruderliebe. Und du verwechselst da ganz eindeutig etwas….!“, Tom baute regelrecht eine Steinmauer zwischen sich und Bill. Und der konnte langsam nicht mehr. Er wollte ausholen, ganz weit, und diese verdammte Barriere durchstoßen…. „Du willst wohl nicht verstehen?!? Ich LIEBE DICH!! Willst du Beweise?!“, stieß er verzweifelt hervor. So schnell konnte Tom gar nicht schauen, da wurde er mit so einer Wucht von seinem Zwilling gegen das Bettlaken gedrückt, wie er es von diesem nicht zu kennen glaubte. Und bekam den Wahnsinnskuss von letzter Nacht wieder. Diesen atemberaubenden Kuss – so hatte ihn vorher nie jemand geküsst, keine Frau, kein Mädchen und auch keiner seiner Kumpels (im Rausch war so was schon mal scherzeshalber vorgekommen).

Es durchzuckte ihn und da hatte er die Erinnerung an letzte Nacht wieder, als er sich gewundert hatte, warum Sammy auf einmal so genial küssen konnte. Dass es Bill gewesen war, hatte er verdrängt und vergessen! Aber jetzt blickte er seinem Zwilling genau in die Augen. Diese Augen schauten ihn so voller Zärtlichkeit an, dass es Tom plötzlich angst und bange wurde. Was zum Teufel taten sie da?!? Sie, als Brüder, als Zwillinge….?! In Windeseile entwand Tom sich und stürmte aus dem Zimmer.



Die nächsten Tage verbrachte Bill alleine in der Wohnung – er war froh über die Einsamkeit, und hoffte insgeheim doch, dass Tom plötzlich zur Tür hereinstürmen und ihm um den Hals fallen würde. Er konnte ihm doch nicht tatsächlich weismachen wollen, dass er nichts gefühlt hatte….. Nein, dazu kannte er seinen Zwillingsbruder zu gut…. Er wusste genau, was ihm gefiel und was nicht. Aber was, wenn ihm zwar das Körperliche gefiel, er aber – anders als Bill – sich nicht mit der Tatsache abfinden würde, dass sie eben anders waren, anders als andere? Ja, sie würden Vollgas Inzest betreiben…. Und? Reizte Tom nicht sonst ausnahmslos alles, was verboten war? War dies hier nicht das ultimativ Verbotene? Bill ließ das Balkonfenster durchgehend offen, da der Zigarettenrauch ansonsten endgültig Überhand nehmen würde. Sein Handy schwieg, das Schnurlostelefon hatte er außer Gefecht gesetzt. Bill schloss die Augen und sah sogleich Toms Engelsgesicht vor sich. Zufrieden ließ er sich in einen Tagtraum fallen.



Keuchend rannte Tom die Hauptstraße entlang. Sein Handy läutete – er ging ran. „Yo Alter, bin schon auf dem Weg…. Woah, Nat ist auch hier..?? Wie bist denn an die…. Ja egal, bis gleich!“ Er bog um die Ecke und läutete an einer der Wohnungstüren. Dort wurde er sogleich wärmstens empfangen – von seinem Kumpel Flo und zwei spärlich bekleideten Mädels. „Kommst gerade rechtzeitig…. Wir spielten uns mit zwei neuen Records“, informierte Flo Tom, der gerade zu sich kam. „… Und nicht nur mit den Records“, hauchte eines der Mädchen und beide brachen in schallendes Gelächter aus. Tom betrat die Wohnung, platzierte sich am Sofa und ließ den Kopf zurückfallen. Er schloss die Augen. Sogleich sah er Bills traurigen Blick vor sich. Wie von der Tarantel gestochen, sprang er auf und ging schnurstracks auf eines der Mädchen zu. „Yo Natalie….. Dass unsere Wege sich auch endlich mal kreuzen……“, legte er sogleich los. „Tja Süßer, du bist ja auch ständig auf zack! Immer unterwegs, was?“, säuselte das dunkelhaarige Mädel.



Es stimmte, die letzten Tage hatte Tom nichts anderes gemacht, als sich durch die Stadt zu treiben – jeden Tag bei anderen Leuten vorbeischauen (kannte er doch so gut wie 90% der Bewohner HHs), jede Nacht ein anderer Club. Nur bloß nicht nach Hause, nur nicht an seinen….. Bruder denken.



„Dein Ruf eilt dir voraus, Baby….. Wooah, und du gehst tatsächlich ganz schön ran!“ Natalie war Tom ausgeliefert. Es hatte nicht lange gedauert, da waren die beiden schon im Schlafzimmer gelandet. „Tja weißt du, ich will eben immer alles und zwar sofort!“, klärte Tom sie auf und brachte das Mädchen auch sogleich mit einem pimpigen Kuss zum Schweigen. Möglicherweise versenkte er die Zunge zu weit in ihrem Mund und ging ihr auch ein Stück zu schroff an die Wäsche – aber er hatte ein bestimmtes Ziel, und schon zum neunten Mal in den letzten Tagen hatte er es drauf ankommen lassen. „Diesmal klappt`s bestimmt….“, dachte Tom und war drauf und dran, es Natalie so richtig zu besorgen. Er packte sie, schloss die Augen……. Sogleich tauchte Bills lachendes Antlitz vor ihm auf. „Öhm… Baby, da hat sich aber nicht viel getan!“, riss ihn Natalies Stimme wieder in die Realität zurück. Doch Tom hatte schon seine Sachen gepackt und war aus dem Zimmer, aus der Wohnung, raus auf die Straße gestürmt.



„Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!!!“, ließ er solch einen Urschrei los, dass die vorbeigehenden Leute erschrocken davonliefen. Er raufte sich die Haare und ließ sich gegen die nächstgelegene Wand fallen. Langsam rutschte er an ihr entlang, bis er nur mehr wie ein kleines Häufchen elend zusammengekauert am Boden saß. Er vergrub das Gesicht in den Händen und schaukelte langsam vor und zurück. „Er ist dein Bruder… Du stehst auf Mädels…. Auf geile…. Knackige…. Weiber….. Auf….. weibliche…. Wesen…. Die nicht mit dir verwandt sind……“, murmelte Tom immer und immer wieder. Ein kleines Mädchen war angehoppelt gekommen und fing an, an seinen Dreads zu ziehen. „Bist du krank?“, fragte sie, doch Tom jagte sie schroff von dannen. „Dummes Balg“, dachte er nur bei sich. „Und ich ein Arschloch“, fügte er noch hinzu. Er musste tatsächlich einen jämmerlichen Eindruck machen, denn nach einer Weile war ein älterer Herr vorbeigegangen und hatte ihm ein paar Münzen hingeworfen. Na Bravo, so weit war er also schon gesunken.



Das Problem war dies gewesen, dass Tom nun bereits zum zehnten Mal keinen hochbekommen hatte. Jedes Mal, wenn er kurz davor war, ein Mädel zu beglücken, machte Bill ihm einen Strich durch die Rechnung. Und dafür musste er nicht einmal physisch anwesend sein. Wenn er damals, mit 13, in Toms Zimmer reingetrampelt war, als dieser gerade eine Eroberung weich gekocht hatte, so störte er dieser Tage in einer völlig anderen Dimension.



Tom konnte sich nicht länger etwas vormachen, er war bis über beide Ohren in seinen Zwillingsbruder verliebt. Die ganze Aktion in Magdeburg, die Art, wie Bill um ihn gekämpft (von dieser Seite betrachtet hatte Bill in jener Nacht ja Schwerstarbeit geleistet!) und ihm seine Gefühle gestanden hatte, hatten bei Tom einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nach außen hin wollte er unbedingt den coolen Korrekten geben, aber in dem Augenblick, indem er den aufregendsten, innigsten und ehrlichsten Kuss seines Lebens empfangen hatte, war er verloren gewesen. Von wem auch immer dieser Kuss gestammt hätte, für denjenigen wäre er durch die Hölle und zurück gegangen. Und nun war es also sein Bruder gewesen, der es geschafft hatte, ihn so aufzurütteln. Wie viele Mädels hatte Tom in seinem Leben gehabt? Er hatte längst aufgehört zu zählen, aber eines war sicher…. Für keine Einzige hatte er jemals so viel empfunden. Ja gut, da gab es mal die ein oder andere, die das Unmögliche geschafft hatte – sein Herzchen etwas anzuknacken, nicht vollständig zu brechen, man beachte! Aber das alles war nicht vergleichbar mit dem, was er jetzt fühlte. Es stimmte doch, was Bill gesagt hatte…….

Niemandem auf dieser großen weiten Welt stand Tom so nahe, wie seinem Zwillingsbruder. Aber mussten sie deshalb gleich so weit gehen?! Würde er es nicht doch irgendwann mal schaffen, einen anderen Menschen zu finden, mit dem dasselbe möglich wäre……. Leute erzählten doch von Begegnungen, bei denen man das Gefühl hatte, den anderen schon ein Leben lang zu kennen……. Aber nur bei Bill war dies auch tatsächlich der Fall. Sein Bill…. Den er so oft beschützen musste… Der oft so einen hilflosen Eindruck machte…. Er brauchte Tom…. Und Tom konnte ohne ihn nicht.



Es schlug Mitternacht, als die Haustür der Wohnung weit aufflog und Tom hereinstürzte. Bill, der eben noch gedankenverloren auf dem Sofa gelegen war, schreckte hoch. Doch ehe er sich versah, war Tom ihm um den Hals und er selbst zurück auf die Laken gefallen. „Ich verstehe es jetzt…!“, japste Tom keuchend. Bill umklammerte seinen Bruder so fest, als ob er ihn nie nie wieder loslassen wollte. Und wie konnte es auch anders sein – sofort sprudelten die Freudentränen drauflos. Aber Worte waren jetzt auch so was von überflüssig. Alles, was Tom sich jetzt so sehnsüchtig wünschte, war…. Dieser Kuss, der ihm die Sinne raubte, die Sprache verschlug und die Welt auf den Kopf stellte. Und dieser Kuss ließ nicht lange auf sich warten…….

Chapter 4: Wind Of Change



Es war ein herrlicher Frühlingstag, als zwei glückliche junge Menschen in einem schicken fetten Hummer durch die Straße Hamburgs sausten. Der Wind wehte ihnen um die Ohren und die Stereoanlage war kurz vorm Explodieren. „Nothing will stop this, not now I love you….. They not gonna get us, they not gonna get us!“ Bill griff zärtlich nach Toms Hand, welche auf dem Schaltknüppel ruhte. Sowas war auf offener Straße absolut tabu – dies war ein ungeschriebenes Gesetz zwischen den beiden Frischverliebten. „They don`t understand, they don`t understand us.“



Es war der Tag, an dem Kinetic Power, die neue Überfliegerband, ein Konzert in Hamburg gab. Als Tom und Bill bei der riesigen Halle angelangt waren, mussten beide etwas schmunzeln. Bill hatte ein Déjá-vu, und er wusste nicht, ob er es amüsant oder doch irgendwie traurig fand. Hilflos blickte er zu Tom. Dieser schüttelte nur den Kopf. „Hätte ich mir ja denken können, dass dir das gleich wieder an die Nieren geht“, meinte er. Das Bild, das sich ihnen bot, kannten sie nur zu gut aus TH-Tagen: Heulende, kreischende Menschenmengen – nur dass diesmal das Verhältnis zwischen Mädchen und Jungs ziemlich ausgewogen war. Bill erinnerte sich daran, wie er die Band zum ersten Mal im Fernsehen gesehen hatte. Ohne weiteres wären alle vier als Mädchen durchgegangen.



Selbstverständlich reihten sich unsere Helden nicht zu den außer Rand und Band geratenen Fans, sondern zückten ihre Backstagepässe. Toms Beziehungen waren wirklich erste Sahne. Sie schlängelten sich an den zahlreichen Securities vorbei und machten es sich neben dem Bühneneingang bequem.



Das Konzert ging auch schon los und die vier Sternchen waren alles andere als schlecht. Im Gegenteil, für ihr Alter hatten sie`s wirklich drauf. In den Augen tat es zwar manchmal weh, aufgrund der Farbenvielfalt, aber ansonsten waren die Twins nach kürzester Zeit aufgesprungen und hatten wie wild mitgerockt. „Toooooom…. Willst du was trinken?“, schrie Bill seinen Bruder an, doch dieser hatte kein Wort verstanden – das Gekreische in der Halle war einfach nicht zu übertreffen. „OB. DU. WAS. TRINKEN. WILLST!!“, brüllte Bill so laut er konnte. Diesmal hatte es geklappt und Bill sprang auf, um den nächsten Getränkeautomaten ausfindig zu machen. Er hatte wirklich beste Laune – Musik verfehlte bei ihm einfach nie die Wirkung – und hüpfte pfeifend und in die Hände klatschend an dem eher mies gelaunten Personal vorbei. Ein paar von ihnen warfen ihm abwertende Blicke zu, andere deuteten gar mit Handzeichen an, ob er denn noch alle Tassen im Schrank habe. Doch Bill scherte das nicht weiter – er brauchte Cola, und zwar sofort. Gab es denn hier keinen verdammten Automaten?! Bill war stehen geblieben und blickte sich am Kopf kratzend um. Daaa…! Er hatte das Objekt seiner Begierde entdeckt und stürmte drauf zu.



Endlich! Zwei Flaschen Cola light…. „Mach mal hinne, Junge!“, meldete sich hinter Bill eine raue Stimme zu Wort. Wie bitte? Was war denn das für ein Ungetüm hinter ihm? Bill ließ sich nicht gern hetzen – wenn, dann war es seine Aufgabe, andere zu hetzen. Langsam drehte er sich um und ließ augenblicklich beide Flaschen fallen. Mit lautem Klirren zerbrachen diese in tausend Teile. Bill war wie versteinert. Er blickte in zwei wohlbekannte Augen, die ihn ebenso entgeistert ansahen. „Ddd…duu… Was… machst dduu denn hier….?“, stammelte Bill drauflos. Sein Herz raste. „Dasselbe könnte ich dich auch fragen!“, meinte David kühl und musterte Bill abfällig. „Hoffe, das ist wirklich nur ein dummer Zufall……“, fügte er noch hinzu, drehte sich auf dem Absatz um und wollte sich davonmachen. „Nein, warte!!“, rief Bill ihm hinterher, doch von einem Augenblick auf den anderen standen zwei Securities vor ihm und versperrten ihm den Weg. „Was zum….?“, dachte Bill und machte ein paar Schritte zurück. Er musste doch zurück zu Tom, wo sollte er denn jetzt hin? Und überhaupt, wieso ergriffen die Securities Partei für David…. Ansonsten interessierte die doch auch allein das Wohlergehen der Stars…..? Was hatte das alles zu bedeuten….? Es sei denn……….. Wie betäubt rannte Bill einfach in irgendeine Richtung – zum Bühneneingang führte sie aber definitiv nicht.

Schließlich war er in einem Gang voller Zimmertüren gelandet. „Garderobe Band und Management“ stand auf einer von ihnen. Bill ging näher ran und hörte lautes Stimmengewirr. Langsam beugte er sich runter und blickte durch das Schlüsselloch. Aha, das Konzert war also schon vorbei….. Hier tummelten sich die Jungs von Kinetic Power. Beim genaueren Hinhören wurde Bill aber klar, dass es sich hier gerade um einen handfesten Streit handelte. „Ich sage es dir zum letzten Mal, noch so ne Aktion und du fliegst RAUS, in HOHEM BOGEN!! Ersatz haben wir am laufenden Band, falls du vergessen haben solltest…!“, schrie eine raue Männerstimme. „Mensch Alter, Stagediving gehört zu Rock`n`Roll eben dazu…..“, verteidigte sich die andere, helle Stimme. „Ich zeige dir gleich Stagediving…!!“, KLATSCH!! Oh oh, das ging wohl Mitten in die Fresse….. „Wichser!!!!!“

Die Tür flog auf und heraus stürmte der blauhaarige Frontmann, sich die Wange haltend. Dummerweise hatte Bill jetzt auch was abbekommen – die Tür war nämlich genau gegen den Hinterkopf geknallt. „Shit………“, flüsterte er nur, ehe er zu Boden sank. Langsam wurde es ihm schwarz vor den Augen und das Letzte, was er vernahm, war, dass jemand aus dem Raum schritt und sich über ihn beugte….. „Du schon wieder….!“, hörte er David sagen.



Als Bill wieder die Augen öffnete, fand er sich in seinem eigenen Bett wieder. Die Sonnenstrahlen wärmten sein Gesicht und die Vögel zwitscherten draußen. Und wieder war es ein wunderschöner Tag. Bill stellte fest, dass er komplett ausgezogen war. Er konnte sich weder daran erinnern, wie er ins Bett gekommen war, noch, wer ihn entkleidet hatte. Er hoffte allerdings stark, dass es Tom gewesen war.

„Wuuuuuuuuunderschönen guten Morgen, Brud…. Liebster…!“, grölte Tom und marschierte mit einem vollgepackten Frühstückstablett ins Zimmer. Er hatte sich noch nicht so ganz an die Tatsache gewöhnt, dass sein Geliebter gleichzeitig sein Bruder war… Bill wollte sich erheben – ein stechender Schmerz im Hinterkopf machte ihm da aber einen Strich durch die Rechnung. „Aaaaaah…!“, heulte er auf und ließ es gut sein. „Mein armer, armer Unglücksrabe….“, säuselte Tom voller Mitleid, kuschelte sich sogleich zu Bill ins Bettchen und hauchte ihm ein Küsschen auf die Lippen. „Könntest du mich vielleicht aufklären, was überhaupt passiert war….? Ich bin irgendwie…. Ziemlich… verwirrt?“, wand sich Bill an seinen Bruder. Dieser musste auf einmal fett grinsen.

„Yep, ziemlich verwirrt trifft`s genau!“, stichelte er drauflos, und hätte Bill nicht einen solch schweren Kopf, wäre das jetzt in eine wilde Polsterschlacht ausgeartet. „Tjaaaaaaaaaa….. Das Konzert war ja aus, und du noch immer nicht zurück, da ging ich dich suchen…. Brauchte aber nicht allzu lange, denn schon bald kam mir ein netter Security mit dir auf dem Arm entgegen…… Bist du wo dagegen gerannt oder was war passiert?“, erkundigte Tom sich. Ach, so war es also gewesen. Tom hatte gar nicht mitbekommen, wen Bill getroffen hatte…. Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war leider Gottes Davids Gesicht. Bill lief es kalt den Rücken runter. Er rückte näher an Tom ran und schmiegte sich ganz dicht an ihn. Dieser umklammerte ihn sogleich zärtlich und fing an, ihm den Rücken zu kraulen. Doch Bill konnte sich nicht so recht entspannen….. „Du, Tom, ich habe David getroffen.“



Beiden war klar, was es zu bedeuten hatte, dass David sich im Zimmer der Band aufhielt. „Jetzt verstehe ich auch das mit den Securities… Also dass sie mich davon abhielten, ihm zu folgen“, analysierte Bill die Lage. „Echt, der managed die Jungs…..“, jetzt wurde es auch Tom ziemlich flau im Magen. Irgendwie konnte er jetzt das Gefühl des Verrats, das Bill schon die ganze Zeit über mit sich schleppte, nachvollziehen. Ihre Band wurde ersetzt… Genauso, wie diese Kinetic Power in ein paar Jahren ersetzt werden würden. David und seine Leute gingen wirklich über Leichen. Tom biss sich auf die Unterlippe. Er wollte die Gedanken einfach aus dem Kopf werfen – es würde ja doch nichts an der Lage ändern. „Und weißt du, er ist immer noch ganz der Alte. Er hat dem Sänger vorher eine geknallt.“, fügte Bill leise hinzu, „Deswegen hab ich ja auch eins mit der Tür abbekommen…..“ Die Zwillinge schwiegen sich ein paar Minuten an. Beide schienen in Gedanken versunken zu sein.

Andi wusste nicht, ob es richtig gewesen war, einfach abzuhauen. Hätten sie die Sache nicht klären können oder sogar müssen? Wann würde er die beiden wieder sehen?
Aber dann fiel ihm wieder ein, wie Tom über Sascha gelästert hatte. Nein! Da gab es nichts zu verzeihen!

*Oh Gott, um 20:00 Uhr ist doch die Vorstellung!*
Andi blickte auf die Uhr, aber es waren noch drei Stunden, wie er beruhigt feststellte. Und plötzlich ging es ihm wieder besser. Er legte Musik ein, summte fröhlich mit und schaute sich das Plakat an, das er einigermaßen geklebt hatte. "Hallo, mein Schatz. Wir lassen uns doch die Laune nicht verderben. Tom war schon immer ein Spinner - mach dir nichts aus seinen Worten."

Bevor er ging, schaute er noch in den Briefkasten. Ein Schreiben von der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze.
*Was wollen die denn?*
"Teilen wir Ihnen mit … blabla… aufgrund eines bedauerlichen Irrtums … nicht an der Freien Universität Berlin, sondern der Universität Hamburg …"
WAS? HAMBURG? Ausgerechnet Hamburg? Andi konnte es nicht fassen. Na ja, Hamburg war groß, da würde er den Kaulitzen schon nicht über den Weg laufen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Twins bei den Studenten blicken ließen, war eher gering. Und andererseits würde Andi die Partyszene der Hansestadt meiden, in der sich Bill und vor allem Tom wohl munter tummelten.

Wenig später saß Andi im Theater. Er war eigentlich ein Kunstbanause und konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal eine Theatervorstellung besucht hatte - sicher als kleiner Junge. Doch als das Licht mit einem märchenhaften Gong langsam verlöschte, nahm ihn der Zauber sofort gefangen. Andi war Computerfreak und lebte gern in seiner virtuellen Welt, musste nun aber zugeben, dass es ihn ziemlich beeindruckte, wie sich der schwere, samtene Vorhang langsam geräuschvoll öffnete und den Blick auf die Kulissen frei gab. Wann hatte er das letzte Mal mit so freudiger, kindlicher Anspannung in seinen Monitor geschaut, mit der er nun dem Beginn des Schauspiels entgegenfieberte?

Laute Schritte auf dem Theaterboden, Musik setzte ein - und dann stand er da, mitten im Scheinwerferlicht. Andis Herz raste und die Schläfen pochten.
*Warum ist es auf einmal so heiß hier?*
Mit fassungslosem Blick verfolgte Andi Saschas Auftritt, ohne dabei überhaupt irgendetwas von der Handlung des Stückes mitzubekommen. Zeit und Raum hatten für ihn aufgehört zu existieren, es gab nur noch eins: Sascha!

Verliebt? Schwul oder nicht? Völlig egal! Andi wusste nur, dass er für diesen Jungen da vorne alles tun würde - ALLES. Sascha sprach, sang, tanzte und Andis Verlangen steigerte sich noch von Augenblick zu Augenblick.
*Für dich geh ich durch die Hölle*
Wenn Sascha mit einem Mädchen tanzte, ihr an die Hüften fasste, sie auf Händen trug, in die Höhe hob - dann wurde Andi von Eifersucht und Hass erfüllt, wie er es bisher noch nicht gekannt hatte. Da half es ihm nichts, sich darüber klar zu sein, dass das hier alles nur gespielt war. Er litt und wünschte sich Saschas Nähe so sehr, wie ein Verdurstender einen Schluck Wasser.

*Nanu*, Andi wunderte sich, dass nach zehn Minuten schon alles vorbei war. Er sah auf die Uhr. *Was? Über eine Stunde rum? Wie ist das möglich?*
Das Licht war an und der Vorhang geschlossen. Die wenigen anderen Besucher waren bereits hinausgegangen - doch Andi brauchte einige Zeit, um sich zu besinnen. Er war klitschnass geschwitzt. Dann aber sprang er auf und stürmte hinaus.

Die Kasse war tatsächlich noch besetzt. Andi zog geschwind sein Portemonnaie heraus, doch da fiel ihm ein, dass er die letzten Münzen beim Italiener gelassen hatte. Also rannte er zu dem Geldautomaten, den er vorher gesehen hatte.

"Diese Vorstellung, wie lange läuft die noch?", fragte er etwas außer Atem, als er wieder zurück war.
"Die Vorstellung? Die ist doch schon zu ende …"
"Nein! Ich meine, wie lange wird das Stück noch aufgeführt?", erklärte Andi.
"Also erstmal die nächsten drei Wochen. Kommt drauf an, wie viele Besucher kommen. Danach…"
"Ja, ja. Also dann Karten für jeden Abend, erste Reihe."
"Sie können auch an der Abendkasse…"
"Ich will die verdammten KARTEN! JETZT!" Andi wusste selbst nicht, warum er sich so aufregte. "Und … ähm … dieser Sascha, der da die Hauptrolle spielt, gibt es noch andere Aufführungen mit ihm?"
"Kindervorstellung, am Sonnabend Nachmittag. Tschaikowskis Nussknackersuite wird da …"
"Erste Reihe? Geht das?"


Am Sonnabend saß Andi dann inmitten von Kindern in der ersten Reihe des Theaters. Was ihm früher unsagbar peinlich gewesen wäre, erreichte jetzt nicht einmal mehr sein Bewusstsein. Die Nussknackersuite war noch märchenhafter und genau nach Andis Geschmack. Als Sascha zum Russischen Tanz über die Bühne wirbelte, blieb Andi fast das Herz stehen. *Ich liebe dich! Ich liebe dich! Ich liebe dich!* Am liebsten hätte er es laut herausgeschrieen.

Andis Lebensinhalt bestand vorläufig einzig darin, sich die Vorstellungen mit Sascha anzuschauen. Die übrige Zeit war ihm langweilig. Alles was ihm früher Spaß und Freude bereitet hatte, kam ihm jetzt völlig belanglos vor. Computerspiele, Internet - nichts interessierte ihn mehr daran.

"He, warte mal!"
Andi war gerade, wie so oft in den vergangenen Tagen, nach der Vorstellung als letzter Besucher auf dem Weg zum Ausgang. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass es Sascha war, der ihn da ansprach. Er selbst bekam zunächst kein Wort heraus.
"Ich hab dich jetzt schon öfter hier gesehen. Kein Wunder, bist ja immer erste Reihe. Aber irgendwoher kenn ich dich. Wollt nur mal fragen."

Andi kramte den kleinen Werbezettel hervor, den ihm Sascha damals gegeben hatte und den er stets bei sich trug.
"Sicher erinnerst du dich nicht. Auf der Party bei Ralf, hast mir das gegeben und da…"
"Stimmt ja", unterbrach ihn Sascha, "Du bist der Freund von Christine. Doch, doch - ich erinnere mich."
"Oh, nein, das mit Christine, also das …"
"Ist vorbei? Habt ihr euch getrennt?", fragte Sascha.
"Äh … ja, kann man so sagen", stotterte Andi.
"Klar. Warum hättest du hier sonst auch Abend für Abend so alleine sitzen sollen. Tut mir leid, falls ich irgendeine Wunde aufgerissen haben sollte."
"Nein, nein!", versicherte Andi sofort.

"Und, wie findest du unser Stück? Eigentlich dumme Frage, wo du so treu in jede Vorstellung kommst."
"Du bist einfach brillant!", stieß Andi sofort hervor und dies um einiges heftiger, als ihm lieb war.
"Wirklich? Findest du?", fragte Sascha und errötete süß. "Nicht viele Jungs in unserem Alter interessieren sich für Tanz oder gar Ballett. Ich freu mich echt, dich getroffen zu haben. Wenn du Lust hast könnten wir ja mal zusammen was unternehmen. Ich bin noch nicht so lange in Magdeburg und kenn hier kaum Leute. Na ja, ständig Proben oder Vorstellungen – da bleibt nicht viel Freizeit. Also, wie wär's?"
"Ja, klar - gerne, Sascha."
"Da fällt mir ein, dass du mir deinen Namen noch gar nicht gesagt hast."
"Andi …äh… Andreas. Also für Freunde Andi und eigentlich Andreas."
"Also Andi", sagte Sascha freudestrahlend, "Ich muss jetzt aber erstmal duschen und mich umziehen. Der Hausmeister möchte schließlich auch Feierabend haben. Wir könnten uns später …"
"Ich warte draußen", sagte Andi sofort, "Hab ohnehin nichts besseres vor."
"Ich fliege", rief Sascha und war kurz darauf hinter der Bühne verschwunden.

An den nächsten Abenden zogen die beiden durch Magdeburgs Kneipen. Sascha war ein genialer Unterhalter, witzig und intelligent. Sein Lieblingsthema war der Tanz, das Ballett und Musicals. Andi, der davon eigentlich so gar keine Ahnung hatte, suchte sich zu Hause im Internet Informationen dazu, um wenigstens etwas Gesprächsstoff liefern zu können. Aber meistens redete Sascha, während Andi an seinen Lippen hing.

"Mist!", rief Sascha eines Abends, als sie sich gerade verabschieden wollten.
"Was ist los?", fragte Andi besorgt.
"Ich habe meine Schlüssel im Theater vergessen. Scheiße!", antwortete Sascha.
"Also du könntest bei mir pennen. Meine Eltern sind verreist. Die kommen allerdings morgen Nachmittag zurück."
"Danke, Andi. Und kein Problem – ich werde am Vormittag wieder verschwinden, hab ja noch Probe."

Nachdem sie in der Wohnung angekommen waren, drehte Andi erstmal die Musikboxen auf und schaute dann in der Küche nach, was er noch zu Trinken anbieten konnte. Er wollte, dass sich Sascha so wohl wie möglich fühlte. Seine Eltern hatten zum Glück eine gut gefüllte Hausbar und so mixte er schnell zwei Drinks.

"Hier Sascha, probier mal, eigene Kreation."
"Hoffentlich nicht zu viel Alk. Das würde mich jetzt nämlich echt umhauen. War ein anstrengender Tag." Sascha kreiste seine Schultern. "Ein Königreich für eine Massage."

Sofort sprang Andi auf.
"Hab ich dir noch nie gesagt, dass ich der weltbeste Masseur bin? – bekannt auf allen fünf Kontinenten und eigentlich gar nicht zu bezahlen. Aber bei dir würde ich natürlich eine Ausnahme machen und meine Kunst kostenlos verrichten."
"Wie nobel von dir. Dann aber los", sagte Sascha und zog sich zu Andis Erstaunen sogleich sein Shirt aus, "Mal sehen, ob du nur ein Aufschneider bist."

Saschas Körper war schlank und doch erstaunlich durchtrainiert. Die Oberarme und Brustmuskeln erschienen ungewöhnlich kräftig im Vergleich mit der zierlichen, mädchenhaften Taille. Andi gefiel sehr, was er da sah. Saschas Haut war makellos, strahlend weiß und fühlte sich herrlich warm und weich an, wie Andi nun feststellte.

"Wo soll ich dich denn überhaupt genau durchkneten?", fragte Andi und begann zaghaft, seine Hände zu bewegen.
"Am besten überall", antwortete Sascha und begann, wohlig zu stöhnen.
"Willst du dich dann nicht lieber hinlegen? Hier auf die Couch?"
"Klar doch."
"Ich müsste mich dann aber auf dich raufsetzen, sonst komm ich so schlecht ran."
"Nur zu, ich bin nicht zerbrechlich.", meinte Sascha.

Andi fühlte sich im Paradies. Er saß auf Saschas kleinem, festem Apfel-Popo und strich ihm sanft über Schulter und Rücken. Mit den Fingerspitzen fuhr er wollüstig über die Haut und hätte am liebsten auch angefangen zu stöhnen.
Plötzlich kicherte Sascha. "Willst du mich kitzeln oder massieren? Nun pack mal etwas fester zu."

Andi verstärkte seinen Händedruck, zunächst vorsichtig, doch an Saschas ungehemmten Lustlauten merkte er, dass jede Zurückhaltung Fehl am Platz war. Also legte er sich so richtig ins Zeug.

Das Auf und Ab der Bewegung und die lustvollen Berührungen zeigten auch bald bei Andi Wirkung. Er merkte, wie sein bestes Teil, das an Saschas Hintern rieb, zu wachsen anfing. Zunächst erschrak er darüber und fürchtete, Sascha würde dies bemerken. Aber Andi trug eine dicke Jeans und außerdem war Sascha durch die anderen Berührungen abgelenkt. Wer sagte denn auch, dass es Sascha missfallen würde – Andi hoffte doch eher das Gegenteil.

Aber Andi trug eine dicke Jeans und außerdem war Sascha durch die anderen Berührungen abgelenkt. Wer sagte denn auch, dass es Sascha missfallen würde – Andi hoffte doch eher das Gegenteil.

Also schloss Andi die Augen und genoss die Situation einfach. Immer, wenn seine Hände kraftvoll Saschas Nacken walkten und er hierzu seinen Oberkörper senkte, presste er sein Becken an Saschas Hintern, um sich sogleich wieder etwas zu heben. Andi schien alles um sich zu vergessen.

"Aaahhh …", stöhnte Andi schließlich und in seiner Hose wurde es feucht.
"Was ist los", fragte Sascha verwirrt, der leicht eingedämmert war.
"Äh … ich hab nur einen Krampf in der Hand", log Andi, "Hab wohl doch zu doll zugepackt."
"Also mir hat's gefallen", meinte Sascha, "Aber dann machen wir wohl lieber Schluss."

Andi stieg von Sascha runter und guckte sofort auf seine Hose. Aber zum Glück trug er diese Jeans und so war kein Fleck zu sehen.

"Danke noch mal", sagte Sascha und griff Andis Hände, "Welche ist denn nun die schlimme?"
"Die Linke - geht aber schon wieder."
Sascha nahm Andis linke Hand und küsste sie. "Das nimmt hoffentlich die Schmerzen. Du hast wirklich goldene Hände. Das müssen wir bei Gelegenheit unbedingt wiederholen. Ich zeig dir dann noch andere Stellen, die du mal massieren kannst."
Andi wusste nicht, was er sagen sollte.

"Mann, bin ich müde. Wo kann ich eigentlich pennen?", fragte Sascha.
"Wie gesagt, meine Eltern sind nicht da. Das Bett ist frisch bezogen. Möchtest du einen Schlafanzug?"
"Nee, danke. Ich schlafe immer nackt. Oder geht das nicht? Ich meine, weil es das Bett deiner Eltern ist."
"Quatsch."

Wenig später lag Andi in seinem Zimmer und blickte durch das Fenster in den Sternenhimmel. An Schlaf war nicht zu denken. Im Nebenzimmer lag der geilste Boy der Welt. Nackt! Sollte er die Nacht einfach so vorbeigehen lassen? War dies nicht eine einmalige Gelegenheit? Aber wie genau tickte Sascha? Waren seine Worte vorhin nicht ein eindeutiges Angebot? Oder war das nur Andis Wunschdenken?

*Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.*, dachte Andi, sprang auf, zog sich den Schlafanzug aus und schlich zum elterlichen Schlafzimmer. Leise öffnete er die Tür und lauschte. Nichts zu hören. Im Dämmerlicht konnte er erkennen, dass Sascha auf der linken Seite des Doppelbettes lag, also legte sich Andi auf die andere Seite und wartete eine Weile.

Sascha hatte anscheinend nichts mitbekommen. Andi konnte nun leise seinen gleichmäßigen Atem hören, was ihn wahnsinnig erregte. Langsam tastete sich seine Hand unter die Bettdecke und bald berührte er die sanfte, warme Haut, die er vor zwei Stunden noch so liebevoll massiert hatte. Sascha schlief auf der Seite, zusammengerollt wie ein Baby, was Andi zum Schmunzeln brachte.

Andi ließ seine Finger weiter nach unten gleiten, den Rücken entlang zu den schmalen Hüften und erreichte endlich das Ziel seiner Begierde: Saschas runden, festen Hintern – der sich aber auch erstaunlich warm und weich anfühlte.

Dort streichelte Andi eine Weile, während er immer näher an Sascha heranrutschte. Sanft ließ er seine Finger auch über die Oberschenkel gleiten und näherte sich dabei immer weiter Saschas Vorderseite.

Andi stoppte kurz, als Saschas Atem unregelmäßiger wurde und er kurz zuckte.
"Ja … weiter", murmelte Sascha, kaum zu verstehen.
Andi konnte sein Glück kaum fassen. *Das Schicksal meint es gut mit mir – sehr gut!*

Schon wanderten seine Finger zu Saschas Bauch, liebkosten zärtlich den Nabel. Andi war nun ganz dicht herangerutscht, so dass sich ihre nackten Körper berührten. Ganz vorsichtig näherte er sich mit der linken Hand Saschas Geschlecht, fuhr mit den Fingerkuppen zunächst einige Male sanft durch die Schamhaare und griff dann beherzt tiefer. Andi konnte die Erregung nun kaum noch aushalten, die Triebe übermannten den Verstand. Er presste sich mit einem Ruck an Sascha und biss ihm zärtlich in den Hals.

"Was?!", brüllte Sascha, sprang auf und fand erstaunlich schnell den Lichtschalter. Er starrte fassungslos auf Andi und rieb sich die Stelle am Hals. "Was ist los?!"
"Entschuldigung", stammelte der völlig verwirrte Andi, "Ich wollte dir nicht wehtun."
"Hast du mir in den Hals gebissen? Bist du ein Vampir, oder was? Was soll das?", fragte Sascha, "Und was machst du hier in meinem Bett?"
"Ich wollte dir nicht wehtun, Sascha. War doch nur lieb gemeint. Vielleicht war der Kuss etwas zu stürmisch."
"Der Kuss?!", fragte Sascha und riss die Augen weit auf, "Bist du etwa … schwul?" Saschas Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran, dass er dann doch den Vampir bevorzugen würde.
"Du nicht?", fragte Andi zurück, "Ich meine, willst du sagen, dass du so gar nicht ...? Absolut hetero? Du machst schließlich Ballett und dann vorhin die Massage…"
"Was redest du da?!" Saschas hübsches Gesicht wurde zornesrot, wie Andi es nie für möglich gehalten hätte. "Weil ich Ballett mache, muss ich also schwul sein? So ein primitives Denken hätte ich von dir nicht erwartet!", brüllte Sascha, "Ballett und Tanz sind eine Kunst! Dein ganzes Interesse war also nur geheuchelt!"

Er redete sich lautstark in Rage und Andi schaute ihn schuldbewusst an. *Oh man, siehst du geil aus, wenn du wütend bist. Das Funkeln in deinen Augen und wie süß du deine Lippen aufwirfst.*

Plötzlich ging die Schlafzimmertür auf und Andis Mutter trat hinein. Sie starrte auf den nackten Sascha.
"Was, was ist hier los?"
Andi sprang geschockt aus dem Bett. "Es ist nicht so, wie es aussieht!", rief er.
Seine Mutter und Sascha rissen die Augen weit auf und blickten ihn entgeistert. Aber sie sahen nicht auf sein Gesicht, sondern seine Körpermitte. Die Mutter schlug sich die Hand vor die Augen und wankte hinaus.

Andi sah an sich hinunter. *Ja, das kann man wirklich eine stramme Erektion nennen. Vielleicht sollte ich ein Foto für Christine machen?*
Sascha wich etwas zurück, als fürchtete er, von Andi angegangen zu werden.

In Andis Kopf hämmerte die Frage, wo seine Eltern jetzt herkamen. Es war einfach eine Katastrophe. Seine Eltern waren stockkonservativ, absolute Spießer. Und nun stand er hier, im Schlafzimmer, zusammen mit einem anderen Jungen, nackt. Über die Reaktion seiner Eltern machte sich Andi keine Illusionen.

Dann stand auch schon Andis Vater in der Tür.
"Das ist doch … das kann doch wohl nicht … solch eine Schweinerei … in unserem Haus! Nur gut, dass wir früher gekommen sind. Du bist enterbt … wir sind getrennte Leute … dein Studium kannst du dir auch alleine finanzieren …"
Im Flur war ein Poltern zu hören – die Mutter war wohl zusammengebrochen.

Andi blickte erneut an sich herunter. *Jawohl, ein strammer Salut auch für den Herrn Vater.*, doch der war bereits wieder weg und kümmerte sich um die Mutter.

Sascha begann hastig sich anzuziehen.
"Bitte versteh mich nicht falsch", bettelte Andi flüsternd, nachdem er sich auf das Bett gesetzt hatte, "Ich hab das doch nicht so gemeint, mit dem Ballett und so." Sascha schien aber gar nicht hinzuhören.
"Ich glaube, ich liebe dich", sagte Andi schließlich flehend, woraufhin Sascha kurz inne hielt.

"Es tut mir leid, wenn ich dich in Schwierigkeiten gebracht habe", sagte Sascha in tröstendem Ton zu ihm, "Kopf hoch, wird schon werden. Warum musst du dich denn auch in mich verlieben, du kleiner Vampir." Er lächelte, beugte sich zu Andi hinunter und drückte ihm einen Kuss mitten auf die Lippen – einen richtig langen Schmatzer. Dann lief er hinaus und Andi hörte die Wohnungstür schnappen.

*Nun werde einer aus diesem Kerl schlau*, dachte Andi und ging in sein Zimmer, wo er sich mit Tränen in den Augen auf sein Bett fallen ließ. Vor einigen Tagen hatte er seine besten Freunde verloren, nun war ihm der Mensch fortgelaufen, den er liebte. Und wie sehr er Sascha wirklich liebte, wurde ihm jetzt erst so richtig bewusst. Obendrein hatten ihm seine Eltern gerade den Stuhl vor die Tür gestellt. Wie sollte es nun weitergehen?

Andere würden sich jetzt wohl einen Strick nehmen. Aber bei dem "Glück", dass er gerade hatte, würde wahrscheinlich der Strick reißen und er sich beim Runterfallen beide Beine brechen. Also ließ er das lieber. Andere kamen doch auch durchs Studium, ohne dass die Eltern mit Geld halfen. Und vielleicht war es gut, jetzt nach Hamburg zu gehen – nur weg von hier, weg von Sascha.

H A M B U RG

Andi wollte zur ersten Vorlesung nicht zu spät kommen, also war er rechtzeitig losgegangen. Er wohnte in einer kleinen möblierten Wohnung, die seine Eltern noch für ihn angemietet hatten, bevor es zum Bruch gekommen war. Für sechs Monate hatten sie die Miete im Voraus entrichtet – was danach sein würde, wusste Andi nicht und darüber wollte er jetzt lieber noch nicht nachdenken.

Gespannt betrat er das Gebäude der Fakultät und bemerkte sofort, wie voll es hier war. Vor dem Vorlesungssaal saßen etliche Studenten auf dem Fußboden und drinnen schien es total überfüllt.

Sicher irgendwelche Studentenproteste. Aber warum ausgerechnet hier und jetzt?

"Wofür protestiert ihr denn? Fällt die Informatikvorlesung aus?", fragte er ein Grüppchen am Rande vom Flur.
Sie sahen ihn an, wie einen Außerirdischen.
"Hä? Was?"
"Ich meine nur, weil ihr hier auf dem Flur sitzt", erklärte Andi.
"Wir sind zur Vorlesung hier. Sichere dir mal lieber auch gleich deinen Platz auf dem Flur. Hier kannst du den Prof wenigstens noch hören. Unten auf der Treppe kriegst du gar nichts mehr mit", erklärte einer seiner Kommilitonen.
*Ist denn das die Möglichkeit?*, dachte Andi verwirrt, *Willkommen an der Massen-Uni.*

Die Studienbedingungen waren alles andere als optimal – Vorlesungen, Seminare und die Bibliothek heillos überfüllt, Prof´s nie zu sprechen. Zudem war der Stoff schwieriger und umfangreicher, als Andi gedacht hatte. Mit seinem Computer-Know-how kam er hier nicht weit. So war es kein Wunder, dass er die ersten Klausuren und Prüfungen voll in den Sand setzte.

Durch diese Misserfolge panisch geworden, hing Andi nun nur noch über den Lehrbüchern und versuchte, alles in den Kopf zu bekommen. Aber ohne Plan und System war dies völlig sinnlos, wie er bald einsehen musste. Selbstzweifel überkamen ihn und er beschloss, erstmal etwas zu entspannen. Es dürfte doch keine Schwierigkeit sein, in Hamburg etwas Ablenkung zu finden.

Er blätterte die Tageszeitung durch und rutschte mit dem Zeigefinger über die Rubrik "Events/ Veranstaltungen".
*Mal sehen*
Sein Finger stoppte.
"Ach was, Kinetic Power? Das sind doch diese neuen Popsternchen von dem Jost. Ob es da noch Karten gibt?"

Normalerweise stand Andi nicht auf diese Art Musik, aber irgendetwas zog ihn zu diesem Konzert. Er überlegte nicht lange und machte sich sofort auf den Weg. Durch einen glücklichen Zufall erhielt er noch eine der begehrten Eintrittskarten.

Das Gedränge und Gekreische der Fans war schlimmer, als Andi befürchtet hatte, aber die Show von Kinetic Power auch um vieles besser, als erhofft. Nie hätte Andi gedacht, dass kleine Mädchen solch einen Lärm veranstalten können. Ein ca. 12-jähriges Girl neben ihm schien einen Düsenjäger verschluckt zu haben, so laut jaulte sie. Andi befürchtete ernsthaft bleibende Hörschäden.

Souverän präsentierten die Jungs ihr Programm und wussten genau, wie sie den Fans einheizen konnten, die jede Aktion der Band mit einem stimmgewaltigen Orkan begrüßten. Leider ging dabei vieles von der Musik unter.
"Manu!!!"
Das Mädchen neben Andi schrie sich die Lungen wund und Andi wusste erst gar nicht, was sie da eigentlich brüllte. Dann fiel ihm ein, dass wohl der Sänger gemeint war.

Andi hatte früher selbst auch Musik gemacht – als Schlagzeuger in der Band "Pneumonia". Damals wohnte er mit seinen Eltern noch in dem Dörfchen Mose bei Magdeburg und nannte sich Gee oder Gühnmaster oder Andieee – die drei "e" standen für "extrem erfolgreich enterprices". Leider waren sie mit ihrer Musik nicht sehr erfolgreich gewesen.
Aber wenn er jetzt den Trubel hier sah, wusste er nicht, ob er die Jungs von Kinetic Power wirklich beneiden sollte. Mindestens die Hälfte der hier versammelten Fans hatte offenbar den Verstand verloren und reagierte nur noch hysterisch. Solch ein Publikum konnte Angst einflößen.

Nachdem einige Mädels vor ihm zusammengeklappt und von der Security rausgefischt worden waren, hatte sich Andi näher an die Bühne herangeschoben. Bald stand er sehr weit vorne und konnte auch den Gang hinter der Bühne etwas einsehen.
*Den kenne ich doch*, dachte Andi, als David Jost dort plötzlich auftauchte.

Andi erschrak, als ihn ein Wasserschwall traf, den die Security wegen der Hitze über die Fans geschüttet hatte. Als er wieder zum Backstagebereich sah, war David Jost verschwunden. Aber dann lief dort plötzlich Bill entlang. Andi konnte ihn nur für den Bruchteil einer Sekunde sehen, war sich aber sofort sicher, dass es Bill gewesen sein musste.
*Was will Bill denn hier?*, fragte sich Andi irritiert, *Die Brüder Kaulitz besuchen ein Konzert ihrer Nachfolger?*

Andi konnte sich einfach keinen Reim darauf machen. Gebannt starrte er weiter in Richtung des Gangs, aber dann war das Konzert zu Ende und Kinetic Power verabschiedeten sich nach einer kleinen Zugabe professionell mit hübschen Worten.

Als er wieder draußen war, ging Andi um die Halle herum zum Hinterausgang. Der Zugang war durch einen hohen Gitterzaun versperrt. In einiger Entfernung entdeckte Andi den schwarzen Humvee, der den Twins gehörte. Nach und nach leerte sich der Parkplatz und schließlich kamen auch Bill und Tom.
Aber was war das? Andi erschrak.
Bill, der ganz offensichtlich bewusstlos war, wurde von Tom getragen. Und da war doch auch etwas Blut auf Bills Stirn.
Jemand öffnete die Tür des Wagens und Tom setzte seinen Bruder vorsichtig auf die Beifahrerseite und klappte den Sitz herunter. Dann stieg er selbst ein und heizte im Affentempo davon.

Andi bemerkte, dass er zitterte.
*Was um Himmels Willen ist mit Bill passiert?*
Er griff zum Handy, aber dann fiel ihm ein, dass er die Nummern der Twins längst gelöscht hatte.
"Mist!"

Wie in Trance ging er nach Hause und malte sich in Gedanken immer wieder die schlimmsten Horrorszenarien aus. Aber hätte Tom nicht einen Krankenwagen gerufen, wenn es wirklich schlimm um Bill gestanden hätte?

Die nächsten Tage kämpfte Andi mit sich, ob er nicht versuchen sollte, Kontakt zu Tom und Bill zu bekommen. Natürlich waren sie nicht im Telefonbuch eingetragen, aber er hätte vielleicht über ihre Mutter die Nummern herausbekommen können. Doch in welchem Krankenhaus steckte die Mutter überhaupt?

Wenn Andi jetzt durch Hamburg ging, ertappte er sich dabei, wie er sich sehr intensiv umblickte und nach den Twins oder ihrem auffälligen Wagen Ausschau hielt. Aber diese Mühe war vergebens. Oder doch nicht ganz – denn eines Tages machte Andi eine Entdeckung, bei der ihn fast der Schlag getroffen hätte.

Geistesgegenwärtig sprang er schnell in den nächsten Hauseingang und lugte vorsichtig heraus, als auch schon Sascha mit weiblicher Begleitung an ihm vorbeiging. Die beiden lachten und waren offenbar sehr vertraut miteinander, wie Andi mit rasender Eifersucht feststellte. Gegen dieses Gefühl konnte er nichts ausrichten, auch nicht dagegen, dass er den beiden nun folgte, wie ein Rüde einer läufigen Hündin.

Irgendwann verschwanden die zwei in einem Haus und nachdem Andi stundenlang davor gewartet hatte, zog es ihn fort – geradewegs in die nächste Kneipe. Er hasste Alkohol, aber jetzt brauchte er ihn so dringend.

„Und weißt du, er ist immer noch ganz der Alte. Er hat dem Sänger vorher eine geknallt.“, fügte Bill leise hinzu, „Deswegen hab ich ja auch eins mit der Tür abbekommen…..“ Die Zwillinge schwiegen sich ein paar Minuten an. Beide schienen in Gedanken versunken zu sein.



Am nächsten Morgen wachte Bill sehr früh auf. Es war wieder strahlender Sonnenschein und er hatte überraschenderweise gute Laune. Die Kopfschmerzen waren weg, nachdem er einen ganzen Tag lang liebevoll von Tom gesund gepflegt worden war. Mehr noch, sein Kopf war leer – leer von allen quälenden Gedanken der letzten Monate. Die Begegnung mit seinem ehemaligen Produzenten und die Gewissheit darüber, in welchem Ausmaß dieser Verrat begangen hatte, hatten Bill die Augen geöffnet. Auf einmal war es ihm sonnenklar, er war desillusioniert und doch – oder gerade deshalb - einen Schritt weiter. Er wusste jetzt genau, was zu tun war. Wieso war er nur nicht schon eher darauf gekommen? Wozu die Quälereien und das sich-selbst-was-Vormachen?



Es war doch eindeutig: Es war für Bill an der Zeit, einen eigenen Weg zu gehen. Zu sehr hatte er sich auf andere verlassen und jetzt stand er mit seinen Träumen alleine da. Scheiß auf David, er würde es auch ohne ihn schaffen, schließlich hatte er Tom, und das war alles was er brauchte. Er hatte genug Inspiration und vor allem den Willen, zu glänzen.... Er war ein Künstler, und er musste schnellstmöglich wieder auf die Bühne, sonst würde ihm immer etwas abgehen.



Bill schwang sich voller Elan an den Computer und stieg in Hamburgs Musikerplattform ein. So, mal sehen.... Hier suchte man ein Bandmitglied, dort brauchte man Sänger... Doch halt, was war das: „Gesangswettbewerb – Hauptgewinn: Plattenvertrag.“

Oha, dies war genau, wonach Bill gesucht hatte. Er wollte nicht wieder ganz von vorne anfangen.... Er musste nur wieder zurück in ein professionelles Studio, dann würde alles gut werden. Doch er konnte unmöglich als er selbst dorthin... Das würde für Vorurteile sorgen und seine Chancen senken. Und außerdem sollten Davids Spitzel ihn auf keinen Fall erkennen......... Er würde inkognito gehen müssen.



„Meine Damen und Herren, bitte ein großer Applaus für unsere nächste Kandidatin.... Anna-Lena mit These Boots Are Made For Walking!“, grölte der Moderator und ein eher dickliches, dunkelhaariges Mädchen hüpfte auf die Bühne. Fröhlich stimmte sie die ersten Töne an. Es war wirklich grauenhaft. „Uff, meine Ohren....“, dachte Bill bei sich, während er in der Garderobe kauerte. Er war sich seiner Sache ziemlich sicher und nicht wirklich nervös. Nicht wie damals, bei Star Search... Au weia, dieses Kapitel schnell wieder verdrängen. Ja eigentlich freute er sich, nach so langer Zeit wieder auf der Bühne zu stehen. Er warf noch einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel: Seine Verkleidung war wirklich perfekt. Er prüfte, ob die Perücke gut saß: lange glatte blonde Haare. Das Make-up: Schwarzer Kajal, weiß umrandet. Glitzerpuder, goldene Klunker. Die Klamotten hauteng und schneeweiß, mit glänzenden Pailletten bestickt – er war ein richtiger Glam-Rocker.

Es war natürlich wesentlich, dass die Sachen so eng waren, da man ihn ansonsten wirklich komplett für ein Mädchen halten könnte. Und genau dies tat dummerweise die untalentierte Göre von vorhin, die jetzt freudig in die Umkleide reingesprungen kam. „Mein Auftritt hat sooooooooo viel Spaß gemacht! Und jetzt bist du dran, Hübsche! Viel Spaß – als Mädel hast du eh beste Chancen, in der Jury sind ja fast nur Männer!“, zwinkerte sie Bill zu. Dieser nickte nur zähneknirschend und begab sich Richtung Bühneneingang.



„So und als nächster, meine Damen und Herren.... begrüßen Sie bitte Tim, er wird gleich Placebo`s „Because I want you“ zum Besten geben! Eine wirklich mutige Wahl, und wir sind alle sehr gespannt!“ Tosender Applaus erklang, und ganz routiniert stürmte Bill die Bühne. Er hatte sich bereits vor dem Mikrofon platziert und wartete konzentriert auf den Einsatz, als ein heftiges Gemurmel umherging. „Ääähm... Süße, du bist unmöglich schon dran, es muss erst dieser Tim kommen...!“, hörte er durch seine Trance hindurch plötzlich die Worte des Moderators. Das durfte doch nicht wahr sein!! Die lange Haare waren wohl doch keine so gute Idee gewesen, aber wie sollte er sonst möglichst unerkannt bleiben....? Genervt lief er zum Moderator und wies ihn flüsternd darauf hin, dass er dieser Tim war und ob er nicht persönlich nach seinen Eiern greifen wolle. Erschrocken gab der alte Herr Frieden und beruhigte auch sogleich das Publikum.



Nun war Bills großer Auftritt gekommen. Das Licht ging aus, die Musik an, und er gab sein Bestes: „All I ever do......... Is fall into you!! When I hit the bottle… Cause I´m afraid to be alone….” Kaum hatte er die erste Strophe gesungen, hörte man ihn auf einmal nicht mehr. Das Mikrofon war ausgefallen. Einfach so – verdammtes Pech aber auch!! Entgeistert stand er da. Instinktiv blickte er sich nach einem Techniker um – früher, bei TH-Auftritten, wäre so einer sofort zur Stelle gewesen. Abgesehen davon, wäre ihm mit TH so eine Misere auch nie passiert. Dieser Wettbewerb hier war wohl doch eher von der billigen Sorte. „Ähm ja, da haben wir wohl ein kleines technisches Problem, verehrtes Publikum.....“, kam wieder der nervige Moderator ins Spiel. Bill wurde ein anderes Mikro überreicht, das aber verzerrt und einfach nur unmöglich klang. Trotzdem ließ er sich nicht entmutigen und sang tapfer weiter.... Er legte sich ins Zeug, und konzentrierte sich ganz auf seinen Auftritt... Als er allerdings irgendwann trotzdem einen Blick ins Publikum riskierte, erschrak er so dermaßen, dass er sich verhaspelte und den Text beinahe vergaß. Ihm blickten fast ausschließlich mürrische Gesichter entgegen. Die Jury flüsterte kritisch etwas untereinander, und ein paar Typen zeigten ihm den Mittelfinger. Was war denn da los? So etwas war Bill um Himmels Willen nicht gewohnt.

Sogar zu Devilish-Zeiten hatten es die Typen nicht gewagt, so arschig zu sein. Nun ja, damals war er auch noch sehr sehr jung.... Aber egal, er verstand zwar nicht, was los war, aber er würde jetzt nicht so einfach aufgeben. Er dachte einfach an Tom, der zu Hause saß und ihm die Daumen drückte – der war nicht mitgekommen, um ja keine Assoziationen aufkommen zu lassen, man weiß ja nie – und kniff die Augen zu. Ja, er, der süße Bill, der von vielen für einen Engel gehalten wurde, würde jetzt über sich hinauswachsen und für seine Karriere alles geben. Ha, er war derjenige, der über Leichen gehen würde!! Nicht etwa Tom oder Georg, denen man das früher so oft nachgesagt hatte..... Tja, damit hatte wohl keiner gerechnet! Er, Bill, war mittlerweile skrupellos, und abgebrüht..... Redete er sich zumindest in diesem Moment ein. Er würde seinen Willen durchsetzen, mit allen Mitteln. Also grölte er stärker als zuvor „Faaaaaaaaaaalll into youhuuu........ Is all I seem to doohooo!!!“, und strapazierte seine Stimme beinahe bis zum Endpunkt. Doch irgendwas stimmte immer noch ganz gewaltig nicht. Er hörte sich immer noch nicht laut genug und am Mikro lag es diesmal nicht. Na klar, es war ihm nicht gleich aufgefallen, weil er es von TH-Zeiten nocht so gewohnt war......

Kreischen, lautes Schreien. Er machte die Augen auf. Und sackte sogleich in sich zusammen. Ja, auch jetzt kreischten die Leute. Aber nicht vor Begeisterung. Es waren laute Buh-Rufe. „Schwuchtel!“, vernahm er hie und da, „Geh nach Hause!“ Sein schlimmster Albtraum war wahr geworden. Hatten sie sich als TH noch damit ausgeredet, dass positive Schreie nie zu viele sein konnten, wünschte er sich in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als dass sie aufhören würden. Er brach sofort ab. „Tom... Bitte hilf mir....“, dachte er und fühlte, wie sich ihm ein Kloß im Hals bildete. „Irgendwer.... Hilfe!“, und er hatte gedacht, die letzten Monate waren die schlimmsten seines Lebens gewesen. Doch dieser Moment toppte alles. „Meine Damen und Herren, bitte beruhigen Sie sich....“, der Moderator kam bereits angerannt.

„HEY!!! HALTET ALLE SOFORT DIE KLAPPE!!!!!“ Bill schreckte hoch und traute seinen Augen nicht. Ein hellhaariger Junge hatte die Bühne gestürmt und ergriff nun lautstark für ihn Partei. Er lief schnurstracks zum Mikrofon, schnappte sich dieses und brüllte das Publikum schonungslos nieder, welches augenblicklich verstummt war. Wohl eher aus Überraschung, denn aus Respekt. Aber wer weiß? „WAS SEID IHR EIGENTLICH FÜR IGNORANTE ARSCHLÖCHER!! UND SCHWULENFEINDLICH AUCH NOCH!!! VERDAMMTE WICHSER!!! HIIICKSS!!“ Das Publikum lachte lauthals los. Was ihnen da geboten wurde, war viel mehr, als sie sich von der Show erwartet hatten. Es waren größtenteils wirklich nur Proletarier mit dümmlichem Gesichtsausdruck gekommen, Sadisten, die Freude daran hatten, die Kandidaten fertigzumachen... Bill war das perfekte Opfer gewesen. Auf genau so einen hatten sie gewartet. In seiner Ungeduld und dem Drang nach schnellem Wiedererlangen des Ruhms hatte er sich so ziemlich die falscheste Veranstaltung ausgesucht.



Bill starrte den Jungen ungläubig an – es war eindeutig, dass dieser einen leichten Schwips hatte. Egal, genau so eine Unterstützung hatte er sich jetzt gewünscht. Er war wie vom Himmel gesandt. Plötzlich dämmerte es Bill. Er musterte den Jungen noch genauer. Andi......? Heilige Scheiße, das war sein Kumpel Andi, der sich gerade so für ihn einsetzte.... Aber was machte der hier? Ihre letzte Begegnung in Magdeburg hatte alles andere als freundschaftlich geendet und jetzt rettete er gerade seine Welt.... Es gab Bill einen kleinen Stich im Herzen, als er sich daran erinnerte, wie Tom Andi beinahe die Vorderzähne ausgeschlagen hatte. Und er hatte sich nicht für ihn eingesetzt, da er zu dem Zeitpunkt blind vor Liebe zu Tom war. Nun ja, das war er jetzt auch noch, aber trotzdem…. Es rührte ihn doch sehr, was Andi hier gerade abzog. Anscheinend konnte ihre Freundschaft so nen Ausrutscher schon verkraften. Und Tom war ja in Wirklichkeit gar nicht so…… „Sooooooo Jungs, und nun ab mit euch, husch husch, weg von hier, das soll eine friedliche Veranstaltung sein....“, der Moderator nahm sowohl Bill als auch Andi am Hemdkragen und versuchte, beide wegzuzerren. „Aaaber aber... Dddiee haben angefangen...*hicks*“ Oh ja, Andi war wirklich leicht angetrunken.



„Saaaaaaaaaaschaaaaaaaaaa.....“, grölte Andi plötzlich und fiel Bill um den Hals. Beide waren mittlerweile in der Umkleide angekommen. Jetzt verstand Bill allerdings nur Bahnhof. „Hä? Was faselst du da, Andi? Ich bin`s, Bill!“, redete er auf den Betrunkenen ein. Dieser starrte ihn verwirrt an. „Wie....? Bill? Mein Bill? Aaaber... Ich dachte....*hicks*“, Andi zupfte an Bills Haaren und zog letztendlich die Perücke runter. Als die schulterlangen schwarzen Haare zum Vorschein kamen, war er von einem Moment auf den anderen stocknüchtern. „Was zum.... Na so was!“ „Ja genau, dasselbe könnte ich auch sagen!“, grinste Bill. Die ganze Misere von vorhin war irgendwie nebensächlich geworden – und er war zu neugierig, mit wem ihn Andi verwechselt haben konnte. „Wieso nanntest du mich Sascha?“, setzte er an. „Aaach... Nicht so wichtig... Bin noch immer leicht betrunken....“, wich Andi sofort aus. „Aha, und seit wann trinkst du? Ich habe dich sehr abstinent in Erinnerung.“, tadelte Bill. Und hielt sofort inne. Andi hatte ihn selbst wohl auch eher ziemlich clean in Erinnerung, und mittlerweile hatte er sämtliche Designerdrogen durch. Tjaja, was die Zeit und Neugier aus einem macht. „Nun ja, wie auch immer.... Komm erst mal mit, ich freu mich ja so, dich wiederzusehen!! Und überhaupt, dein Einsatz für mich vorhin... Der reinste Wahnsinn!“, quasselte Bill drauflos und zerrte Andi zum Auto.

„Wohin… *hicks* fahren wir denn….“, nuschelte Andi vor sich hin. „Na, nach Hause, wohin denn sonst! Du solltest dich erst einmal richtig ausnüchtern….!“, klärte Bill den Verwirrten auf. Er war ziemlich aufgekratzt aufgrund der letzten Geschehnisse und riss das Lenkrad seines Jaguars ziemlich unsanft rum. „Dass die Leute sich immer dann besonders viel Zeit lassen, wenn man es gerade eilig hat…“, ärgerte er sich. „Geile Karre übrigens…“, säuselte Andi, „Wo hast du denn den Hummer gelassen?“ So betrunken konnte er gar nicht sein, als dass er kein Auge für schicke Flitzer hatte. „Na der gehört Tom….“, kam es von Bill und sofort verstummte Andi.

Nach einer Weile meldete er sich wieder zu Wort. „Bitte lass mich am Bahnhof raus.“ „Hä? Wieso? Auf gar keinen Fall, ich lass dich doch jetzt nicht einfach so gehen, nach dem du dich so für mich eingesetzt hast….!“ Bill war geschockt, und doch konnte er sich sehr wohl denken, warum Andi nicht zu ihm wollte. „Ich will Tom nicht sehen!“, bestätigte Andi Bills Verdacht. „Nun komm schon, wenn du mir verzeihen konntest und dich so sehr für mich eingesetzt hast, kannst du Tom wohl auch verzeihen…..!“, setzte Bill zu einem Überredungsversuch an.

„Du vergisst, dass ich dich verwechselt hatte.“, meinte Andi nur kurz angebunden. Stimmt ja. Das hatte Bill irgendwie verdrängt. Also alles nur ein glücklicher Zufall….. Es musste Andi wirklich schlecht gehen, wenn er so was zu ihm sagte. Und ganz unsauer war er also auch noch nicht auf ihn. Bill fuhr rechts ran und stellte den Motor ab. Er musterte Andi genau. „Mit diesem Typen vom Plakat, wegen dem du dich so sehr mit Tom gestritten hast?“, fragte er. Andi hielt die Luft an. „Möglicherweise“, meinte er knapp und lugte vorsichtig zu Bill.

Er konnte sich nicht helfen, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass sein bester Kumpel ihn sehr gut verstehen konnte. Und er brauchte doch so dringend jemanden, mit dem er endlich, endlich über seine Gefühle reden konnte. „Verstehe“ Bill war ganz kurz der Gedanke gekommen, Andi darüber aufzuklären, was zwischen Tom und ihm mittlerweile abging. Und verwarf den Gedanken sogleich. Die Zwillinge hatten sich geschworen, niemanden, wirklich niemanden einzuweihen. Und wie das Schicksal es so will, hatte Andi wohl auch mit einer ähnlichen Situation zu kämpfen….. Und er sollte doch froh sein, dass dieser mysteriöse Unbekannte nicht sein eigener Bruder war!

Jaja, Bill war hier eindeutig derjenige in der verzwickteren Situation, also galt es, Andi etwas wachzurütteln. „Weißt du was, Andi, du lebst nur einmal! Was auch immer dich quält, nimm dein Schicksal selbst in die Hand! Geh ran, Alter!“, waren Bills Worte an seinen Freund, ehe er diesem die Tür aufsperrte. Andi war perplex. Mit so einer Weisheit hatte er jetzt nicht gerechnet. „D..Danke. Werd ich machen…“, er war noch immer ganz duselig und stieg aus dem Auto. „Also dann“, Bill hatte den Motor schon gestartet, als Andi sich noch ruckartig zu ihm runterbeugte.

„Ich wohne jetzt übrigens auch hier…. Wir beiden könnten ja mal was zusammen machen!“, weihte er Bill schlussendlich doch ein. Andi hatte noch damit gehadert, ob er es wirklich machen sollte. „Was, echt? Ist ja klasse, na dann sehen wir uns bestimmt mal auf ner Party oder so! Tom und ich lassen in letzter Zeit fast nichts aus!“, verkündete Bill fröhlich. Nein danke, das war genau das, was Andi vermeiden würde. Mit Tom war er fertig, aber so was von. Aber Bill…. Ja Bill war was anderes…… Wenn das mit Sascha nicht klappen würde, dann…… Eventuell…….

Bill rauschte die Treppen hoch und öffnete vorsichtig die Tür. Es war zwar noch lange nicht Toms Schlafenszeit – wenn man genau nachdachte, hatten aber eigentlich beide so etwas nicht, zu chaotisch war ihr Lebensstil – aber man weiß ja nie. „Ich da, wer noch…?“, fiepste er und hörte sofort ein Gerumpel und Gepolter, als ob die Wohnung gerade in Schutt und Asche gelegt wurde. „Hilfe“, dachte Bill bei sich, „Was geht denn hier ab…“ Vorsichtig lugte er ins Wohnzimmer – dort war das spektakuläre Geräusch hergekommen.

Obwohl Bill alles andere als ein Putzfreak war, schockierte ihn der Anblick, der sich ihm da bot, doch ein kleines bisschen. Überall lagen leere Kartonschachteln, Essensreste und sonstiges Gerümpel. „Toooom“, fing Bill leise an zu knurren. Ganz eindeutig, sein Bruder hatte hier eine kleine Privatparty geschmissen, anstatt wie wild für ihn mitzufiebern. Aber das wäre auch Kinderkram gewesen… Und Daumendrücken hatte Bill von seinem Liebsten gar nicht erwartet, alles nur Zeitverschwendung, wie er auch im Nachhinein einsehen musste. Das hatte man eben davon, wenn man den bequemsten Weg gehen wollte…. Er hätte es wissen müssen. Egal, jetzt hatte er gar keine große Lust, alles noch mal lang und breit zu treten, er wollte etwas Ablenkung, und die sollte von seinem Bruder kommen und schnurstracks in die Federn führen.

Doch wo war sein Objekt der Begierde? „TOOOM! WO STECKST DU? KOMM SOFORT RAUS UND GIB`S MIR DRECKIG!“, ließ Bill auch die Nachbarn an seiner Stimmung teilhaben. Augenblicklich flog die Badezimmertür auf und ein halbnackter Tom strahlte Bill dreckig grinsend an. Er hatte nur eine weite Jean an und die schwarze Mähne offen. „Ist ja gut, wollte mich nur extra für dich schön frisch machen, Bruderherz….“, säuselte er neckisch und flanierte schnurstracks auf Bill zu. Mittlerweile hatten die beiden kein Problem mehr damit, es sich bewusst zu machen, dass sie Liebhaber UND Geschwister waren. Was soll`s, verdrängen war schließlich auch nicht das Wahre. Bill streckte die Arme weit aus und zog Tom an sich ran. „Mein sexy, sexy Lover“, hauchte er Tom zu. Alle Probleme hatten erstmal Sendepause, jetzt zählte nur der Augenblick. Und im Augenblick wollte er Tom….. Bill blickte seinem Zwilling tief in die Augen und fuhr sich dabei lüstern mit der Zunge über die Lippen. „Du bist so knackig…..“, schmeichelte er ihm.

„… Mach dich endlich nackig“, fügte Tom hinzu und beide mussten grinsen. Sofort huschte Tom zur Stereoanlage und legte das Lied mit besagtem Titel auf. Die pumpenden Beats ließen die Stimmung endgültig so richtig knistern und Bill entledigte sich mit einem Mal seiner neonblauen Lederjacke. „Es ist so heiß hier drin….“, kokettierte er weiter und drehte eine inspizierende Runde um Tom herum. „Hm… Nicht schlecht, der Body… Erinnert mich irgendwie an meinen eigenen!“, ließ er Tom wissen. Beiden huschte wieder ein dreckiges Grinsen übers Gesicht. Jaja, sie konnten es gar nicht leugnen, in Wirklichkeit törnte sie Tatsache, dass sie verwandt waren, richtig an.

Nichts konnte für die Gebrüder Kaulitz versaut genug sein; jegliche Grenzüberschreitung katapultierte sie in ungeahnte Sphären. Dass sie sich ineinander verliebt hatten, war ein überwältigendes Ereignis, aber wer weiß, ob sie es früher oder später nicht trotzdem ausprobiert hätten? Einfach so, aus der immerwährenden Neugier. So war die Erotik natürlich intensiver, aber was den Sex anging, hätten sie einfach so geil sein können und wären auf ihre Kosten gekommen. Hatten sie mittlerweile festgestellt. Unglaublich, was sie rein körperlich verpasst hätten, wenn diese Gefühle nicht aufgetaucht wären! Es war wie vom Schicksal bestimmt. Beide wussten instinktiv, was dem anderen gefiel. War dies verwunderlich, bei so viel Ähnlichkeit? Plötzlich schnappte Tom Bill am Handgelenk und riss ihn rum. Er presste ihn nah an sich. „Genug begutachtet, Schätzchen“, flüsterte er Bill ins Ohr und ließ seine Zunge in selbige gleiten.

Bill lief ein kalter Schauer über den Rücken. Er ließ seine Fingerspitzen an Toms Rücken entlanglaufen und biss ihm sanft in den Hals. Er machte ein paar Schritte nach hinten und ließ sich aufs Bett fallen. Tom zog er dabei natürlich mit. Da lagen sie also, und ärgerten sich gegenseitig mit frechen Blicken. Es war alles ein gut durchdachtes Spiel, beide wussten wohl, was sie taten. Jeder war stets bemüht, den anderen mit neuen, kreativen Einfällen zu überraschen. Schließlich war Routine und Langeweile Gift für jede Beziehung. Tom zauberte wie aus dem Nichts eine Flasche Dooleys her, machte es sich auf Bill bequem und nahm einen kräftigen Schluck. „Hey, und was ist mit mir?“, meldete Bill sich gespielt enttäuscht zu Wort. „Du willst das klebrige Süß? Hier hast du!“, konterte Tom und verteilte den Dooleys über Bills nackten Oberkörper. „Aaah, kalt!“, stöhnte dieser auf. „Die heiße Dusche bekommst du erst hinterher….“, erklärte Tom sadistisch.

Er beugte sich ganz nah runter zu Bill und flüsterte ihm ins Ohr: „Und die wird mindestens genauso klebrig sein, mein Bester….!“ Bill wusste nur zu genau, was gemeint war, und strich sich mit einem Finger über die Brust. Sofort war dieser triefend von Schokovodka. „Mmm, lecker!“, ließ er Tom wissen und wollte sich gerade den klebrigen Finger sauberschlecken, als Tom dies überraschenderweise für ihn erledigte. „Stimmt, wirklich süß!“, grinste er. „Jetzt will ich aber endlich auch was!“, drängte Bill. „Kannst du haben….“ Tom leckte erst Bills Bauchnabel sauber, schluckte aber nicht. Schließlich ließ er die von Schoko und Vodka triefende Zunge ein Stück rausschauen und näherte sich damit Bills Mund. Dieser war bereits einen Spalt geöffnet und Bill atmete schwer.

Tom ließ ihn nicht mehr länger leiden und setzte zu einem leidenschaftlichen Kuss an; gleichzeitig ließ er seine Hände tiefer wandern. Sachte fing er an, Bill zwischen den Beinen zu berühren. Dieser genoss die Reibung, die durch die Jean verursacht wurde und ließ es seinen Wohltäter auch mit einem lauten Seufzer wissen. Doch Klein Billy war weniger bescheiden und reagierte um einiges eindeutiger. Tom war äußerst zufrieden. „Hoppla, da ist aber jemand sehr spitz!“, neckte er Bill. „Spitz wie noch nie“, grinste Bill. „Gut so.“ Tom machte sich jetzt an Bills Hals zu schaffen und bedeckte diesen mit tausend Küssen. „Du machst mich ganz wahnsinnig, Baby!“, säuselte er immer wieder vor. Plötzlich spürte er Bills Hände an seinem Allerwertesten. „Ich will dich spüren… Und zwar richtig“, knurrte Bill beinahe. Tom wusste, jetzt waren Taten gefragt, denn sein Liebster wurde schön langsam wirklich ungeduldig. Mit einem Satz packte er Bill sachte im Nacken und drehte ihn ruckartig auf den Bauch.

„Jetzt gehörst du mir….“, hauchte er ihm ins Ohr. „Was immer du willst“, flüsterte Bill unter schwerem Atmen. Tom verschränkte Bills Arme hinter dem Rücken und holte flauschige Handschellen unter dem Kopfkissen hervor. Sachte fixierte er so Bills Hände und machte er sich an seiner Hose zu schaffen. „Die muss endlich weg!“, stellte er fest. „Der Meinung bin ich schon lange…“, kam es von Bill.



Mit einem Ruck zog Tom den Gürtel von Bills Jean aus der Schlaufe und schleuderte ihn in die nächstbeste Ecke. Ein paar Augenblicke später ereilte auch die Jean selbst das gleiche Schicksal. Da Bill an dem Tag keine Unterwäsche anhatte, lag er nun splitternackt und völlig ausgeliefert unter Tom. Dieser presste ihn sanft gegen das Bett und strich ihm durchs Haar. Bill durchfuhr ein sanfter Schauer, er schluckte und zitterte leicht. „Dir ist doch nicht etwa kalt, mein Schatz?“, erkundigte Tom sich gespielt erstaunt. „Na wohl kaum, du Luder“, keifte Bill und schnappte nach Toms Hand.

„Oh oh oh, so wird das aber nichts……“ Tom setzte sich auf und ließ von Bill ab. „Was denn?“, nörgelte der jüngere Bruder. Er drehte sich wieder um auf den Rücken und blickte Tom entrüstet an. Sein Atem ging immer noch schwer und Klein Billy stand wie ne Eins. „Immer schön freundlich bleiben, quengeln bringt nichts!“ Tom hatte es sich im Schneidersitz bequem gemacht, verschränkte die Arme und betrachtete Bill amüsiert. „Duuu…“, Bill wollte nach seinem Zwilling schnappen, wurde jedoch ganz schnell wieder daran erinnert, dass seine Hände ja in Handschellen steckten.

Also schaffte er es nicht so wirklich, sich aufzurichten und fiel wieder zurück aufs Kissen. Schnell hatte Tom sich über ihn gebeugt und musterte nun lüstern seinen Mund. Er setzte zu einem Kuss an, doch als Bill ihn schon erwidern wollte, entfernte er sich blitzschnell wieder. „Sag es!“, forderte er. „Nichts leichter… Als das!“, meinte Bill selbstbewusst, „Ich will dich, gib`s mir richtig….“ „Ooooch wie lahm, ich kann nicht richtig verstehen: Was willst du von mir? Was genau soll ich dir geben?“ Toms Sadismus war endgültig außer Rand und Band.

Toms Sadismus war endgültig außer Rand und Band. „Na du weißt schon… Ich will, dass du mich anfasst….“, stammelte Bill rum. Er war ziemlich erregt und wusste doch genau, dass er jetzt um Erlösung betteln musste. „Ich weiß gar nichts; Wenn du etwas willst, musst du es mir schon sagen“, tat Tom in ruhigem Tonfall kund, „Ich habe Zeit.“ „Bitte…. Berühre mich…..“, flüsterte Bill kaum hörbar. „Wie bitte? Du musst schon lauter reden.“ „Berühre mich….“, sprach Bill nun laut aus.

„Aha, und wo genau?“ „Berühre ihn…..“, Bill hielt es nicht länger aus und schleifte sich die Handschellen vom Handgelenk, fiel Tom um den Hals und riss ihn unter sich. Nun hatte er die Oberhand und sein Bruder keine Chance. Schnell landeten auch Toms Hose und Boxershorts auf dem Boden und Bill drückte seine Handflächen sanft in die Tuchend. „Jetzt ist jeglicher Widerstand zwecklos!“, verkündete er und versenkte seine Zunge in Toms Mund. Mehrere Minuten lang genossen beide den leidenschaftlichen Kuss, ehe Tom sich an Bills Erregung zu schaffen machte.

„Yeeah Baby, endlich folgst du meinen Befehlen“, stöhnte Bill auf. Toms Handbewegungen wurden immer schneller und schneller, Bill hatte die Augen geschlossen, sein Herz raste. Doch kurz bevor er kommen konnte, hörte Tom ruckartig auf. „Nein… Was denn… Jetzt?“, knurrte Bill. Tom grinste nur teuflisch. „Na warte…..“ So schnell konnte Tom gar nicht schauen, da war Bills eine Hand auch schon an seinem besten Stück gelandet. Augenblicklich wurde dieses steif. „Jaaa… Welch angenehme Strafe!“, schluchzte Tom und schloss die Augen. „Das hättest du wohl gerne“, kam es von Bill. Er hatte von Tom abgelassen und nun war dieser an der Reihe, entrüstet zu schauen. Bill hatte mittlerweile eine Tube Gleitgel zur Hand und eine deftige Portion davon landete nun an Toms Rosette.

„Huch!“, kam es von diesem. „Dann hol ich mir eben, was ich brauche… Wenn du es mir nicht geben willst!“, grinste Bill dreckig und setzte daran, vorsichtig, aber doch bestimmt in Tom einzudringen. Dieser schloss die Augen und biss sich auf die Unterlippe. Als Bill einige Zentimeter vorgedrungen war, war er bereits überwältigt von dem Gefühl. So schön warm und eng…. Ihm wurde beinahe schwindelig, so unbeschreiblich geil waren die folgenden Momente… Tom atmete schwer, er schien es ebenfalls zu genießen. Bill begann nun, sich langsam hin- und her zu bewegen. Er wusste, mittlerweile würde er Tom nicht weh tun; die beiden hatten schon genug Praxis; aber trotzdem, er wusste aus eigener Erfahrung, dass es immer wieder Feingefühl erforderte.



„Mein Herzschlag ist deiner“, flüsterte Bill Tom noch zu, und beide synchronisierten ihren Atem. „Bill, lass uns gemeinsam kommen“, waren Toms letzte Worte, ehe er eine wohlige Wärme in sich fühlte. Bill war währenddessen – wie versprochen – von oben bis unten mit einer Ladung von Toms Saft eingedeckt. Er ließ sich neben ihn fallen und hielt einige Augenblicke inne. Beider Atem raste noch immer wie verrückt und mehrere Minuten lang lagen sich einfach nur da, ohne ein Wort zu wechseln. Schließlich rollte Tom sich nahe an Bill ran, umarmte ihn fest und drückte seinen Kopf dicht an Bills Brust. „Ich liebe dich.“, flusterte er. Bill drückte ihn an sich und beide verfielen in einen seligen und tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen war Bill mal wieder früher wach und sprang schnell unter die Dusche, um die doch etwas klebrigen Spuren der letzten Nacht zu beseitigen. Hinterher kuschelte er sich noch mal zu Tom unter die Decke.



„Mmmmhm…“ Die ersten Sonnenstrahlen kitzelten, Tom blinzelte ein paar Mal und machte dann die Augen auf. Bill lag friedlich in seinen Armen, sein Atem ging ruhig und er sah glücklich und zufrieden aus. Tom blickte sich im Raum um – überall lagen die Spuren von letzter Nacht herum; genauer gesagt befanden sich die Liebenden inmitten eines Schlachtfeldes. Zu den Spuren der letzten Partynacht waren noch die Klamotten und Sexspielzeuge der Twins dazugekommen. Tom schloss noch mal die Augen und genoss den Morgen danach. Ans Aufräumen war erstens aus Prinzip nicht zu denken, und zweitens liebte er dieses „Andenken“ an wunderbare Stunden.



Tom war fast wieder eingenuckelt und vernahm das Geräusch an der Haustür nicht, das entstand, wenn sich jemand am Schlüsselloch verging.



Nici betrat die Wohnung, sah, dass die Wohnzimmertür weit offen stand und marschierte schnurstracks hinein. Erst kannte sie sich gar nicht aus; in welchem Chaos war sie denn hier gelandet? Doch es dauerte nicht lange, bis sie die Zwillinge inmitten des Ganzen entdeckte. Vor Schreck ließ sie ihre Handtasche fallen und ihr entglitt ein kurzer Schrei. Die Twins erwachten augenblicklich von dem Lärm und schreckten hoch. Mit weit aufgerissenen Augen starrten sie Nici an, die ihnen, mit der Hand vor dem Mund, gegenüberstand. Bill zog zaghaft die Decke hoch. „W.. wie.. bist du hier reingekommen?“, stotterte er und erinnerte sich sogleich, dass sie ja noch den Zweitschlüssel hatte. Langsam hatte sich das Mädchen wieder gefasst, taumelte aber ein paar Schritte zurück und suchte nach Halt, indem sie sich an die Wand lehnte. Sie atmete immer noch schwer. Ungläubig blickte sie von einem zum anderen. „Ihr… Perversen….“ Tom hatte gerade angesetzt, etwas zu sagen, doch Nici kam ihm zuvor. „Und jetzt erzählt mir nur nicht, ihr kuschelt rein brüderlich jeden Abend miteinander…. Oh Gott…. Was hier wohl immer so abgeht, und ich… Ich… War mit dir zusammen, du Mistkerl!!!“, plötzlich stürmte sie auf Bill zu und sprang ihm an die Gurgel.

Das hätte sie lieber nicht getan, denn Tom hatte sie augenblicklich vom Bett geschubst. Unsanft landete sie auf dem Boden. „Du krankes Schwein…. Widerlich…. Inzestuöse Wichser, alle beide!!!“, kreischte sie noch zum Abschied, schnappte sich ihre Tasche und stürmte zur Tür. Kurz bevor sie die Wohnung verließ, hielt sie noch mal inne, drehte sich wutentbrannt um und verkündete: „Das wird noch ein Nachspiel haben, darauf könnt ihr Gift nehmen.“



Traurig starrten die Zwillinge auf die untergehende Sonne. Auch Nici hatte so schockiert reagiert. Gab es wirklich niemanden, der sie jemals verstehen würde? Ja klar, es war ihnen egal…… Und doch, es tat jedes Mal aufs Neue weh.



„Ich könnte jetzt ne Line vertragen.“, brummte Tom. Er und Bill klebten nun bereits den dritten Tag aufeinander, ohne die Wohnung zu verlassen. Der Fernseher lief Tag und Nacht, die Handys waren abgedreht. Sie wollten von der Welt da draußen nichts wissen; Bill wollte einfach nur vergessen, jegliche Strapazen und die kläglichen Versuche, wieder ins Musikgeschäft zu kommen. Tom hatte Angst, seinen Kumpels gegenüberzutreten – was, wenn Nici es weitererzählt hatte? Nein, das würde sie dann doch nicht tun, zumal ihr wohl auch keiner wirklich Glauben schenken würde, weil…. Ja, so was Abartiges…. Sowas Abartiges würde ja doch keiner treiben. „Perverse Wichser!“, je öfter die Worte in Toms Kopf hallten – und das taten sie immer wieder, sie kehrten in regelmäßigen Abständen zurück – desto öfter fiel er über Bill her.

Dieser war selten abgeneigt; und so hatten die Twins ein Ventil für all ihren Schmerz und die Wut in wilden Liebesspielen gefunden. Wir gegen den Rest der Welt, lautete die Devise. Und was sollten sie auch machen? Die Chancen standen einfach zu schlecht, dass sie je auf Verständnis stoßen würden. Und hier, in ihrer Höhle, hatten sie eigentlich alles, was sie brauchten… „Du bist alles, was ich brauche“, flüsterten sie einander immer wieder zu. Nun ja, fast alles…. Denn irgendwann war den beiden der Stoff ausgegangen

„Ist nichts mehr da….“, Bill hielt Tom traurig die leere Plastiktüte vor die Nase. „Ja dann bleibt uns wohl keine andere Wahl….“, seufzte Tom. „Ist nicht dein Ernst, oder? Scheiß auf die Zigaretten, scheiß auf Alk und auch die Joints kannst du schmeißen, aber das Pulver brauch ich einfach…!!“, sprang Bill auf. „Bleib mal ruhig du Junkie, ich meinte ja auch, dass ich wohl was Neues besorgen muss….“, versuchte Tom ihn zu beruhigen. „Ach so“, regte Bill sich ab, „Soll ich mitkommen?“

„Nein du, lass mal lieber….. Die brauchen nicht noch mehr Gesprächsstoff.“, lehnte Tom ab. „Glaubst du echt, Nici hat….“, stammelte Bill. „Keine Ahnung, die Handys haben wir ja gekillt! Wer weiß, vielleicht wurde ich ja von hunderten Anrufern belagert!“, meinte Tom, erhob sich und band sich die Dreads zusammen. „Wie auch immer, wir können uns hier nicht ewig verschanzen….“ „Also wenn es nach mir ginge….“, Bill legte die Arme um Toms Hals und küsste ihn sanft. „Für dich würde ich auch ein Einsiedlerleben führen.“ „Ja klar, aber unsern Stoff brauchen wir trotzdem.“, blieb Tom realistisch. „Das ist wohl wahr.“ Bill zuckte mit den Schultern und schwang sich zurück aufs Sofa. „Also bis dann…. Viel Glück! Und lass dich unterwegs nicht anschwuchteln!“ „Nur von dir, mein Schatz.“ Und weg war Tom.



Tom hatte die Wohnung verlassen und bog nun um die Ecke. Hier würde ihm wohl noch keiner auflauern – und paranoid musste man ja auch nicht gleich werden. Er beschleunigte den Gang; so ganz wohl fühlte er sich nach Tagen der Abgeschirmtheit nicht wirklich. Man könnte denken, er hätte die frische Luft vermisst; aber Fehlanzeige, im Augenblick hätte er sich am liebsten wieder zurück in die Wohnung zu Bill geflüchtet. Außerdem war es ein verregneter, trüber Tag.



Nach etwa einer Viertelstunde war Tom an Chris` Wohnung angekommen. Hier gab es immer Coke vom Feinsten; er atmete einmal tief ein und läutete dann an. Einige Augenblicke später erschien sein Kumpel im Türrahmen. Eine Zigarette im Mundwinkel, musterte er Tom von oben bis unten. „Ist was?“, plusterte Tom sich gespielt genervt auf. Er versuchte lässig zu wirken, wie immer, doch seine Stimme zitterte. „Nee, nichts. Was gibt`s?“, erwiderte Chris. Tom drängelte sich in die Wohnung hinein und schloss die Tür hinter sich. „Warste auch schon mal gastfreundlicher.“, knurrte er den Gastgeber an; die Luft war wohl rein, Chris schien nichts zu wissen. „Brauch 100 Gramm, das Übliche.“ „Gleich 100? Auf Vorrat oder was?“, staunte Chris. „Ganz genau.“, antwortete Tom kurz und knapp. Chris verschwand im Hinterzimmer und Tom ließ sich auf das kleine Ledersofa fallen. Er wollte die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen und zu Bill zurückflitzen.

Allein die Anwesenheit eines anderen als seines Bruders machte ihn ganz unruhig und zappelig. Schließlich war Chris auch wieder da, mit einem prallgefüllten Päckchen. „Das macht dann 650 Mäuse.“, nannte er den Preis. Tom fing an in seiner Geldbörse zu kramen. „Sag mal Alter…. Was ist eigentlich dran an den Gerüchten mit deinem Bruder?“, kam es plötzlich von Chris. Tom fiel vor Schreck alles aus der Hand. Er schluckte, versuchte aber, sich zusammenzureißen. „Welche Gerüchte denn“, gab er sich so cool wie es gerade noch ging. „Na dass du deinen Zwilling in der Arsch fickst.“, brachte Chris es ziemlich uncharmant auf den Punkt. „Wer auch immer das erzählt hat, gehört selbst mal ordentlich durchgenommen“, knurrte Tom.

Diese kleine Schlampe hatte ihre Klappe doch tatsächlich nicht halten können! Er mied Chris` Blick und kramte weiter unentwegt in der Geldbörse. „Scheiße Alter, hab nur 600 in bar!“, stellte er fest und sah Chris an. Dieser starrte ihm geradewegs in die Augen. „Kannste mir ja einen blasen, dann hätt es sich erledigt.“, schlug Chris vor, als ob es das Natürlichste auf der Welt wäre. „Bitte was?!“, Tom sprang auf und knallte Chris das Geld vor die Nase. „Kriegst es beim nächsten Mal, ich muss jetzt los…“ „Nicht so eilig, Süßer“, Chris hatte ihn schon am Arm gepackt und gegen die Wand gedrängt. Tom spürte, wie Panik in ihm aufstieg. Chris war so viel stärker als er…. Er fühlte sich wie gelähmt. „Fand dich schon immer ziemlich geil…. Und jetzt, da ich weiß, dass du auf Kerle stehst…..“ Toms Herz begann wie verrückt zu pochen und er fühlte, wie Ekel und Angst in ihm aufstiegen. „Nein, lass mich…. Arschloch, lass los!!!“, mit einem gezielten Tritt in Chris` Weichteile hatte er sich losgerissen und war aus der Wohnung gestürmt.



Tom rannte so schnell er konnte; zuhause angekommen, wollte er nach dem Schlüssel kramen, doch zu seiner großen Überraschung war die Haustür aufgesperrt. Er hielt kurz inne und vernahm dann einige Stimmen. Wer konnte bei Bill sein? Aufgedreht wie er war, stürzte er in die Wohnung und dann geradewegs ins Wohnzimmer. Und hier, zu seiner großen Überraschung, stand sein Stiefvater vor ihm. „G..Gordon…?!“, stammelte er, „Was machst du denn hier?“ Tom sah zu Bill rüber, der auf dem Sofa gegenübersaß. Er hatte die Hände im Haar vergraben und starrte auf den Boden. Tom spürte sofort, dass etwas ganz gewaltig nicht stimmte. „W… Was verschafft uns die Ehre?“, stotterte Tom und versuchte zu lächeln – was ihm nicht so recht gelingen wollte.

Gordon schenkte ihm den kältesten Blick seines bisherigen Lebens. „Es geht um eure Mutter.“, meinte er nur knapp. „Mom? Was ist mit ihr?“, Toms Nerven waren nun endgültig am Ende. „Ihr Zustand hat sich verschlechtert.“, klärte Gordon ihn auf, immer noch eiskalt. „Was? Aber warum?! Was ist passiert, was ist los… Letztens ging es doch noch bergauf….?!“, Tom raufte sich die Haare und fing an, unruhig im Zimmer auf- und abzulaufen. „Bill?! Du weißt mehr als ich, oder? Jetzt sag doch einer was!!!“, Tom hatte plötzlich Tränen in den Augen, was äußerst selten vorkam. Bill sah ihn nur kurz traurig an und wandte den Blick wieder gen Boden. „Was!!“, Tom konnte nicht glauben, dass man ihn so lange leiden ließ. Doch von einem Moment auf den anderen kam Gordon auf ihn zu und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Bill ließ einen kurzen Schreckschrei los und stürzte sofort zu Tom, der seinen Stiefvater mit weit aufgerissenen, verständnislosen Augen anstarrte und sich die glühende Wange hielt.

„ES IST ALLES NUR EURETWEGEN, IHR MISSGEBURTEN!!!!!“, schrie Gordon plötzlich so laut los, dass man den Eindruck hatte, die Fensterscheiben würden jede Minute in tausend Stücke zerschellen (die einstigen 135 Dezibel von, na ihr wisst schon, waren nichts dagegen) „Ich traue mich ja gar nicht, es beim Namen zu nennen…. Wer hätte das gedacht… All die Jahre…. Sowas herangezogen…“, der Mann war außer sich vor Wut. Bill fing leise zu schluchzen an und klammerte sich an seinen Bruder. Langsam dämmerte es Tom. So weit war sie also gegangen. Wie sehr musste sie die Zwillinge hassen…..? Wie sehr wünschte Tom Nici gerade den Tod. „IHR AUSGEBURTEN DER HÖLLE!!!!“, Gordon schrie die Zwillinge weiter an; die Angewiderheit in seinen Blicken war nur allzu deutlich. Trotz allem ließen die zwei nicht voneinander los. Geradezu aus Trotz klammerten sie sich aneinander; teilweise auch aus Angst, was ihr Stiefvater als nächstes tun würde.

In all den Jahren war ihm die Hand niemals ausgerutscht, doch jetzt erkannten sie ihn nicht wieder. „Wenn sie stirbt, ist es eure Schuld.“, waren Gordons Worte zum Abschied, ehe er aus der Wohnung hetzte. „Wir sind wie wir sind!!!!“, schrie Bill ihm hinterher, doch die Worte bewirkten allein, dass die Nachbarn nun endgültig über einen Umzug nachdachten.

„Los, Tom – lass uns ausgehen!“ Bill war aufgesprungen, hatte sich eine rote Lederjacke umgeworfen und zündelte nervös mit dem Feuerzeug. Tom gab ihm mit einem Blick zu verstehen, dass er seinen Bruder gerade für den größten Psycho des Universums hielt. „Aber sonst geht`s noch, Alter? Was hast du denn für nen Affen?“

Gordon war gerade mal zwei Stunden weg; die Hiobsbotschaft hing immer noch wie eine Giftwolke über dem Raum. (Tatsächlich war der Raum in eine Rauchwolke eingehüllt) Tom hatte ein paar Mal nach dem Handy gegriffen und wollte Siemone anrufen – hatte es sich dann aber doch immer anders überlegt. Nein, das war eine ganz und gar nicht gute Idee…. Gerade jetzt würde sie wohl eher verdrängen, dass sie überhaupt Kinder hatte. Zwei Söhne, Brüder, Zwillinge – die ein Verhältnis miteinander hatten. Auch wenn es nahe liegend war – dass die Situation so außer Kontrolle geraten würde, hatte Tom sich nicht gedacht.

Bill hatte sich ins Bad verdrückt und stand jetzt ganz ungeduldig vor der Eingangstür. „Nun komm schon, wir müssen hier endlich raus!!“, forderte er Tom auf. Diesem war das Ganze immer noch sehr suspekt. „Ähm… Bin gerade nicht in Partystimmung….? Und es wundert mich doch sehr, dass du es zu sein scheinst?“, fuhr Tom seinen Zwilling regelrecht an. „Wieso, was soll sein?“, Bill lächelte ihn an. Tom fiel die Kinnlade runter. „Was sein soll?? Ey Alter geht`s noch? Unsere Mutter liegt gerade im Sterben und du willst feiern gehen?!?!?“ Was ging in Bill nur vor dass er auf einmal so seltsame Anstalten machte? „Ach wo, tut sie doch gar nicht! Komm, ich will, dass jeder sieht, dass wir zusammen sind!“, Bill fing zu lachen an; Das Lachen hörte sich aber alles andere als gesund an. Nun sprang Tom endgültig auf und stürmte auf Bill zu. „Jetzt dreh mir nur nicht durch, ja?! Blendest du jetzt die Realität aus oder was ist los?“, Tom inspizierte Bills Augen gründlich; die Pupillen waren riesengroß.

Jetzt dämmerte es Tom; sein Bruder war längst nicht mehr nüchtern. Aber was hatte er genommen? Tom hatte doch noch gar nicht die Gelegenheit gehabt, ihm das neu erworbene Kokain anzubieten. „Dreh mir jetzt nur nicht durch, Bruderherz… Alles wird gut!“ So zugedröhnt hatte Tom Bill noch nie erlebt und sein Zustand machte ihm ordentlich Angst. Was war das für eine Aufgedrehtheit und gleichzeitig seltsame Apathie? „Bleib ja da, rühr dich nicht vom Fleck!“, befahl er Bill und lief ins Bad. Er ließ seinen Blick panisch schweifen; schon hatte er die Quelle allen Übels entdeckt: Auf dem Waschbecken stand ein leeres Glas; daneben lagen eine zerquetschte Red Bull-Dose sowie ein kleines, fast unscheinbares, durchsichtiges Plastiktütchen.

„Liquid E!“, erkannte Tom sofort. „Muss hier noch irgendwo herumgelegen haben… Verdammte Scheiße…. Ich hatte das Zeug einmal eingeworfen und danach ging es mir alles andere als gut!“, erinnerte Tom sich. Wie würde es mit Bill weitergehen?? Tom stürzte aus dem Badezimmer – und hatte augenblicklich einen Schock. Die Eingangstür stand weit offen – von seinem Twin weit und breit keine Spur.

Hyperventilierend polterte Tom die Stiegen runter – Bill konnte doch hoffentlich noch nicht weit gekommen sein! In seinem Zustand hätte ihm alles Mögliche zustoßen können…. „BILLL!!!“, rief Tom durch die Straßen und lief, lief, lief, sogar als er übelstes Seitenstechen bekam. Es war nach Mitternacht, und es waren nicht viele Passanten unterwegs. Diejenigen, die sich noch auf der Straße herumtrieben, kannte Tom allerdings zu gut. „Na Alter, dein Brüderchen verloren??“, kam es von der gegenüberliegenden Straßenseite. Ruckartig drehte Tom sich um – Stephan und seine Kumpanen. Eine Zeit lang hatte er mit diesem Grüppchen mit den übelsten Drogen herumexperimentiert. Nun lachten alle lauthals, zeigten mit dem Finger auf ihn und ein paar Mädels flüsterten einander etwas zu. „Nicht stehen bleiben!“, sagte Tom sich selbst, streckte der Gang den Mittelfinger entgegen und lief weiter.



Toms nächste Station war die Mansion – ein herabgekommener Schuppen, gesteckt voll mit den zwielichtigsten Gestalten. Früher einer von Toms bevorzugten Aufenthaltsorten. Er stürmte hinein und erblickte sogleich das Schreckensbild: Mitten im Raum räkelte Bill sich an einer Stripstange – obenrum bereits frei. Rundherum gafften unappetitliche ältere Herren und Damen. „This ist the end… My only friend, the end….“, polterte der Sound durch den Raum. „Oh ja, das ist das Ende….“, Tom schluckte, sprang auf den Podest und versuchte mit aller Kraft, Bill runterzuzerren. Dieser weigerte sich allerdings… „Ey lass mich…. Das hier ist mein großer Auftritt… Ich…. Bin auf der Bühne….“, lallte Bill nur vor sich hin und wollte nicht von der Stange lassen. „Mensch Alter, weißt du wie verdammt schwul du rüberkommst?!“, schimpfte Tom und zerrte weiterhin an Bill herum.

„Süßer ich bin schwul….“, flüsterte Bill und griff Tom ungeniert zwischen die Beine. Sofort gab es tosenden Applaus seitens des Publikums – Tom wäre am liebsten im Erdboden versunken. „Lass auch mal die Hüllen fallen, Fuffi!“, grölte eine etwas stämmiger gebaute Dame mittleren Alters quer durch den Raum. „Ruhe auf den billigen Plätzen…!!“, knurrte Tom und entfernte Bills Hand aus seinem Schritt. „Das ist wirklich unmöglich mit dir!!“, ärgerte er sich und schüttelte Bill. Auf einmal gab dieser nach und ließ sich in Toms Arme fallen. „Na endlich!“, Tom nutzte die Gelegenheit, um einen Abgang vom Podest zu machen. Unter Pfiffen und Applaus verließen die Zwillinge schließlich das Etablissement.

Andi hing über der Kloschüssel und kotzte sich die Seele aus dem Leib. Sein Magen schmerzte, vom Kopf gar nicht zu reden. Der Kreislauf war im Keller und Andi musste sein Haupt auf die Toilettenbrille betten, um nicht umzufallen. Kalter Schweiß stand in dicken Perlen auf seiner Stirn, während er am ganzen Körper zitterte. Seine Zunge war ein ausgetrockneter Schwamm von überdimensionalen Ausmaßen.

Ein Anblick des Elends und doch fühlte sich Andi so gut wie lange nicht mehr, vom Total-Black-Out des Körpers einmal abgesehen. Aber der Magen würde sich schon wieder beruhigen und auch die nächste Ohnmachtsattacke vorübergehen. Dann würde Andi nie wieder, aber auch wirklich NIE wieder solche Mengen Alkohol trinken, wie er es gestern getan hatte.

Er schwankte zurück zum Bett und ließ sich erleichtert hineinfallen.
*Schon besser, viel besser!*

Ein Lächeln huschte über Andis Gesicht, als er an die Begegnung mit Bill dachte. Er griff vom Nachttisch den Zettel, auf dem Bill seine Telefonnummer notiert hatte, und drückte ihn an seine Brust, als wäre es eine heilsame Medizin, die seinen Zustand sofort bessern würde. Als er sich an die merkwürdigen Umstände ihres Zusammentreffens erinnerte, musste er sogar lachen.

Nur langsam und mühsam gab sein vom Alkohol vernebeltes Gehirn Einzelheiten preis. Einige Sachen waren vom Filmriss verschluckt, z.B. die Antwort auf die Frage, wie Andi überhaupt zu diesem komischen Talentwettbewerb gekommen war, bei dem dann plötzlich Bill auf der Bühne gestanden hatte. Egal – Hauptsache, es war passiert. So gesehen hatte die Sauferei ihr Gutes gehabt.

Vorsichtig erhob sich Andi und schlich wie ein alter Mann in die Küche. Drei Kopfschmerztabletten mussten es sein - hoffentlich landeten die nicht gleich wieder im Klo. Dann machte er sich einen Kaffee, so stark, dass der Löffel in der Tasse stehen konnte. Andere Nahrung war vorsichtshalber erstmal zu meiden, obwohl der Magen laut knurrte. Aber Andi hatte ohnehin keinen Appetit. Beim Gedanken an sauren Fisch, den andere Leute gerne als Katerfrühstück empfehlen, hätte er fast wieder gekotzt.

Ein schönes Gefühl, wenn man die Kontrolle über seinen Körper zurückgewinnt. Andi setzte sich in den Sessel, halb liegend, und betrachtete den Zettel. Er erinnerte sich an die Sorgen, die er sich um Bill gemacht hatte, als er nach dem Kinetic-Power-Konzert hatte ansehen müssen, wie Bill von Tom offenbar bewusstlos und verletzt zum Auto getragen worden war.
*Jetzt ist alles gut*, dachte Andi erleichtert, *Gleich mal anrufen? Warum nicht?*

Das Telefon lag natürlich genau in der anderen Ecke, aber ein wenig leichte Bewegung konnte nicht schaden. Andi bemerkte überrascht, wie aufgeregt er war, als er die Nummer wählte. Sein Herz raste und die Finger zitterten, als er die Tasten drückte.
*Nun beruhig dich, Junge. Das ist doch nicht die Sexhotline.*

Mailbox - war ja klar.
"Hallo Bill, hier ist Andi. Ich melde mich später noch mal.", sprach er mit nervöser Stimme und drückte schnell wieder auf die Taste.
*Hätte ich noch Grüße an Tom ausrichten lassen sollen?*, grübelte Andi sogleich, *Ach was. Das kann ich immer noch machen.*

Die kurze Aufregung hatte offenbar einen positiven Effekt, denn Andis Kreislauf schien wieder völlig intakt. Das nutzte er sofort für eine kalte Dusche aus, welche das Wohlbefinden noch weiter verbesserte. Jetzt das Fenster weit auf, frische Luft genießen und sich einer lautsstarken Behandlung durch Die Ärzte unterziehen. Hello Life, Andi is back!!!

Er fläzte sich in den Sessel, legte die Beine auf den Tisch und schloss die Augen.
*Weißt du was, Andi, du lebst nur einmal! Was auch immer dich quält, nimm dein Schicksal selbst in die Hand! Geh ran, Alter!* - diese Worte Bills gingen ihm wieder und wieder durch den Kopf und dabei sah er das Gesicht deutlich vor sich.
Aber es war nicht Bills Gesicht, sondern das von Sascha. Und er schmeckte wieder den Kuss, den ihm Sascha in Magdeburg im elterlichen Schlafzimmer zum Abschied auf die Lippen gedrückt hatte.

*Warum hat er das getan?*, grübelte Andi, *Das war kein flüchtiger Kuss, sondern mindestens 3 Sekunden lang oder gar 5?*
Andi begann zu zählen.
*Also wenigstens 4 Sekunden.*

Er strich sich leicht mit den Fingern über die Lippen, als könne er so das Gefühl besser nachempfinden. Für ihn war es nun eine beschlossene Sache, dass er Sascha wiedersehen wollte. Es war ihm egal, ob Sascha irgendwelche Gefühle erwiderte oder nicht.
*Wenn man nichts erwartet, kann er auch nicht enttäuscht werden*, redete er sich fleißig ein.
Ihm war natürlich dennoch klar, dass er sich mit dieser Einstellung in gewisser selbst etwas vormachte. Aber jede Enttäuschung wäre geradezu ein Hochgefühl gegen diese trübsinnige und die Seele zerfressende Sehnsucht, die von ihm völlig Besitz ergriffen hatte.

Andi erinnerte sich an die Abende in Magdeburg, an denen sie stundenlang in Kneipen gesessen und Sascha ihm von klassischem Tanz, Musicals und Theater erzählt und vorgeschwärmt hatte. Es kam Andi vor, als würde er sich an jedes einzelne Wort erinnern.
*Vielleicht kann es wieder so werden*, dachte Andi, *Ich möchte einfach nur in seiner Nähe sein. Wenn er nichts für mich empfindet - so what? Das ist kein Grund ihn zu meiden. Ich brauche ihn doch, so sehr.*

Andi sprang auf.
*Also dann los!*
Als er die Wohnungstür bereits voller Tatendrang aufgerissen hatte, hielt er inne. Wo wollte er eigentlich nach Sascha suchen? Sollte er sich vor das Haus stellen, in das Sascha und das Mädel gestern hineingegangen waren. Dies kam ihm nun doch nicht sehr sinnvoll vor.

Der Gedanke an Saschas weibliche Begleitung bremste seine Euphorie noch weiter.
*Wenn das seine Freundin ist, dann stehe ich doch da wie der letzte Depp. Vielleicht stellt Sascha mich ihr mit den Worten vor: ´Das ist Andi, ein guter Freund. Wir haben uns nicht mehr gesehen, seit er mich im Schlafzimmer seiner Eltern vögeln wollte.´*

Langsam ging Andi zurück in die Wohnung und schloss die Tür.
*Mist! Nur nicht wieder gleich aufgeben! Eine Idee muss her!*

*Wenn das seine Freundin ist, dann stehe ich doch da wie der letzte Depp. Vielleicht stellt Sascha mich ihr mit den Worten vor: ´Das ist Andi, ein guter Freund. Wir haben uns nicht mehr gesehen, seit er mich im Schlafzimmer seiner Eltern vögeln wollte.´*

Langsam ging Andi zurück in die Wohnung und schloss die Tür.
*Mist! Nur nicht wieder gleich aufgeben! Eine Idee muss her!*

Er holte aus einer Schublade das sorgsam zusammengefaltete Plakat des Jugendtheaters Magdeburg hervor, das Sascha hübsches Gesicht in voller Pracht zeigte. Andis Augen tasteten begierig das Papier ab und blieben schließlich an Saschas Namen hängen, der bei den Mitwirkenden an erster Stelle vermerkt war.

Er schaltete seinen Computer ein, öffnete den Browser und rief die Seite von Google auf, wo er sofort Saschas Namen eintippte. Die Suche ergab nur einige Treffer und alle hatten mit Saschas Engagement in Magdeburg zu tun. Zwei Lokalblätter lobten sein Auftreten, was Andi mit wohligem Stolz erfüllte, wie er selbst leicht verwundert feststellte. Aber nirgendwo gab es Infos, die Andi irgendwie weiterhelfen könnten. Er musste sich allerdings auch eingestehen, dass er gar nicht so genau wusste, was er eigentlich suchte.

Kurz überlegte er, ob er versuchen sollte, sich beim Einwohnermeldeamt oder einer anderen Behörde einzuhacken und ein bisschen rumzuschnüffeln. Für Andi war kriminelle Energie zwar nie die Triebfeder seiner Computerleidenschaft gewesen, wie dies bei vielen Leuten aus der Hackerszene der Fall war, aber was seine Fähigkeiten anging, konnte er es mit diesen Typen locker aufnehmen. Allerdings waren die Sicherheitssysteme in letzter Zeit immer ausgeklügelter geworden, so dass die Gefahr, erwischt zu werden, nicht zu unterschätzen war. Und dann drohten saftige Strafen. Daher verwarf Andi diesen Gedanken vorerst wieder.

Er öffnete die Homepage des Jugendtheaters Magdeburg und eine völlig unübersichtliche Seite in schrecklichem Design erschien auf dem Bildschirm. Andi fürchtete beim Anblick dieses Alptraums um sein Augenlicht, besah sich die Sache dann aber tapfer etwas näher. Die letzte Aktualisierung war bereits mehrere Monate her. Schließlich klickte Andi auf das Impressum, wo die Anschrift und Telefonnummer des Theaters vermerkt waren.

Er nahm sein Telefon und rief dort einfach an. Es meldete sich eine Frau und Andi fragte nach Sascha.

"Tut mir leid, bei mir können Sie nur Karten bestellen und den Spielplan erfahren. Mit den Darstellern habe ich nichts zu tun", erklärte die Frau, "Ist es denn dringend?"
"Ja, es ist wirklich sehr wichtig", sagte Andi, "Geht sozusagen um Leben und Tod. Und dauert auch nicht lange."
"Im Moment sind gerade Proben. Ich versuche, Sie zum Inspizienten durchzustellen, weiß aber nicht, ob das klappt. Manchmal hängt der sein Telefon einfach aus, wenn keiner stören soll."
"Gut, danke", antwortete Andi und es gab ein paar Pieptöne, bis er eine dunkle Männerstimme vernahm.

"Was gibt’s denn? Wir haben Probe!"
Im Hintergrund hörte Andi Stimmen und andere Geräusche.
*Was mache ich, wenn Sascha jetzt wirklich ans Telefon kommt?*, dachte Andi nervös.
"Hallo?!", rief der Mann ungeduldig.
"Ich wollte Sascha sprechen, es ist wichtig, es geht um …"
"Sascha?", fragte der Mann verwundert, aber schon deutlich freundlicher, "Der ist leider nicht mehr hier, will doch jetzt großer Musicalstar in Hamburg werden. Na, kann man ihm nicht verübeln, bei dem Talent. Aber ich sitze jetzt da, mitten in der Saison. Ohne Sascha können wir die Zahl der Zuschauer bald wieder an einer Hand abzählen. So einen Jungen finde ich so schnell nicht …
"Wo in Hamburg?", unterbrach Andi ungeduldig.
"Das weiß ich nicht, interessiert mich auch nicht. Ich hab wirklich andere Sorgen. Das Auswahlverfahren dauert einige Zeit, deshalb ist Sascha auch …"
"Auswahlverfahren? Und wenn er nicht genommen wird, dann spielt er wieder in Magdeburg?", fragte Andi.
"Nicht genommen?", der Mann lachte, "Da mache ich mir keine Illusionen. Was der Kerl will, bekommt er auch. Aber wer sind Sie denn überhaupt?"
"Äh … ich bin der Bruder seiner Freundin", log Andi und hoffte insgeheim, dass ihm der Inspizient hierzu etwas ausplaudern würde.
"Freundin? Wusste ich gar nicht. Eigentlich hatte er doch gar keine Zeit für so was und auch kein Interesse, soweit ich gesehen habe. Auswahl hatte er ja mehr als genug. Ein Fingerschnipsen hätte genügt und …"
Im Hintergrund war eine Art Hupe zu hören.
"Tut mir leid, ich habe keine Zeit mehr. Wenn Sie Sascha sehen, dann bestellen Sie doch bitte schöne Grüße", und damit legte der Mann auf.

Andi lachte zufrieden und atmete tief ein und aus. Er fühlte sich total erleichtert, so als hätte er gerade persönlich mit Sascha telefoniert. Dass der Inspizient nichts von einer Freundin wusste, musste eigentlich gar nichts heißen, aber für Andi war dies im Moment die schönste Nachricht, die er sich wünschen konnte.
*Keine Zeit. Und noch besser: kein Interesse*, wiederholte er ständig die Worte des Mannes in seinen Gedanken, *Aber das werde ich hoffentlich bald persönlich herausfinden.*

Andi hackte schnell ein paar Wörter in die Tastatur und schon verriet ihm Google, wo in Hamburg gerade ein Auswahlverfahren für ein geplantes Musical lief.
*Bingo!*

Am nächsten Morgen fuhr Andi zum Theater im Hafen. Hier war bis vor kurzem noch "Der König der Löwen" aufgeführt worden, der nun durch ein neues Musical abgelöst werden sollte. Zur Zeit wurden die Darsteller gecastet und es gab offenbar eine große Anzahl von Bewerbern, wie Andi an der Menge der jungen Leute feststellen konnte, die hierher strömten.

Trotzdem bemerkte er Sascha sofort, als dieser in noch großer Entfernung auf das Theater zuschlenderte. Andi setzte seine Kapuze auf, auch weil er neben Sascha wieder dasselbe Mädchen erblickte, das er neulich bereits bei ihm gesehen hatte.
*Eine Freundin? Eine Kollegin? Auf jeden Fall störend.*

Unfähig, sich zu rühren, lugte Andi vorsichtig zu Sascha, der lässig mit seiner Begleiterin plauderte. Wie Paukenschläge vernahm Andi das Klopfen seines Herzens, in seinem Magen wurde es flau und die Hände schwitzten, obwohl das leichte Zittern eher auf ein Frieren hindeuten würde.
*Was tun?*, dachte Andi verzweifelt, * Was soll ich tun?*

Sein Körper nahm ihm die Entscheidung ab, indem er in eine Lähmungsstarre verfiel, die jedes Handeln verhinderte. Auch nachdem Sascha bereits in der Tür des Theaters verschwunden war, blieb Andi eine ganze Weile wie angewurzelt stehen.

*Gut. Ich weiß, dass er hier ist. Der Rest wird sich finden*, dachte er nach einiger Zeit erleichtert.
Er nahm sich vor, am nächsten Morgen erneut herzukommen, aber bereits am frühen Nachmittag war er wieder hier, da seine Gedanken keine andere Tätigkeit, geschweige denn das Studium, überhaupt zuließen.

Andi stand dort eine gute halbe Stunde in einiger Entfernung, bis er beschloss, etwas näher heranzugehen. Langsam stieg er die Stufen der breiten Treppe hinauf, den Blick stur auf die Eingangstür gerichtet. Er konnte sich selbst nicht erklären, woher er jetzt den "Mut" nahm.
Es wäre aber doch auch totaler Zufall, wenn ihm nun ausgerechnet Sascha in die Arme laufen würde.

Als Andi auf der letzten Stufe war, öffnete sich die Tür und heraus kam der totale Zufall in Gestalt von Sascha. Andi drehte sich ruckartig um und sah Sekunden später, wie Sascha mit schnellen Schritten die Treppen herunterflitzte. Wieder war Andis Bewegungsapparat augenblicklich blockiert, so dass er sich nicht lange mit der Frage zu beschäftigen brauchte, ob er hinterherlaufen sollte.

Sascha war auf der letzten Stufe angelangt, als Andi neben sich ein Mädchen bemerkte - DAS Mädchen.
"Sascha, warte doch mal!", rief sie und blieb direkt neben Andi stehen, dem nun die Totalblockade der Gliedmaßen keine andere Wahl ließ, als einfach stehen zu bleiben und sich voll dem weiteren Schicksal zu ergeben.

Sascha drehte sich herum, blickte erst genervt, dann ungläubig und setzte schließlich ein breites Grinsen auf. Schnell lief er die Treppe hinauf.
"Andi!", rief er erfreut aus.

"Hallo Sascha", konnte Andi gerade noch erwidern, bevor ihn dieser zu einer langen Umarmung an sich drückte.
"Das ist Andi, ein guter Freund", sagte Sascha schließlich zu dem Mädchen, während er Andi lachend auf die Schulter klopfte, "Wir haben uns nicht mehr gesehen, seit …"

"Seit einer Ewigkeit!", rief Andi dazwischen, bevor Sascha den Satz in einem Alptraum hätte enden lassen können.
"Ja, genau. Ewigkeiten ist das her", bestätigte Sascha, "Und wie gut, dass ich dich hier treffe. Du bist ja nie erreichbar. Immer unterwegs, was? Na, so kenne ich dich ja."
Andi verstand jetzt kein Wort mehr.
*Was redet er da nur? Verwechselt er mich? Hat er etwas eingeworfen?*

"Also, Marina, du verstehst sicher, das ich mich jetzt erstmal mit dem guten Andi richtig ausquatschen muss", sagte Sascha zum Mädchen, das er eigentlich noch gar nicht vorgestellt hatte, "Wir sehen uns dann ja später."

Bevor Andi überhaupt etwas checken konnte, zog Sascha ihn ungeduldig fort. Mit schnellen Schritten eilten sie die Treppe hinunter und über den Theatervorplatz. Andi, der bis eben ja noch gelähmt war, hatte Mühe, das Tempo mitzuhalten. Sascha aber schien gar nicht schnell genug von dem Mädchen wegkommen zu können.

Endlich blieb er stehen.
"Du hast mich gerade gerettet", sagte Sascha mit einem Seufzer, "Sorry, wenn ich dich etwas verwirrt haben sollte. Aber dann habe ich wenigstens gleich dort eingesetzt, wo ich das letzte Mal aufgehört hatte."
Andi dachte wieder an die Nacht im Schlafzimmer seiner Eltern - die Bilder würde er nie vergessen: der wütende Sascha, die geschockten Eltern und dann dieser Abschiedskuss. Verwirrung war da noch untertrieben.

"Ich dich gerettet? Wie das?", fragte er.
"Also ich wohne zur Zeit bei Marina, notgedrungen", erklärte Sascha, "Nur für die Dauer des Castings, versteht sich. Ist einfach günstiger. Hamburg ist ein teures Pflaster und im Moment verdiene ich ja nichts. Sie hatte ein Zimmer übrig und mit mir einen angenehmen Mitbewohner - eigentlich ein klarer Deal. Das war eine gute Lösung, für mich, aber nun erhebt das Mädel Ansprüche."

Sascha verzog sein Gesicht.
"Sie will Geld?", fragte Andi.
"Nee, viel viel mehr - sie will mich", antwortete Sascha und lachte, "Es wäre ja kein Problem, ab und zu mal bei ihr rüberzurutschen, aber sie musste sich gleich in mich verlieben."
"Hat sie das gesagt?"
"Ich hab gemerkt, dass da was nicht stimmt. Und dann habe ich mal ihre Freundin zur Seite genommen, meinen Charme spielen lassen und schon fing sie an, mir brav zu berichten -Tussen bereden so etwas ja immer alles miteinander und daher wusste sie bestens Bescheid. Heute Abend wollte Marina mir alles gestehen, mit Kerzenlicht und Kuschelmusik - aber bitte ohne mich."
"Warum spielst du das Spiel nicht einfach mit? Nur für die Zeit des Castings."
"Weil Marina zu gut ist."
"Wie, zu gut?", fragte Andi.
"Sie hat tänzerisch etwas auf dem Kasten und ich gehe jede Wette ein, dass sie angenommen wird. Und dann habe ich in dem neuen Team gleich eine Perle an der Backe - nein, danke. Und glaube nicht, ich könnte dann einfach so geräuschlos mit ihr Schluss machen. Die ist ein Temperamentsbündel, eine Dramaqueen. Ein Ensemble ist wie eine Familie, da kann solch ein Beziehungsstress die ganze Atmosphäre versauen. Darauf habe ich echt keinen Bock."

Es fing an zu nieseln. Sascha schlug seinen Kragen hoch und sah missmutig zum Himmel.

"Aber wenn du jetzt von ihr abhaust, dann könnte sie doch trotzdem anfangen, Theater zu machen und zu nerven", sagte Andi.
"Die Hälfte der Mädels ist bereits in mich verliebt - und die Hälfte der Jungs. Da würde sie sich mit ihrem Gejammer nur lächerlich machen. Wichtig ist nur, dass ich nicht der bad guy bin, verstehst du?"

Das Nieseln wurde stärker und der Wind kräftiger.

"Und du studierst nun hier Informatik?", fragte Sascha.
"Das weißt du noch?"
"Hältst du mich für verblödet? Was ist nun eigentlich mit deinen Eltern?"
Noch bevor Andi antworten konnte, sagte Sascha: "Lass uns mal woanders hingehen. Hier wird´s jetzt ungemütlich. Kennst du hier in der Nähe ein Lokal oder so?"
"Wir könnten zu mir gehen", schlug Andi vor.
"Zu dir? Studentenwohnheim?"
"Nö, habe eine kleine Bude, zwei Zimmer - ist ganz in der Nähe."
"Du hast WAS?", fragte Sascha und seine Augen begannen zu leuchten, "Ich wusste gar nicht, dass du so eine gute Partie bist."

Wenig später waren sie in der Wohnung angekommen - keinen Augenblick zu früh, denn draußen prasselte jetzt kräftiger Regen gegen das Fenster. Andi schaute sofort in der Küche nach, was er anbieten konnte, während Sascha es sich im Wohnzimmer gemütlich machte.

"Was wolltest du eigentlich vorhin dort beim Theater?"
Diese Frage traf Andi etwas unvorbereitet.
"Das war reiner Zufall", stammelte er, "Ich lauf manchmal einfach so durch die Botanik. Und die Hafengegend ist doch ganz interessant."
"Ach so, reiner Zufall, verstehe."
*Seine Stimme klingt nicht so, als würde er mir das wirklich abkaufen*, dachte Andi, schnappte sich zwei Cola aus dem ansonsten leeren Kühlschrank und ging ins Wohnzimmer.
"Zu essen hab ich leider nichts, aber wir könnten ja irgendwas bestellen. Indisch, chinesisch oder worauf hast du Lust?", fragte er und war froh, das Thema wechseln zu können.

Sascha empfing ihn mit einem breiten Grinsen, doch Andi konnte sich den Grund der Heiterkeit nicht recht erklären.
"Weißt du, dass das Diebstahl und Vandalismus ist?", fragte Sascha und streckte Andi das Plakat vom Jugendtheater Magdeburg entgegen.
*Fuck. Das lag ja noch beim Computer. Was sag ich jetzt bloß?*

"Du kannst den Mund wieder schließen und musst auch nicht erröten, wie eine Jungfrau in der Hochzeitsnacht. Warum drehen die Leute in meiner Nähe eigentlich immer durch?"
*Da fragst du noch?*
"Andi, aufwachen", sagte Sascha und schnipste einmal vor dessen Gesicht, wie ein Hypnotiseur, der jemanden erweckt, "Also was ist nun?"
*Ja, was ist nun? Ach so - er meint die Bestellung.*
"Ich wäre für Pizza", sagte Andi.
"Pizza?", fragte Sascha, als würde er das Wort zum ersten Mal in seinem Leben hören, "Ich spreche nicht vom Essen. Ich will wissen, ob ich hier einziehen kann, vorläufig. Hab wenig Bock, bei diesem Wetter unter ´ner Brücke zu pennen, aber noch weniger auf Kerzenlicht und Kuschelsound."
"Du willst wirklich?"
*Keine halbe Stunde bin ich jetzt mit dir zusammen und du hast mich schon wieder total verwirrt. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Ich muss etwas sagen, hoffentlich fange ich nicht an zu sabbern.*

Andis Handy klingelte. Genervt nahm er das Teil vom Tisch.
"Ja?"
"Hey Andi, ich bin´s."
"Bill!"
"Sofort erkannt?"
"Klar. Was denkst du denn? Ich hatte auch schon versucht, dich …"
"Hab den Spruch auf der Mailbox gehört. Ich will nicht lange stören. Wir geben am Wochenende eine kleine Party. Würde uns echt total freuen, wenn du kommst. Schöne Grüße von Tom übrigens."
Andi überlegte kurz.
"Wer kommt denn da so alles?"
"Kleiner Rahmen - so hundert Leute. Wird sicher nett. Du bist unser Ehrengast, ist doch klar. Kannst auch gerne jemanden mitbringen, wenn du willst", antwortete Bill.
Andi war auf solche Veranstaltungen eigentlich nicht scharf. Anderseits wollte er die Twins unbedingt mal wieder sehen.
*Wenn es Scheiße ist, kann ich ja jederzeit abhauen.*
"Gut, ich werde hinkommen."
"Bestens", sagte Bill, dem Andi die ehrliche Freude deutlich anmerkte, "Dann schreib dir mal die Adresse auf."
Andi notierte alles und verabschiedete sich dann.

"Hast du am Wochenende schon was vor?", fragte er Sascha.
"Was ist das für einer, dieser Bill? Ein Freund?", kam sofort als Gegenfrage.
"Ja, ein Freund. Äh … ein alter Schulfreund. Also nicht …"
"Nicht dein Lover", ergänzte Sascha, "Klaust also keine Plakate von dem. Aber so was hängt ja auch nicht von jedem."
"Eh, das ist der Sänger von Tokio Hotel."
"Der Sänger vom Tokio Hotel? Ist das hier in Hamburg? Ein Animateur, oder was? So ein Angebot hatte ich auch mal, für ein Kreuzfahrtschiff."
"Nein. Der singt nicht im Hotel. Der war Sänger bei der Gruppe Tokio Hotel. Sag nur, die kennst du nicht", sagte Andi verwundert.
"Muss ich das?"
"Die haben mehrere hunderttausend Alben verkauft, ausverkaufte Tourneen gespielt, waren fast jede Woche in der BRAVO", erklärte Andi.
"BRAVO? Ach, dann war das wohl so ´ne Boyband. Nee, danke. Auf die Bekanntschaft lege ich keinen Wert", meinte Sascha, "Aber was ist nun mit der wirklich wichtigen Fragen? Kann ich bei dir Unterschlupf finden?"

"Ja, also wenn du willst. Äh, ich meine, äh, hast du denn keine Angst …"
"Angst davor, dass du mich wieder nachts beißen könntest?", fragte Sascha, der Andis Verlegenheit sehr zu genießen schien, "Ich werde Knoblauch und Kreuze an der Tür aufhängen. Das wird deine Beißlust drosseln", scherzte er.
"Ich weiß gar nicht, ob ich mich dafür überhaupt schon bei dir entschuldigt habe. Vielleicht kann ich es ja jetzt wieder gut machen."
"Brauchst dich nicht zu entschuldigen. Der Abdruck war doch schon nach einer Woche verschwunden", sagte Sascha und fuhr sich mit der Hand über den Hals, "Bis dahin durfte ich mir allerdings ein paar blöde Bemerkungen anhören. Deine Zahnstellung ist aber ziemlich perfekt, wie man erkennen konnte."
"Ach, so schlimm? Ich weiß gar nicht, was da in mich gefahren ist. So was hab ich noch nie …"
"OK, dann sind die Fronten geklärt. Du rührst mich nicht an, ich rühr dich nicht an. Ob du an mich denkst, wenn du dir einen schrubbst, ist mir völlig Banane."

Andi musste schlucken.
*Ziemlich direkt, mein Schatz. Aber keine Bange, ich werde denselben Fehler nicht zum zweiten Mal machen. Hoffe ich jedenfalls. Wenn ich dich so anschaue, kann ich allerdings für nichts garantieren.*

"Einverstanden", sagte Andi schließlich, "Es gibt aber einen Haken. Die Miete für die Wohnung ist von meinen Eltern für sechs Monate im Voraus bezahlt worden. Vier Monate sind rum und ich weiß noch nicht, woher danach das Geld kommen soll."
"Sind deine Eltern etwa immer noch sauer?", fragte Sascha kopfschüttelnd.
"Ich habe quasi keinen Kontakt mehr zu ihnen. Mein Bruder hat noch versucht, zwischen uns zu vermitteln, aber das war vergebens."
"Das ist ja dumm", sagte Sascha und schien nachzudenken, "Ich fahre demnächst wieder kurz nach Magdeburg. Soll ich mal versuchen, die Sache gerade zu biegen?"

Andi dachte, er hört nicht richtig.
"Nein, du kennst meine Eltern nicht, das wäre völlig zwecklos. Die denken doch, du bist mein … äh … na, dass wir miteinander … du weißt schon."
"Deine Mutter mag doch sicher Blumen. Welche Sorte ganz besonders?", fragte Sascha, als hätte er Andis Worte gar nicht wahrgenommen.
"Ohne Scheiß, bitte lass es", flehte Andi nun eindringlich.
"Vertrau mir, ich kriege jeden um den Finger gewickelt. Wäre doch geil, wenn uns deine Alten die Bude bezahlen würden, oder etwa nicht?", sagte Sascha zwinkernd und ließ einen besitzergreifenden Blick durchs Zimmer wandern.

Andi sprang empört auf.
"Versprich mir, dass du nicht zu meinen Eltern gehst!"
"Ist doch schon gut", beschwichtigte Sascha, "War ja nur ein Vorschlag."
*Das war kein Vorschlag, sondern ein Anschlag - auf meine Nerven*, dachte Andi, während er sich wieder hinsetzte.

Hastig hob er die Cola zum Mund und schüttete sich die Hälfte übers T-Shirt.
"Mist!"
"Mach ich dich nervös?", frotzelte Sascha.
"Quatsch", sagte Andi und stand auf, um sich ein neues T-Shirt zu holen.
Dabei stieß er gegen den Tisch, was nun auch Saschas Cola zu Fall brachte, die sich schäumend auf der Tischdecke ergoss.
"Ich sage nichts", meinte Sascha und versuchte, sein Grinsen zu unterdrücken, was ihm aber nicht gelang.
"Danke, sehr rücksichtsvoll."

Nachdem er das Malheur beseitigt und sich umgezogen hatte, suchte Andi in mehreren Schubladen die Flyer der verschiedenen Restaurants zusammen.
"Also, hast du dich nun schon entschieden, was wir zu essen bestellen wollen?" fragte er, während er den Inhalt einer Schublade auf den Tisch schüttete, "Mist, alles durcheinander."
"Nun mach doch nicht so einen Aufstand. Hier war doch gleich um die Ecke ein Dönerstand. Hol doch einfach von dort zwei Teilchen und gut ist. Wer weiß, wie lange die Lieferung sonst dauert. Ich muss auch noch meine Sachen von Marina holen - und zwar bevor die Kerzen brennen."

Also machte sich Andi auf die Socken.
Als er wieder kam, sah er Sascha in einem Hefter lesen, der sich in der ausgeschütteten Schublade befunden hatte.
"Ach das ist diese Band Tokio Hotel, von der ich dir vorhin erzählt hatte. Ich hab da ein paar Bilder und Zeitungsausschnitte gesammelt", erklärte Andi, aber Sascha reagierte nicht.
"Hörst du?"
"Jaha - und ich habe selbst Augen im Kopf und kann lesen", antwortete Sascha schließlich, ohne dabei aber aufzublicken.

Andi legte die Döner auf den Tisch und setzte sich. Er betrachtete Sascha von der Seite, der völlig versunken schien.
*Wie gerne würde ich jetzt zubeißen.*

Sascha saß etwas nach vorne gebeugt und musste immer wieder seine blonden Haare zurückstreifen. Die Art, wie er unbewusst seine Schultern und den Hals gerade hielt, während jeder andere Mensch in dieser Position etwas zusammensinken würde, verrieten den ausgebildeten Tänzer.
Andi konnte sich gar nicht satt sehen. Er beobachtete fasziniert jeden Wimpernschlag und jedes kleine Zucken der weichen, roten Lippen.

"Das ist also dieser Bill", kam irgendwann aus eben jenen Lippen hervor, "Der siehst aus …"
"Wie ein Mädchen", ergänzte Andi fast unbewusst.
Jetzt erst sah Sascha auf.
"Wie ein Mädchen?", fragte er empört, "Wie kommst du denn auf so einen Scheiß? Ich wollte sagen, der sieht aus, wie der geborene Showstar. Genau: Rampensau - stand doch auch hier irgendwo. Und wie wandelbar der ist, unglaublich. Nur weil er sich etwas anders stylt und nicht so 08/15 rumläuft, wie du zum Beispiel, brauchst du doch nicht solche Sprüche ablassen."

*Hab ich irgendwas verpasst? Bin nicht ICH der Freund von Bill - und Sascha fand den eigentlich uninteressant?*, dachte sich Andi belustigt und er ahnte auch schon, was als nächstes kommen würde.

"Wann, sagtest du, ist diese Party? Am kommenden Wochenende?", fragte Sascha, "Mir fällt gerade ein, dass ich da doch nichts besseres vorhabe. Und mit solch einem Typen kann ich dich ja schlecht alleine lassen."
"Alles klar", meinte Andi und überhörte großzügig die zweideutige Anspielung, "Das ist übrigens sein Zwillingsbruder." Er deutete auf ein Bild von Tom.
"Ghetto-Klamotten", war das einzige was Sascha dazu sagte und der Ton klang nicht sehr freundlich.

Am späten Nachmittag schafften sie Saschas Sachen von Marinas Wohnung rüber. Andi hatte einen halben Haushalt erwartet, doch es waren nur zwei Reisetaschen voll. Marina war nicht anwesend, aber Sascha hatte ihr einen Zettel hinterlassen und würde sie morgen ja ohnehin wieder im Theater sehen. Andi wollte gar nicht so genau wissen, was Sascha ihr für ein Märchen auftischte.

Sascha wollte früh schlafen gehen, weil der nächste Tag anstrengend werden würde. Es sollte eine in den Tagen zuvor einstudierte Choreografie vor einer Jury aufgeführt werden. Da durfte man sich keine Fehler erlauben.
Mit leuchtenden Augen erklärte er Andi den genauen Ablauf. Er war überhaupt nicht nervös oder aufgeregt, sondern schien es kaum erwarten zu können, dass es endlich losgeht.

"Toi, toi, toi, Sascha. Ich drücke dir die Daumen."
"Also gute Nacht dann", sagte Sascha und ging hinaus, drehte sich in der Tür aber noch mal um, "Ich bin übrigens nicht der Typ, der große Dankesreden hält. Vielleicht werde ich aber bald Gelegenheit haben, mich zu revanchieren. Freunden gegenüber bin ich nicht kleinlich."
Er grinste süß und verschwand.

Andi schaltete den Fernseher an und begann, wild durch die Programme zu zappen. Ab und zu blieb er bei einem Musikvideo länger hängen, aber eigentlich konnte er sich im Moment auf gar nichts richtig konzentrieren.
Am liebsten wäre er jubelnd in die Luft gesprungen. Am Morgen war er noch mit schlotternden Knien zum Theater geschlichen, nur um Sascha von weitem sehen zu können und jetzt muckelte sein Schatz nebenan im Bettchen. Endlich hatte es das Schicksal mal gut mit ihm gemeint.

Plötzlich klingelte das Telefon. Ein Kommilitone wollte dringend etwas aus dem Seminar wissen - anscheinend ging es um Leben und Tod.
"Moment mal, ich hole meine Aufzeichnungen", sagte Andi, aber im nächsten Moment fiel ihm ein, dass der Hefter im anderen Zimmer lag.

Er überlegte kurz und ging dann in den Flur. Leise öffnete er die Tür und schlich zum Schreibtisch, wo er den Hefter an sich nahm. So sehr er es auch versuchte, er konnte nicht verhindern, dass er zu Sascha sah und langsam zum herüber Bett ging. Das Licht, das durch den Türspalt fiel, ließ gerade die Konturen erkennen.
Langsam streckte Andi seine Hand nach Saschas Gesicht aus und fuhr ihm in einiger Entfernung mit den Fingerspitzen über die Wange, den Mund, die Nase und die Haare. Er wusste selbst nicht, warum er diesem Drang nicht hatte widerstehen können, schlich nun aber mit einer Art Befriedigung hinaus.

"Morgen kommt Knoblauch vor die Tür", hörte Andi hinter sich ein Nuscheln.

"Wenn es mir da nicht gefällt, dann haue ich einfach ab", sagte Sascha zu Andi, bevor sie den Club betraten.
"Schon klar. Dasselbe gilt übrigens für mich", erwiderte Andi.
*Mal sehen, wer es länger aushält.*

Kaum hatte er den Laden betreten, wäre Andi am liebsten sofort wieder abgehauen, sah er doch tatsächlich eine Tusse mit echtem Pelz auf den Schultern. Wenn Andi etwas aus dem Stand auf 180 brachte, dann war es Tierquälerei - und nichts anderes war Pelzzucht in seinen Augen. Doch bevor sich seine Erregung steigern konnte, fasste ihn jemand an der Schulter.

"He Andi, da bist du ja endlich", sagte Bill und umarmte ihn, "Was wäre die Feier ohne Ehrengast."
"Freut mich auch, dich zu sehn. Aber das mit dem Ehrengast lass mal lieber. Ich will hier nicht so gerne im Mittelpunkt stehen."
"Schon klar", meinte Bill, "Deinen Begleiter kenne ich ja schon, wenn auch nur vom Bild her."
Er streckte Sascha die Hand entgegen.
"Das gleiche gilt für mich", sagte Sascha, "Ich hab mir neulich ein paar nette Artikel über dich angesehen."
"Also Bill, das ist Sascha, ein guter Freund, und Sascha, das ist Bill, ein … äh … guter Freund", sagte Andi, worauf die beiden Angesprochenen in Lachen ausbrachen.
"Wie lange hast du diesen Satz einstudiert?", fragte Bill.
"Er tut seit Tagen nichts anderes", sagte Sascha und wieder lachten die zwei.
*Oh Mann, die haben offenbar beide einen Clown gefrühstückt. Das kann ja heiter werden*, dachte Andi.

"Schöner Club", meinte Sascha und sah sich um, "Dein Stammlokal?"
"UNSER Stammlokal", antwortete Bill, "Ich spreche immer im Plural - typisch Zwilling halt."
"Ah klar, ich vergaß. Obwohl du mir schon wie ein Unikum erscheinst - jedenfalls nach dem, was ich bislang von dir gesehen habe. Ich war restlos begeistert und das kommt bei mir nicht allzu oft vor."
"Echt? Du bist ja auch im Showgeschäft, sozusagen. Das sollten wir mal genauer besprechen. Ich bin da nämlich im Moment ein wenig auf der Suche und für jede Anregung dankbar", sagte Bill, dem man ansah, wie sehr ihn Saschas Lob freute.

"Sag mal, Andi, kannst du uns nicht etwas zu trinken besorgen?", fragte Sascha.
"Genau, Andi, das wäre nett. Du siehst ja, dass wir wichtiges zu besprechen haben", ergänzte Bill.
"Ich bin doch hier nicht der Oberkellner", protestierte Andi.
"Bis eben war noch eine Stelle als Ehrengast frei. Die hast du ausgeschlagen und ich habe die Rolle soeben neu besetzt", sagte Bill und schaute kurz zu Sascha, "Nun wirst du leider zu niederen Tätigkeiten eingeteilt."
Als die beiden wieder anfingen zu lachen, machte sich Andi freiwillig auf den Weg und kämpfte sich zur Bar durch.
*Eine Feier im kleinen Rahmen*, dachte Andi ironisch angesichts der Menschenmenge.

Wenig später war er wieder zurück, aber Bill und Sascha bemerkten ihn gar nicht, so sehr waren sie in ihr Gespräch vertieft.
"Haaallooooo!", rief Andi, "Die Getränke sind da. Ich hab leider nur Sekt ergattern können. Die kommen da ja überhaupt nicht hinterher."
"Dies ist Champagner und kein Sekt - der kommt uns nämlich gar nicht erst ins Haus", sagte Bill, "Und beim Personal sind gerade heute zwei Tresenkräfte erkrankt. Was soll man machen? Aber nun zum Wohl."
Kaum hatten sie die Gläser angesetzt, als Bill und Sascha die Gesichter verzogen.
"Andie?!", stöhnte Bill.
"Das ist ja pisswarm", schimpfte Sascha.
"Ja, Entschuldigung. Bin ich jetzt auch noch für die Temperatur der Getränke zuständig?"
"Hol mal neu. Und sag dem Idioten, dass mittlerweile der Kühlschrank erfunden wurde. Er soll ruhig regen Gebrauch davon machen."

"Das kann doch jemand anders machen."
*Endlich ein wahres Wort*, dachte Andi, der die Stimme sogleich erkannte.
"Hallo Tom."
"Schön, dass du hier bist", sagte Tom, "Ich kümmere mich erstmal um das Problem."
Dann brüllte er zweimal durch den Saal und schon kam jemand angerannt, der die Sektgläser an sich nahm und sich nach den Wünschen erkundigte.

"Ich muss dich unbedingt unter vier Augen sprechen", sagte Tom zu Andi.
"Ja gut. Die beiden werden mich ohnehin nicht vermissen."
"Dann komm mal mit nach hinten. Dort sind wir ungestört."

Er führte Andi in ein kleines gemütliches Zimmer, äußert nobel eingerichtet - die Möbel aus Edelholz und teure Stoffe an den Wänden. Neben einem Tisch mit drei Stühlen und einigen Schränken befand sich hier ein breites Bett mit einem Baldachin aus purpurnem Samt.

"Ich mach uns erstmal etwas zu trinken", sagte Tom und ging zu einem Schrank, der sich als Bar entpuppte.
"Aber bitte nichts allzu starkes. Ich möchte noch eine Weile meinen klaren Verstand behalten."
"Keine Bange. Das wird eine Spezialmischung, die nur ein bisschen auflockert. Dagegen ist doch wohl nichts zu sagen. Du vertraust mir doch, oder?", fragte Tom.
"Nein, nein … äh klar, vertrau ich dir", versicherte Andi und beobachtete Tom aufmerksam.

Andi hatte das Gefühl, als wollte Tom ihn nicht sehen lassen, was er in die Gläser füllte, denn dieser stellte sich mit der ganzen Körperbreite davor. In der Bar befand sich allerdings ein Spiegel, in dem Andi jeden Handgriff verfolgen konnte. Anscheinend war alles genau vorbereitet - zwei Gläser und verschiedene Flaschen, aus denen Tom sich rasch bediente. Dann rückte er noch dichter an die Bar heran, so dass Andi Schwierigkeiten hatte, den Spiegel zu sehen. Dennoch entging ihm nicht, wie Tom geschwind ein kleines Tütchen öffnete und ein Pulver in eines der Gläser schüttete.

*What the fuck? Spinnt er jetzt total?*
Andi wäre am liebsten sofort aufgesprungen und hätte Tom zur Rede gestellt. Er hasste dieses Drogenzeug.
*Aber bin ich seine Amme?", dachte er, *Wenn Tom den Stoff unbedingt braucht, dann soll er doch. Würde ja doch nichts helfen, wenn ich jetzt hier Rabatz mache. Später kann ich das immer noch ansprechen.*

Tom rührte klirrend das Gebräu durch und kehrte dann mit beiden Gläsern zum Tisch zurück.
"Wohl bekomm´s", sagte er breit grinsend.
Andi konnte es kaum fassen, aber ein Irrtum war ausgeschlossen: Tom hatte ihm das Teil mit dem gewissen Extra hingestellt. Er wusste selbst nicht, warum er nicht spätestens jetzt ausrastete, sondern stattdessen langsam das Glas zum Mund führte und an dem Gebräu nippte.
"Wirklich lecker", sagte er mechanisch.
"Trink nur, Nachschub ist kein Problem", ermunterte ihn Tom.
*Das glaube ich gern*, dachte Andi und stellte das Glas ab.

Tom schob seinen Stuhl ganz dicht zu Andi heran.
"Ich wollte mich übrigens noch bei dir entschuldigen. Was da in Magdeburg vorgefallen ist, war nicht in Ordnung von mir. Ich wusste ja nicht von dir und Sascha. Aber letztlich ist das auch keine Rechtfertigung für mein Verhalten."
"Sascha?", fragte Andi erstaunt, "Hat Bill dir davon erzählt?"
"Viel weiß er ja selbst nicht. Er kann natürlich keine Geheimnisse vor mir haben."
"Und was sagst du nun dazu? Ich meine, dass ich auf einen Jungen stehe?", fragte Andi vorsichtig.

Er musste sich nun doch eingestehen, dass ihm Toms Meinung nicht völlig egal war. Immerhin kannte er Tom besser als Bill und dieser war ihm stets näher gewesen. Nachdem die Twins in der Schule zur 7.Jahrgangsstufe getrennt worden waren, war Andi mit Tom in eine Klasse gegangen. Sie hatte denselben Humor und waren auch gerne mal zusammen gegenüber den Mitschülern evil gewesen.

"Ich freu mich für dich, ehrlich", sagte Tom und fasste nach Andis Hand, "Bill und ich sind uns in letzter Zeit auch noch näher gekommen."
"Sicher wegen eurer Mutter. Ich hoffe, es geht ihr gut."
"Ich glaube, du verstehst falsch. Bill und ich sind jetzt zusammen."
"Aber ihr wohnt doch schon immer zusammen in einer Wohnung", sagte Andi, während Tom noch dichter an ihn heranrutschte, "Moment mal, soll das heißen …?"
"Ja, genau. Wir sind ein Paar."

Andi kam es vor, als hätte sich eine Vorahnung bestätigt. Deshalb war er zu seiner eigenen Verwunderung kaum großartig überrascht oder gar schockiert. Er glaubte zudem, dass Bill, dessen Liebebedürftigkeit er kannte, wohl nur im Moment auf ganz besondere Weise von seinem Bruder getröstet wurde. Und da er selbst wusste, wie plötzlich sich seine Gefühle für Sascha entwickelt hatten, konnte es ihn kaum erstaunen, wenn es anderen Menschen ebenso erging.
*Vielleicht ist ja der Schritt von inniger Bruderliebe zur richtigen Liebe sogar kleiner, als jener vom eingebildeten Hetero zum Liebhaber eines Geschlechtsgenossen*, dachte Andi.

Tom begann langsam, Andis Arm zu streicheln.
"Nimm doch noch einen Schluck."
Aber wieder nippte Andi nur am Glas.

"Du hast gekleckert", sagte Tom und fuhr mit dem Zeigefinger an Andis Unterlippe entlang.
"Erzähl doch noch ein bisschen von Sascha. Der Junge sieht ja wirklich geil aus, wie ich zugeben muss."

Obwohl er nur sehr kleine Schlucke genommen hatte, merkte Andi bereits eine leichte Wirkung. Seine Wahrnehmung verschleierte sich etwas und er bekam ein angenehm leichtes, wohliges Gefühl. Und so begann er munter, über Sascha zu plaudern. Und dabei schien er zunächst gar nicht zu bemerken, dass Tom kaum zuhörte, sondern sich immer weiter seinem Körper zuwandte. Toms Finger streichelten so ziemlich jeden erreichbaren Körperteil Andis, ganz zärtlich, ganz sanft. Seine schönen, braunen Augen sahen ihn verführerisch an und näherten sich immer mehr den seinen.

Schließlich stand Tom auf und zog Andi am Arm hoch. Er führte ihn langsam zum Bett und schien ihn weiter mit seinen Augen zu hypnotisieren.

"Was wird das eigentlich, wenn´s fertig ist?", fragte Andi, als Tom ihm unter das Shirt griff.
"Versöhnungssex", antwortete Tom unverblümt.

Andi wollte zurückweichen, aber Tom hatte ihn nun an sich gepresst.
*Jetzt wird mir einiges klar*, dachte Andi und war mit einem Schlag wieder nüchtern, *Der gute Tom führt mich in ein Separée mit breitem Bett, gibt mir heimlich ein paar Drogen, haucht eine Entschuldigung und hofft mich dann ordentlich durchficken zu können - so eine miese Ratte, so eine keine Sau. Nach dieser Art hat er wohl früher seine Schicksen erlegt.*

Tom spürte, dass Andi zögerte und ging deshalb in die Offensive. Er hielt Andis Kopf mit beiden Händen fest und presste seine Lippen schnell auf Andis. Da Andi etwas einwenden wollte, öffnete er seinen Mund, in den Tom sogleich mit seiner Zunge eindrang.

Andi ahnte, dass er den Kampf verloren hatte - zu sehr genoss er jetzt Toms Liebkosungen. Automatisch presste er nun auch Tom an sich, schickte ihm willig seine Zunge entgegen. Aber er wollte es nicht - nicht so. Sollte er nur eine berechenbare Größe in Toms Plan sein? Eine Art dummes Girlie, das man mit ein paar geübten Tricks dazu brachte, die Beine breit zu machen?

Eine Weile stand es auf Messers Schneide, ob Andi sich nun doch ganz hingeben oder die Kontrolle behalten würde. Toms Augen waren die reinste Verführung und jede Sünde wert.
*Mit diesem Checkerblick hat er sicher manch ein Häschen auf den Rücken gelegt.*
Es war wie bei einem Hypnotiseur - ein kleiner Moment der Schwäche hätte Andis Bewusstsein endgültig ausgeschaltet und ihn völlig Toms Willen ausgeliefert.

Aber er wollte die Kontrolle behalten. Mit diesem festen Entschluss drang seine Zunge nun in Toms Mund ein - stürmisch, tief - so tief, dass Tom seinen Kopf eilig zurückziehen wollte. Doch Andi hielt ihn fest und erlöste ihn erst Sekunden später.

"Eh, du gehst ja ran, Alter", sagte Tom außer Atem.
"Hast du etwas anderes erwartet?", fragte Andi und zog ihm das Shirt aus.
Als Tom dasselbe bei ihm tun wollte, blockte er dies ab und machte sich sofort an dessen Hose zu schaffen. Nachdem er den Gürtel und die Knöpfe geöffnet hatte, fuhr er mit der Hand hinein und massierte Toms bestes Stück zärtlich. Dabei begann er wieder, Tom stürmisch zu küssen.

*Nicht ich werde die Kontrolle verlieren, sondern du, mein Schatz*, dachte Andi, während er befriedigt feststellte, dass Tom immer mehr Blut in die untere Region schickte.
Er fuhr mit der Hand in die Boxershorts und umfasste die Erektion, was Tom leise aufstöhnen ließ.

Es war erst das zweite Mal, dass Andi das Geschlechtsteil eines anderen Jungen in Händen hielt. Bei Sascha war es seinerzeit nur ein sehr kurzfristiges Vergnügen gewesen. Heute wollte er die Sache jedoch ganz auskosten. Schnell und fest rieb er an Toms Glied, dessen beachtliche Größe ihn erstaunte. Es war ein geiles Gefühl für ihn, Toms Erregung kontrollieren zu können.

Immer, wenn Tom sich an Andis Shirt oder Hose zu schaffen machen wollte, blockte Andi dies ab, indem er seine freie Hand dazwischen schob und gleichzeitig den Betrieb der anderen Hand intensivierte. Zur Not half es auch, Tom wieder die Zunge tief in den Hals zu stecken.

Nach einer Weile keuchte Tom nur noch vor Verlangen, während Andi seinen Körper mit Küssen bedeckte. Es war Andi ein Vergnügen, Tom so viele Knutschflecke wie möglich zu verpassen, besonders am Hals, wo nach einiger Zeit kein freier Platz mehr zu sein schien.

Als Toms Stöhnen in ein lustvolles Quicken überging und die Erektion so hart wie Beton war, näherte sich Andi mit seinem Mund Toms linkem Ohr.
"Für 1000 EURO blase ich dir einen", flüsterte er.
Es dauerte eine Zeit, bis Tom reagierte.
"W-W-Was?"
"Ist doch sicher Kleingeld für dich. Zwei große Scheine für einen Blowjob."

Andi genoss es, Toms verstörtes Gesicht zu sehen, während er unaufhörlich Toms Glied weiterbearbeitete.
"Ja, klar. Kriegst das Geld. Ich hab nur … im Moment. Soll ich’s holen?"
"Willste du etwa mit der Latte zum Bankautomaten? Das kann warten", sagte Andi, gab Tom einen Kuss und ging dann in die Knie.

Er zog die Hose samt Boxershorts herunter. Toms Glied federte in die Höhe und klatschte gegen den Unterbauch.
*Ein herrliches Geräusch*, dachte Andi, dem es längst selbst auch eng in der Hose wurde.

Er betrachtete Toms bestes Stück, das hoch aufgerichtet, pulsierend vor ihm stand und musste sich eingestehen, dass er vom Blasen wenig Ahnung hatte. Also riskierte Andi erstmal einen näheren Blick, obwohl er ja eigentlich durchaus wusste, wie so ein Teil aussah, da er selbst mit einem solchen bestückt war und diesem oft genug Zuwendungen zukommen ließ.

Er zog die Vorhaut ein Stückchen weiter zurück und begann, die Spitze mit der Zunge zu berühren. Tom quittierte das Tun mit einem Stöhnen, wobei er Andi mit den Händen den Kopf zu streicheln begann.
Andi leckte den gesamten Schaft und widmete sich immer wieder ausgiebig der Eichel, der empfindlichsten und empfänglichsten Stelle. Bald war Toms ganzer Penis mit einer glänzend feuchten Schicht überzogen.

Als Andi sah, dass aus der Spitze ein Lusttropfen trat, presste er diesen sanft heraus und nahm ihn dann mit der Zunge auf. Es war das erste Mal, dass er Sperma im Mund spürte - es schmeckte etwas seifig und leicht salzig zugleich. Nun konnte er es nicht mehr erwarten, Toms Erektion in den Mund zu nehmen.

Er fasste mit beiden Händen an Toms Po, war angenehm von der weichen, zarten Haut und der festen Rundung des Hinterns überrascht, und zog ihn zu sich heran. Seine einzige Furcht war, dass er Tom mit den Zähnen wehtun könnte, aber diese Sorge stellte sich bald als unbegründet heraus.

Zunächst bewegte Andi seinen Kopf, aber bald kam der Rhythmus aus Toms Hüfte. Andi streichelte sanft Toms Hoden, dessen Lustlaute immer hemmungsloser wurden und nach kurzer Zeit wie das Quieken eines Meerschweinchens klangen. Bald bemerkte Andi, dass Tom gleich soweit sein würde und er bemühte sich, die Kontrolle zurück zu gewinnen, die ihm fast entglitten war.

Als er in seiner Hand spürte, wie sich Toms Hoden zusammenzogen und als auch Toms Atem in schwere Stöße überging, wusste Andi, dass der Point of no Return erreicht war. Tom würde nun kommen und nichts könnte es aufhalten.

*Du musst ein Schwein sein in dieser Welt.*

Andi erhob sich rasch und ging einen Schritt zurück. Er war stolz auf sich, dass er die Kraft hatte, dies wie geplant durchzuziehen.

Vor ihm stand Tom der gerade noch seine Miene entsetzt verziehen konnte, bevor aus seiner zuckenden Erektion einige ganz beachtliche Schüsse durch das Zimmer flogen. Tom selbst schien von einigen Krämpfen geschüttelt und dennoch wusste Andi, wie unbefriedigend das Ergebnis für ihn sein musste - ein Höhepunkt, der eigentlich keiner war: no touch = no fun.

Andi nahm sein Glas vom Tisch und schüttet es auf die Stelle im Teppich, auf der sich jetzt ein großer Spermafleck befand.
"Ich mag so ein Aufputschzeug nicht", sagte er zu Tom, der langsam wieder klar aus den Augen gucken konnte.
"Ach daher weht der Wind. Na, dann sind wir jetzt aber quitt."
"Nichts da", meinte Andi, "Das eben war für die Sache in Magdeburg. Dafür, dass du mir irgendwelche Drogen unterschieben wolltest, brauchen wir noch mal Versöhnungssex, später."
"Und was ist mit den 1.000 EURO?"
"Ich nehme doch kein Geld von dir - Schatz."

Tom schaute ihn total überrascht an, aber dann setzte er das breiteste Grinsen und süßeste Checkerlächeln auf, das er zu bieten hatte.

*Das nächste Mal werde ich diesem Blick erliegen, das schwöre ich. Ich werde mich dir hingeben, wie es nie eine deiner Tussis je vermocht hat*, dachte Andi und verließ das Zimmer.
Er musste schnell die nächste Toilette aufsuchen, um sich Erleichterung zu verschaffen. Darin hatte er einige Übung.

Andi brauchte nicht lange, da er bis unter die Haarspitzen von der Nummer mit Tom erregt war. Keuchend kam er zum Höhepunkt. Anschließend wusch er sich die Hände und das Gesicht.
*Versöhnungssex? Unglaublich, das hätte ich von Tom am wenigsten erwartet*, dachte er und musste schmunzeln.

Andi verließ die Toilette und blickte sich um. Der hintere Bereich des Clubs schien mindestens so groß zu sein wie der vordere. Von den verwinkelten Fluren gingen überall Türen ab.
*Wer weiß, was hier so alles läuft?*
Im Moment schien alles völlig ruhig. Aber der Abend war ja noch lang und die Party hatte erst begonnen - für Andi allerdings mit einem Hochstart.

*Vielleicht sollte ich doch mal gleich mit Tom reden?*, überlegte er, *Vorne im Saal ist eine richtige Unterhaltung kaum möglich und später wird er vielleicht auch zugedröhnt sein.*
Plötzlich tat es ihm irgendwie leid, dass er Tom hatte so stehen lassen.

Also ging er zurück zu dem Zimmer, klopfte und trat ein. Es war aber niemand mehr dort. Die leeren Gläser standen unverändert auf dem Tisch.
*Wahrscheinlich ist er gleich nach mir gegangen.*

Als Andi wieder auf dem Flur stand, hörte er Tom und Bill miteinander reden. Sie mussten gleich um die nächste Ecke stehen. Er wollte gerade freudig zu ihnen gehen, hielt dann aber inne und lauschte dem Gespräch.

"Und war es nun so schlimm?", fragte Bill.
"Ich hab das nur für dich getan, das weißt du", antwortete Tom.
"Dafür hast du dir auch eine Belohnung ver…"
Das letzte Wort vernahm Andi nur undeutlich, dafür aber Schmatzgeräusche und leichtes Stöhnen.
"Nicht hier Bill. Lass uns woanders hin gehen."

*Mist*, dachte Andi nervös.
Die Twins sollten auf keinen Fall mitbekommen, dass er ihr Gespräch gehört hatte. Er stolperte zurück in das Zimmer. Schritte näherten sich.
*Fuck!*
Andi riss den Schrank neben der Bar auf.
*Groß, leer - hinein!*

"Das Bett ist ja unbenutzt", sagte Bill erstaunt.
"Wollen wir das vielleicht ändern?"
"Erzähl doch erstmal. Wie war´s mit Andi?", fragte Bill.
"Lief nicht ganz so, wie ich gedacht hatte. Blasen kann er, das muss man ihm lassen. Ist offenbar ein Naturtalent. Aber mehr lief nicht."
"Warum hast du nicht dein Checkersmile ausgepackt? Du wolltest nicht wirklich, stimmts?"
"Doch ehrlich Bill, ich hab´s versucht", versicherte Tom, "Aber er hat alle meine Versuche abgeblockt und mich irgendwie willenlos gemacht."
"Ach, hat er dich benutzt, mein Kleiner?", fragte Bill schelmisch und streifte Tom das Shirt über die Schultern.

Andi hatte die Schranktür einen Spalt weit geöffnet. Er mochte seinen Augen und Ohren kaum glauben.

"Aber das schlimmste kommt erst noch. Gerade, als ich meine Ladung in seinem Mund abdrücken wollte, steht er auf. So einen beschissenen Abgang hatte ich noch nie", jammerte Tom und zog nun Bill das Shirt aus.
"Das tut mir echt leid. Aber ich wollte unbedingt, dass ihr euch wieder vertragt", sagte Bill und begann, Toms Oberkörper zu küssen, "Er war doch immer unser bester Freund. Jetzt wo er in Hamburg ist, kann es doch wieder werden wie früher."

Andi fand es irgendwie rührend, dass Bill ihm seinen Tom "geborgt" hatte, um ihre Freundschaft zu retten. Allerdings konnte er diesem Gedanken nicht allzu sehr nachhängen, da sich sein Denkvermögen beim Anblick der aneinander herumspielenden Twins zunehmend in die Körpermitte verlagerte.

"Und dieser Sascha, wolltest du nicht vielleicht versuchen, mit dem …?", fragte Tom.
"Ein geiler Typ, keine Frage. Doch ich fürchte stockhetero."
"Aber gefallen hat er dir?"
"Mehr als das. Was glaubst du, warum ich so aufgegeilt bin?", fragte Bill und schubste Tom aufs Bett, wo er ihm die Hose auszog.
Tom tat es ihm gleich und schon lagen die Zwillinge nebeneinander, nur mit Boxershorts bekleidet.

"Weißt du, wie lächerlich das aussieht", fragte Bill und deutete auf Toms ziemlich große Beule in der Unterwäsche.
"Ich dachte, das erregt dich", sagte Tom und schlug Bill ein Kissen auf den Kopf, "Bei dir sieht das übrigens nicht besser aus. Aber Moment, das Problem lässt sich beseitigen."
Tom zog erst seine, dann Bills Boxershorts aus.
"Besser so?"
"Viel besser", säuselte Bill und legte sich auf Tom.

Andi öffnete vorsichtig seine Hose und ließ die Hand hineingleiten. Obwohl er dasselbe erst wenige Minuten zuvor getan hatte, war der Drang danach schon wieder übermächtig. Kein Wunder, bei der Show, die ihm geboten wurde.
Mit einem Mal kam ihm eine Idee. Er fummelte sein Handy hervor und schaltete die Videofunktion ein. Dann filmte er durch den schmalen Türspalt das Bett, auf dem sich die Zwillinge immer mehr in ihrer Ekstase steigerten.

"Mal sehen, ob ich so gut wie Andi bin", sagte Bill und begann, an Toms Erektion zu saugen.
Irgendwie geilte es ihn die Vorstellung auf, dass noch vor kurzem sein bester Freund hier rumgelutscht hatte. Schnell wurde Tom ganz fest und hart und Bill schmeckte den ersten Lusttropfen. Tom stöhnte laut auf.
"Du kannst es wohl gar nicht erwarten?, fragte Bill, "Und was ist mit mir?"
Als er keine Antwort bekam, drehte er sich einfach langsam, ohne Toms Glied aus dem Mund zu lassen, bis seine Körpermitte genau über Toms Gesicht war und drückte sein Becken herunter. Bill spürte, wie Toms Lippen gierig nach seinem Penis schnappten.

Andi hatte Mühe, das Handy ruhig zu halten, während er gleichzeitig sein bestes Stück mit der anderen Hand verwöhnte. Der Anblick machte ihn wahnsinnig vor Geilheit, noch dazu die lauten Saug- und Schmatzgeräusche der Twins.

Toms tätschelte Bills Po und seine Finger näherten sich immer mehr der Rosette.
"Bill, ich kann es nicht mehr lange halten", flehte er.
Bill ließ sofort von Toms Erregung ab, um ihn nicht vorzeitig zum Höhepunkt zu treiben.
"Keine Angst, ich bin kein Sadist wie Andi."
Er stieg von Tom, gab ihm einen zärtlichen Kuss und öffnete die Schublade des Nachttisches, der neben dem Bett stand. Mit einer Tube Gleitgel wandte er sich nun wieder seinem Bruder zu und verteilte ein wenig von der Substanz auf dessen Glied.
"Nun du."

Bill ging in die Hündchenstellung, wobei er seinen Kopf auf das Bett legte und den Po hoch hinausstreckte. Tom nahm etwas Gel und schmierte es sanft auf Bills Anus. Danach drang er vorsichtig mit einem Finger ein, bewegte ihn ein wenig in Bill und nahm einen zweiten dazu. Bill hatte die Augen geschlossen und gab Laute tiefer Wollust von sich.

Andi beobachtete diese Szene von der Seite. An der Bewegung von Toms Hand sah er, was dieser gerade tat. Begierig starrte er auf Toms Erektion, die steil aufgerichtet pulsierte.

Tom beugte sich hinunter, küsste jede von Bills Pobacke, was dieser wohl als Signal verstand.
"Ich stell mich hinter dich", flüsterte Tom und zog Bill etwas mehr zum Rand des Bettes.
Dabei drehten sie sich so, dass Andi das ganze nun von hinten zu sehen bekam und genau beobachten konnte, wie Tom in Bill eindrang.

"Du bist so geil", stöhnte Tom und nahm in kurzer Zeit mächtig Fahrt auf.
Das ganze Bett samt Baldachin fing an zu wackeln, als Tom wie im Rausch wieder und wieder hineinstieß. Sein Gemächt klatschte gegen Bills Unterseite und auch Bills Glocken läuteten heftig. Tom lehnte sich nach vorne und biss Bill sanft in den Rücken.

Andi zoomte dicht heran. Ihn erinnerte die Szene an die Besteigung einer Stute durch einen Deckhengst, die er mal als Kind beobachtet hatte. Nur dass Tom nicht wieherte, sondern wieder diese quiekenden Meerschweinchengeräusche von sich gab.

Nach einer Weile wechselten die Zwillinge die Stellung. Hierfür genügten kurze Zeichen - sie schienen ein eingespieltes Team zu sein.
Tom, der von seinem rasanten Begattungsspiel erschöpft war, lag nun unten. Bill hatte sich auf ihn gesetzt, das Gesicht zu seinem Bruder gewandt, und übernahm die "Arbeit", indem er einen heißen Ritt auf Toms Erektion begann.

Wieder hatte Andi beste Sicht und hielt die Linse voll drauf. Er keuchte auch schwer, bemühte sich aber krampfhaft, nur ja kein Geräusch von sich zu geben.

Tom hatte Bills Glied mit beiden Händen umfasst und massierte es auf und ab, im Takt von Bills Bewegungen. Beide hatten die Augen geschlossen und stöhnten laut.
"Tom, ich …"
Noch bevor Bill den Satz beenden konnte, spritzte er seinen Saft über Tom, der die Augen öffnete, um diesen Anblick nicht zu verpassen. Eine unglaubliche Menge weißlicher Flüssigkeit landete auf Tom - vom Hals bis zum Unterbauch.
Dies brachte nun auch Tom zum Höhepunkt, der sich mit zuckenden Stößen in Bill ergoss.
Schwer atmend, legte sich Bill neben seinen Bruder.

Für Andi war dies auch zu viel. Die letzte Bewegung seiner Hand ließ ihn kommen.
"Ah!"
Andi wollte sich noch schnell die Hand vor den Mund halten, aber dort hielt er das Handy. Also biss er in seinen Arm - aber zu spät.

"Was war das?", fragte Tom und richtete sich auf.

*Ups*, dachte Andi schockiert, *Jetzt wird unsere wiedergewonnene Freundschaft gleich auf eine harte Probe gestellt.*

Aber die Twins hatten anscheinend gar nicht mitbekommen, von wo das Geräusch gekommen war, denn beide starrten zur Zimmertür.
"Ey, Tom, wir haben das Haus voller Gäste, schon vergessen?", rief Bill und sprang auf.
"Meinst du, die vermissen uns schon?", fragte Tom, nahm ein Tuch aus dem Nachtisch und begann, sich den Oberkörper abzuwischen, "Eigentlich könnte ich jetzt ´ne Dusche gebrauchen."
"Quatsch, mach hinne. Deine Dusche hattest du doch schon."

Andi war immer noch zur Salzsäule erstarrt und traute sich kaum zu atmen. Die Hand, in der er das Handy hielt, hatte er heruntergenommen. Nun filmte er also das dunkle Innenleben des Schrankes, da er es nicht wagte, eine Taste zu drücken, um sich nicht doch noch durch ein Geräusch zu verraten.

"Wirst du endlich fertig?", quengelte Bill, "Oder muss ich dir jetzt auch noch beim Anziehen helfen?"
"Das sagt der Richtige. Was musstest du mich so vollsauen? Und mein T-Shirt hast du auch total umgekrempelt - ey, und meine Hosenbeine auch. Bist du völlig Panne? Kein Wunder, dass es so lange dauert", beschwerte sich Tom.
"Beim nächsten Mal werde ich deine Klamotten erst ordentlich zusammenlegen, bevor ich dich verwöhne. Und was heißt, ICH hätte dich vollgesaut. Wenn ich mich richtig erinnere, hast DU fleißig alle Regler an meinem Duschkopf bedient."

Tom schnürte sich seine Schuhe zu, überprüfte noch mal, ob alles sitzt, bzw. in seinem Fall, ob auch alles ja nicht sitzt.
"Kann ich so gehen, Bill?"
"Wie man so gehen kann, frage ich mich schon seit Jahren", lachte Bill, "Keine Sorge, siehst aus wie immer. Und ich?"
"Na ja, bis auf die Haare und das Make-up …"
"Was?", kreischte Bill, "Was ist mit meinen Haaren?"
"Das war ein Scheeeheeerz."

Bill boxte seinem Bruder gegen den Oberarm.
"Also können wir?", fragte er und griff die Türklinke, "Wo ist eigentlich Andi?"
"Er ist vorhin gleich abgehauen. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen - wie auch? Du hast mich ja gleich hierher gezerrt. Vielleicht ist er bei Sascha. Ob zwischen den beiden was läuft?"
"Sagte ich doch schon, ich halte Sascha für stockhetero. Was muss Andi sich auch ausgerechnet in solch einen Märchenprinzen verlieben."
"Wo er selbst nur das Rumpelstilzchen ist."

Wieder boxte Bill seinem Bruder auf dieselbe Stelle.
"Das ist unser Freund!"
"Ja doch, ich mag ihn doch auch. Das war ein …"
"Ein Scheeeheeerz? Hattest du Scherzkekse zum Frühstück?"
"Ja, aber die waren nicht so süß wie du. Und wenn du mich weiter boxt, bin ich morgen grün und blau. Mir reichen schon Andis Knutschflecken - der hat an mir gesaugt, wie ein Baby an ´ner Zitze."
"Geschieht dir Recht. Nun aber raus."

Nachdem die Zwillinge hinausgegangen waren und die Tür wieder geschlossen hatten, verharrte Andi noch eine ganze Weile in seinem Versteck. Nur langsam beruhigten sich seine Sinne. Schließlich schob er vorsichtig die Schranktür auf. Er schaltete die Kamera des Handys aus. Am liebsten hätte er sich den Film sogleich einmal angesehen - und einige Teile davon ganz sicher in slow motion. Aber der Verstand untersagte es ihm.

Wenig später stand Andi wieder in der Menge der Gäste und sah sich um. Das typische Szenepublikum - keine Leute, mit denen Andi Lust hatte, auch nur ein Wort zu wechseln. Genau das hatte er befürchtet: nun stand er hier, wie bestellt und nicht abgeholt.
*Wo sind Bill und Tom? Und wo steckt Sascha?*

Er drängte sich durch und blickte immer wieder nach allen Seiten. Dann entdecke er Tom, der in größerer Runde an einem Tisch saß und lebhaft erzählte. Immer wieder lachten alle.
*Er hat wohl wirklich Scherzkekse gefrühstückt.*
Ein Mädchen saß halb auf Tom und hatte den Arm um seinen Hals gelegt. Er schien sie aber kaum zu beachten.
*Imagepflege. Wenn die das Video sehen würden …*

Dann sah Andi Bill, der in einer anderen Ecke des Saales stand. Hier war es umgekehrt: einige Leute redeten aufgeregt auf Bill ein, der immer wieder kurz auflachte, aber eigentlich irgendwie abwesend wirkte. Ab und zu nippte Bill an seinem Glas und guckte sogar hierbei stur in eine bestimmte Richtung.
*Träumt er vor sich hin?*, fragte sich Andi und folgte Bills Blick, "Ach, sieh mal an.*

Sascha tanzte dort mit einem Mädel. Die Beiden schienen einen Riesenspaß zu haben, denn sie lächelten sich breit an, wie Honigkuchenpferde. Man sah ihnen an, dass sie geübte Tänzer waren.
*Ob das eine Kollegin von ihm ist?*

Andi bemerkte die vielen anderen Augenpaare, die sich interessiert auf Sascha gerichtet hatten. Mit einem Mal bereute er, ihn mit hierher genommen zu haben.
*Was ist, wenn er eine Tusse abschleppt - zu uns in die Wohnung?", durchfuhr es ihn, *Wäre das nicht eigentlich das Normalste von der Welt? Warum hab ich da nicht früher dran gedacht?*

Andi malte sich aus, wie er nachts die entsprechenden Geräusche aus dem Nebenzimmer hören würde. Am nächsten Tag könnte ihm das Flittchen dann womöglich leicht bekleidet im Flur oder Bad begegnen - vielleicht gar am Frühstückstisch. Und wenn die zwei dann noch miteinander turteln würden?
*Oh, nein! Das halte ich nicht aus. Ich will doch nicht zum Mörder werden.*

Plötzlich war ihm elend zumute. Er fühlte sich hier völlig deplatziert und eilte kopflos dem Ausgang entgegen. An der Garderobe ließ er sich seine Jacke geben.
"Nicht so schnell", hörte Andi von hinten und spürte einen kurzen Schlag auf die Schulter.
Sascha stand direkt hinter ihm und wandte sich an die Garderobiere.

"Du willst schon gehen?", fragte Andi verwundert.
"Warum so erstaunt? Du hast doch offensichtlich dasselbe vor."
"Ja schon, aber du hattest doch gerade … äh … da drinnen … also das sah aus, als wenn du Riesenspaß hattest."
"Hatte ich auch", sagte Sascha, zog sich seine Jacke an und beide gingen hinaus, "Tanzen ist meine Leidenschaft. Aber das kann ich morgen auch wieder - muss ich morgen sogar, und zwar mehr, als mir lieb sein wird."
"Und das Mädchen?"
"Welches Mädchen?", fragte Sascha.
"Na, mit der du …"
"Ach die - gute Tänzerin. Hat man selten."
"Die war doch ganz … hübsch", sagte Andi vorsichtig.
"Schon möglich", meinte Sascha und hob die Hand nach einem Taxi.